-"Wissenschaftler haben ausgerechnet an dem Planeten Eros Anzeichen von Erosion entdeckt. Das habe ich mir nicht ausgedacht. Die Wissenschaftler fragen sie, wie das möglich ist, denn im Weltall gibt es keinen Wind und kein Wasser, die eine Erosion verursachen könnten. Ich bin neunzehn und Jude ist dreiunddreißig."-
Halb Mensch halb Fisch, so sind Nixen und diese Geschichte ist die Geschichte einer Nixe und so ist auch sie halb reale Menschen-, halb melancholische Märchengeschichte. Man kann das beides nicht voneinander trennen. Der Ausgangspunkt ist zwar exotisch, aber noch nicht aus der Welt: Ein Dorf voller Trinker, im höchsten Norden der USA, weit weg von allem anderen, außer vom Ozean ("Wir leben hier, weil wir den Rest der Welt hassen. Das stimmt zwar nicht, aber manchmal schon.") und ein Mädchen, das mit einer wartenden Mutter und einem schrulligen Großvater dort lebt, nie weggekommen ist. Sie ist verliebt in Jude, ein älteren Mann, der mit einem Trauma aus dem Irak zurückgekommen ist und scheinbar Angst davor hat, sie zu berühren.
Doch das ist nicht alles, denn nicht nur, dass das Mädchen glaubt, es sei eine Nixe - überall ist die beherrschende Symbolik des Wassers, in jeder Verstrickung spielt sie eine Rolle, sie fließt durch das ganze Buch, von den Gedanken der Protagonistin, bis zum unendlichen Wüstensand in den Erzählungen Judes vom Irak. Die Geschichte kann quasi ihrem Schicksal, vom Wasser, vom Meer bestimmt zu sein, nicht entrinnen.
Die Geschichte ist zum großen Teil eine Metamorphose, die zwischen dieser Symbolik und der Story hin und her wandelt. Immer wieder gibt es Einschübe und Anekdoten, wie die obere mit den Wissenschaftlern oder diese hier:
-"Und dann fiel mir etwas ein. Ich interessiere mich sehr für Wissenschaft und hatte von zwei Gedankenexperimenten gehört, die ähnliche Prinzipien zu demonstrieren schienen. Wenn man, so das eine Experiment, ein paar Affen mit einer Schreibmaschine lange genug in ein Zimmer einsperrte, so würden sie am Ende das Gesamtwerk William Shakespeares produzieren."-
Es gibt Bücher, die lassen uns zurück, ohne dass sie uns berühren und es gibt Bücher, in die tauchen wir ein und am Ende wieder auf. Und es gibt Bücher, die uns zwar berühren, aber so, als hätten sie uns ein wenig zerrissen. Nixenkuss ist ein Buch letzterer Art. Es ist schön, traurig, hoffnungsvoll, es ist malerisch und dumpf, es ist karg und doch besitzt es immerhin die Leere des Ozeans, die Leere der allergrößten Gefühle.
-"Sie liegen alle falsch! Es gibt einen Grund, warum wir kein Wort dafür haben. Wir dürfen die Gefühle für jemanden, den wir einmal geliebt haben, nicht behalten. Wenn wir uns von ihm reingewaschen haben, werden alle Gefühle, wird all das schmutzige Wasser zum Meer hinausgespült. Es gibt für dieses schmutzige Wasser kein Wort.'-