Das bisher primär für Postrock geschätzte Berliner Sinnbus-Label wird elektronisch. Wenig überraschend: Auch hier finden sich echte Außergewöhnlichkeiten. Die beiden Herren hinter Bodi Bill haben schon manches Mal überzeugt - zumindest Kenner von verhuscht hibbeligem Intelligent Techno. Mit Bodi Bill werden ihre Samplersongs greifbarer, fast möchte man sagen: poppiger. Allein, von schnödem Pop ist das so weit weg wie ihr maximal ausdiversifiziertes Notebook-Geklacker von Dieter Bohlen-Songästhetik. Ihre Sample-Spaziergänge durch Beats, Geräusche und Platinen-Verlötungen erhalten ihre höchst eigenwillige, authentische Griffigkeit durch den eindringlichen Einsatz schöner, meist anrührend trauriger Gesangslinien, träumerisch gezupften Gitarren und live gespielten Streichinstrumenten. Das ist wunderbar zu Ende gedachter Notebook-Pop von zwei echten Stilemphaten und eine herrliche Zuhörplatte für alle, die den Pop in Mouse On Mars, Coloma oder Console entdeckt haben. --
Sascha Krüger, Visions, 03/2007Die anfängliche Skepsis angesichts des Albumtitels, die sich immer dann einstellt, wenn deutsche Popmusiker trotz sagen wir mal: widersprüchlicher historischer Erfahrungen eine verhältnismäßig überflüssige Antikriegshaltung einnehmen, wich dann glücklicherweise sehr schnell. "No More Wars" ist der gründlich gelungene Versuch, Songwriting, Folkästethik und Clubrhythmen miteinander in eine gleichberechtigte Beziehung zu setzen. Ein wunderschönes Elektronikalbum von bestechender Wärme haben uns Alex Amoon, der bereits mit seiner "I'm the Virus"-EP auf BPitch Control Produzentenqualität bewiesen hat, und Fabian Fenk alias Pantasz geschenkt, durchgehend persönlich und mitunter nahe dran an den Postpopentwürfen eines Thom Yorke. Kaufen, Hören, Fan werden. --
TE, Groove, 03/2007Ich könnte jetzt beschreiben, wie sehr mich diese Musik an Spätsommerabende in der Großstadt erinnert, an Heimfahrten von Baggerseen oder von einem Festival. Oder vielleicht Vergleiche anwenden: The Knife in einer unverkrampfteren Version, Synthiepop ohne Schmalz, auch ohne Clubkontext funktionierendes Elektrogefrickel. Oder ich könnte mir Geschichten aus den Synapsen saugen, die diese besondere Empfindung umschreiben, die nach Lagerfeuernächten mit Freunden genau zur Morgendämmerung einsetzt, wo man sich damals dann doch immer wieder daran gestört hat, daß das klassische Lagerfeuernacht-Instrument eben doch die Akustikgitarre und nicht das Notebook ist. Könnte ich nicht nur, habe ich sogar gerade eben. Und doch reicht das nicht ganz aus, um "No More Wars" von Bodi Bill zu charakterisieren. Hingabe, Liebe und Coolness zeichnen dieses Album ebenso aus, wie die Ahnung vergossenen Herzblutes. All das macht zwar noch keine tolle Platte, gehört aber immerhin schonmal zu den besten Voraussetzungen dafür. War bei Thom Yorkes "The Eraser" auch nicht anders. Von vorn: Alex Amoon und Fabian Fenk alias Bodi Bill veröffentlichen auf Sinnbus (die in letzter Zeit auf geradezu beunruhigend unheimliche Art einfach alles richtig zu machen scheinen) und oberflächlich betrachtet haben Bodi Bill auch "nur" klassische Elektropopsounds mit hübschem Gesang und stellenweise Pianospiel verbunden. Bei näherer Betrachtung aber wird die Seele hinter alledem greifbar: Trotz des manchmal nicht akzentfreien, englischen Gesangs; trotz des einen oder anderen Samples, wegen dem man leicht grinsend ins Denken kommt, ob man es seit Anfang der 90er überhaupt nochmal in freier Musikwildbahn gehört hat ("Be Home Before Dinner", gleichzeitig eben auch einer der tollsten Songs des Albums); trotz des leicht deplatziert wirkenden weil die Stimmung mit seltsamer Härte eher störenden Tracks "Naegel"; trotz... nein, eben nicht trotz, sondern wahrscheinlich wegen all dieser Details hat diese Platte den Charme, den Stil und diese Eleganz, von denen ich hier seit drei Absätzen nicht loskomme zu schwärmen. --
Frank Lachmann, spex.de, 03/2007Wir kennen das geschmackvolle Berliner Sinnbus-Label mittlerweile als Heimstätte anspruchsvoll und ausschweifend arrangierten, hinreißenden Postrocks á la Seidenmatt oder Torchous, oder durch ihre beißend-expliziten, teilweise trashigen Lofi-Elektronik-Veröffentlichungen, zum Beispiel von Monotekktoni oder Ampl:tude. Nun schlägt es eine neue stilistische Seite auf. Nämlich die impressionistischer Folk-Elektronik, repräsentiert durch ihre Neuentdeckung, das Berliner Duo Bodi Bill, von denen sie bei Sinnbus laut mehrfacher Verlautbarungen ganz begeistert sind. Nicht zu unrecht - wir sind es nämlich auch. Denn die Newcomer schaffen mit ihrer ersten