Es war das Jahr 1981, als ein Kumpel diesen Brocken aus Vinyl auf meinen Plattenspieler legte und den Drehknopf am Verstärker Drehrichtung nach rechts bewegte. Die geliebten Schlager- bzw. Männerchorfans, mit denen ich frühstückte und zu Abend aß, waren aus dem Haus, der Bacardi-Cola war gemixt und somit war ich bereit für eine 'neue Grenzerfahrung', wie mir vollmundig seitens meines Freundes mitgeteilt wurde. Natürlich kannte ich die vorangegangenen Studioreleases der Band einigermaßen, aber irgendwie hatte mich das Ganze nicht vollständig überzeugen können. Mit anderen Worten: Als Fan konnte man mich nicht bezeichnen. Dabei rannte ich schon bei der leisesten Chance für irgendeine neue, harte Gitarrenmucke zu Peter's Plattenladen in Bruchsal, wo meistens Bernd, ein 100%-Metaller hinter dem Tresen stand. Ich hatte alles, was laut, möglichst brutal (was sich im heutigen Vergleich mit harter Mucke in den meisten Fällen erheblich relativiert) und in meinen Augen dennoch anspruchsvoll (also möglichst abartig und schockerzeugend) war, folglich stand mein Plattenschrank zu dieser Zeit schon mit einer für damalige Zeiten beachtlichen Sammlung von Punk- und Metalscheiben voll. Und dann ging es los.
Mit Ace Of Spades. Aber was war das denn? Hatte jemand den Staubsauger angestellt und an den Verstärker angeschlossen? Vor mir stand eine undurchdringliche Wand aus Gitarren-, Bass- und Schlagzeuggeböller und darüber schrie sich Lemmy die Stimmbänder wund. Ich konnte es nicht fassen. Wo war das bisschen Melodie, das man von der Studioscheibe kannte? Stay Clean war keinen Deut besser. Eine breiige Katastrophe. Das konnte doch nicht ernst gemeint sein!? So ein durchgehend eintöniges Gewummer hatte ich bisher nur einmal gehört: UK Subs mit Crash Course. Das war aber Punk! Die durften das! Aber eine Heavy Metal Band mit einem solchen undurchdringlichen Brett? Ich war entsetzt, mein Freund bezeichnete mich als Banause, wir besoffen uns, hörten Clash und Dead Kennedys und das war's dann.
Aber:
Die Scheibe ging mir nicht mehr aus dem Kopf, diese Erfahrung war einfach zu abartig. Eine Woche später latschte ich aus dem Plattenladen, hockte mich auf's Moped, fuhr nach Hause, holte eine Half Gallon Bacardi aus dem Schrank und machte es mir gemütlich. Und binnen Stunden war ich dieser Scheibe verfallen. Mit jedem Durchlauf und mit zunehmend benebelterem Bewusstsein verhielten sich die Klänge genau antiparallel zu meinem Gehirn und es kristallisierten sich die Songstrukturen zunehmend klarer heraus. Was für eine Scheibe. Brutaler als alles, lärmiger als ein Düsenjet und so kompromisslos und authentisch wie kein zweites Album in diesem Universum.
Und heute, 30 Jahre später, nachdem mich mein 14-jähriger Junior inzwischen zum dritten Motörhead-Gig geschleppt und mich dadurch wieder in den Bann des Lemmy Kilmister gezogen hat, kann ich diesem Urviech nur Positives bescheinigen. Es gibt wohl wenige ehrlichere und konsequentere und dabei immer noch bodenständige und menschlich bemerkenswerte Musiker wie ihn. Ein glücklicher, zufriedener Mann, der seinen Traum lebt und den Millionen Headbanger zu Recht vergöttern.
Und No Sleep 'Til Hammersmith? Hat keinen Deut seiner Intensität verloren. Ein Wahnsinn in Rillen gepresst. Unübertroffen. Ein Monument an Musik. Und die Ursuppe für alle harten Genres, die sich später entwickeln sollten. Ich bin davon überzeugt, dass es keine Scheibe gibt, die Bands aus allen härteren Gangarten des Metal wie Speed- Trash- Doom-, etc., Industrial, Noise, Hardcore und so weiter und so fort, mehr beeinflusst hat als diese. Eine Grenzerfahrung! Hatte er also doch recht, mein Kumpel!