1993. Jim und Elise verbringen ihre Jugend in einem Kaff irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Die Tagesabläufe sind monoton. Jim, der in einer abgeschiedenen Hütte im Wald haust, träumt wie immer vom perfekten Tod. Sein Leben, das er ohne Ehrfurcht vor dem Tod und ohne Wertschätzung des Lebens verbringt, sich geradezu rebellisch jeder Konvention entzieht, wird am ehesten an seinem rasanten, todesmutigen Fahrstil deutlich. Sein einziger Überlebenstrieb ist die Liebe zu Elise, er ist beseelt von dem Wunsch mit ihr gemeinsam durch einen Frontalzusammenstoß zu sterben. Erst als der geistig zurückgebliebene aber anscheinend mit übersinnlichen Kräften (denn er sieht anscheinend kommende Gefahr und Tod voraus) ausgestattete Dorfbewohner Lele ein Opfer bringt und sich von Jim bereitwillig, während er gelassen im Schneidersitz auf der Landstraße hockt, überfahren lässt, ist es dieses immer wiederkehrende Traumata des Zusammenstoßes, was Jim zum Nachdenken bewegt. Jim verbrennt daraufhin seine Hütte im Wald und damit, so hofft er, sein vergangenes exzessives Dasein. Bei dem im Dorf vermeintlich gestrandeten Drehbuchautor Frank Morris, findet er eine neue Bleibe, trotz allem kann er die Albträume vom Unfall nicht beseitigen. Morris gibt Jim vor, an einem neuen Filmskript zu schreiben. Elise hingegen traut dem Fremden nicht, der sich allzeit als Beobachter in ihr Liebesleben einzumischen beginnt. Ein gemeinsamer Ausflug in ein Kurhotel an der Ostsee legt schließlich das Innere der drei Hauptpersonen frei und ordnet ihre Beziehungen zu einander neu. Morris verwickelt Jim in intim-philosophische Gespräche, die die Gründe für Jims Verletzlichkeit und Todessehnsüchte freilegen. Wie kann am Leben festgehalten werden, ohne an den Widrigkeiten zu scheitern? Und wie kann man einsam, mit sich selbst, glücklich sein? Am Ende wird Jim auf die Probe gestellt.
Der Film ist wundervoll komponiert, die Landschaft wird gleichzeitig zur Seelenlandschaft der Protagonisten. Die Personen sind subtil und ambivalent. Herausragend ist die musikalische Untermalung. Ein großer Glücksfall daher, dass auf der DVD der Soundtrack gleich mitgeliefert wird.
Im Making-Of, das auch als Bonus Material beigefügt ist, wird der Stoff mit Shakespeares 'Romeo & Julia' oder 'Denn sie wissen nicht was sie tun' verglichen, Ken Duken als James Dean beschrieben, dessen Jim Stark durchaus als Vorbild in Frage kommt. Im Grunde erscheinen diese Anmerkungen ja nicht falsch, offensichtlicher jedoch zitiert der Film andere Werke wie z. B. 'Außer Atem' von Godard oder Mallicks 'Badlands'. Hier wie dort sind die Hauptprotagonisten ein ungleiches aber sich dadurch anziehendes Paar. In beiden spielt die Raserei, die Rastlosigkeit (am Titel 'Außer Atem' gut ablesbar!) und die Unausgelassenheit der Jugend eine große Rolle. Auch das Auto ist ein wiederkehrendes Motiv und beschreibt die Fahrt durch das Leben. In 'Außer Atem' stirbt Jean Paul Belmondos Figur am Ende auf dieselbe Weise wie sein erstes Todesopfer, der von ihm erschossene Polizist (somit hat auch er die Ordnung 'umgebracht'!). Auch Jim stirbt wie sein erstes Opfer (Diesmal ist es der Wagen seines Vaters, in dem Elise sitzt). In Badlands ergibt sich Martin Sheen als Kit geradezu stoisch seinem Schicksal, er stellt sich nach seiner Amokfahrt selbst der Polizei und damit unweigerlich der Todesstrafe.
Die Badlands, die grenzenlose amerikanische Steppe, und das nitschewo. Die Ödnis und das Nichts. In beiden Fällen ist es also das Niemandsland (sowohl geographisch als auch geistig, sogar das verlorene nationale Zusammengehörigkeitsgefühls im Zuge der Einheit kann zumindest in 'Nitschewo' zusätzlich in Betracht gezogen werden). Und dieses Niemandsland durchqueren die Paare, sie laufen/ fahren vor dem Leben davon, stellen sich so dem Gesetz in die Quere und kommen doch nicht an ihr Ziel. Jims Ideale in 'Nitschewo' liegen keinesfalls wie die von Kit in 'Badlands' im Überleben, sondern im Tod. Jim hat sich gegen das Leiden entschieden. Jim und Kit sind beide wiederum inspiriert von James Dean, nicht nur durch dessen Aussehen und seine Attitüden, sondern auch durch seinen jungen Tod (ebenfalls durch einen Autounfall).
Ein Film, der, wie ich finde, gelobt werden muss. Ein Film, der das Leben nicht beschönigt, eher spielt er in einer gewissen Grauzone des Lebens, in denen sich Liebe und Tod die Waage halten, das Verweilen in der Welt der Flucht gegenübersteht. Doch die zarte Frage wird wie ein einziger Hoffnungsschimmer in den Raum gestellt, und sie ist an einen Versuch gekoppelt: Wie kann ich glücklich sein, auch wenn sich mir alles widersetzt?