gemeinsamen Albumveröffentlichung das, was Acts wie Turner nur zu ihren besten Zeiten hinbekommen haben. Bodi Bill schaffen es, poppige, folkige Songstrukturen ungemein stimmig, geradezu organisch, mit Elementen aus dem House und der Minimalelektronik zu verbinden. Natürlich haben das schon mehrere versucht, aber bei den meisten klang das Ergebnis halb, wie nach einer sehr formalisierten Vermischung zweier Grundstilarten, die im Endergebnis aber doch voneinander getrennt blieben. Bodi Bill sind da besser: Sie haben sich konzeptionell nicht einzelne Stücke, sondern die ganze Albumstruktur vorgenommen, stellen eher am Popsong orientierte Stücke wie "Traffic Jam" neben sehr hypnotische, housige Tracks wie "Kilogramm". Sie halten Klangfarbe und Atmosphäre über die gesamte Länge ziemlich einheitlich, so dass alle zehn Stücke gemeinsam eine sehr beeindruckende, sinnliche und kammermusikalische Stimmung ausstrahlen. Das gelingt sehr gut, auch weil sie es schaffen, diese Grundstimmung in Facetten immer wieder anregend zu variieren. Vor allem durch den Einsatz von wunderschön unaufdringlichen Geigen und Klavierelementen, aber auch durch "virtuoses Programming", wie das Label selbst im Info unbescheiden aber richtig schreibt. ‹ber all dem liegt, meistens, eine wie schon seinerzeit bei Turner unwahrscheinlich schöne Stimme, hier zumeist die von Fabian Fenk. Eine Stimme, die dazu in der Lage ist, Seele zu vermitteln, und die Stimmung der Musik zu einem entscheidenden Teil zu bereichern. "No More Wars" ist eine Platte, die völlig unvermittelt und jetzt schon als ein Highlight des Jahres in die Chronik eingehen wird, die jedem Label für anspruchsvolle Elektronik, sei es nun Planet Mu oder Ghostly, Warp oder Scape, gut zu Gesicht gestanden hätte. Erschienen ist sie aber auf Sinnbus. Und das, diese Vielfalt auf hohem Niveau, macht meinen Respekt von den kleinen Berlinern nur noch größer. --
Christian Steinbrink, Intro, 04/2007
Ein raffiniertes Popalbum, gefüllt mit Elektronika, dickem Beat, leidenschaftlichem Songwriting und virtuosem Programming. Das Bodi-Bill-Debüt »No More Wars« lässt die elektronische Musik den Schleier der Unpersönlichkeit in einer platten Welt ablegen, sich selbst als organisch träumen. Bodi Bill zerren den Wald durch ihre Laptops und bauen daraus Beats, spielen klassische Streichinstrumente und singen, weil es ihnen ein innerstes Bedürfnis ist. Es entstehen Popsongs, die den Satten sagen, dass sie doch noch hungrig sind. Auf der Grundlage gesampelter Spaziergänge treffen synthetische Sounds auf Fieldrecordings und fallen hölzerne Beats in ungewöhnliche Räume. Räume, die sich öffnen und schliessen, zischen und knallen. Hier schreibt der Sampler ein Lied. Hier klingt der Baum tanzbar, streckt die Stadt ihre Finger nach ihrem grünen Umland aus. Foren entstehen, in denen vermeintliche Gegensätze ergreifende Verbindungen eingehen.
Bodi Bill sind der Punkt, an dem sich vielversprechende Anfänge über die bloße Idee hinaus zu einer Band verdichten. An einigen dieser Anfänge stehen die Postrock-Zeitlupe Nonostar, steht Alex Amoons BPitch-Control-EP »I Am The Virus«, steht Fabian Fenks Elektrogeräuschpop namens Pantasz, veröffentlicht auf Sinnbus und Keplar Records. Und immer wieder ist da Musik, die Verbeugungen und Referenzen geschickt in unmissverständlich originäre Strukturen zu weben versteht. Musik, die Umtriebigkeit und Vielseitigkeit ebenso spiegelt wie die Fähigkeit, in der Fülle von Bewährtem und Möglichem zielgenau das progressiv und zeitlos Gute zu benennen, zu nutzen und neu zu besetzen. So setzen Bodi Bill Komposition, Improvisation, Wagemut und Headroom an die Stelle immer nur noch fetterer Standards. Die Liebe zum Ganzen komplettiert das manische Jonglieren mit Details. Das Wissen um Tanzflächendynamik und Clubspannungsbögen stellt sich in den Dienst einer unverschämten Schönheit.
Alex Amoon und Fabian Fenk nutzen ihre Books, um die in Klangfetzen zerlegte Wirklichkeit zu Musik werden zu lassen, egal ob nahe der Stille oder mitten im Getöse. Dabei springt hier eine morphende, tanzbare Hymne heraus, das andere mal eine Ballade über den Stillstand und die Enge in Technoclubs. Ein Loch in der Seele, überfüllte Himmel, vergehende Momente - die Welt ist ihnen zu groß, um nicht voll und ganz erzählt und durchlebt werden zu wollen. Bodi Bill setzen Bezüge zwischen der Samplingphilosophie eines Murcof oder Matthew Herbert, dem Tiefgang der Songs eines Bonnie »Prince« Billy oder Thom Yorke und den aufwühlenden Kompositionen eines Max Bruch oder Alfred Schnittke. Unsere Begeisterung? Grenzenlos.