Nach diesem Buch bleibt keine Frage über Kurt Cobain und seine Band Nirvana mehr offen. Wirklich? Die Band hatte und hat so eine grosse Bedeutung für so viele Menschen, dass sich sicher auch noch weitere spannende Abhandlungen schreiben liessen, aber das Wesentliche wurde gesagt. Leser die sich Kritikfähigkeit für den Helden Cobain erhalten oder entwickelt haben, sich seit seinem Tod 1994 weiterentwickelt haben, statt im Zustand des unzufriedenen Teenagers zu verharren, der Musik zu viel Gewicht gibt und der zu unerfüllbare Ansprüche an das Leben hat, werden inzwischen mit etwas mehr Distanz auf Nirvana blicken. Everett True war mitten drin in der Grunge-Explosion, er verdankt Cobain einen gewissen Ruhm und wohl die aufregendsten Jahre seines Lebens. True macht keinen Hehl daraus glühender Fan zu sein. Springsteen, Alice in Chains, Smashing Pumpkins und Pearl Jam - das sind Musiker, die er gnadenlos abqualifiziert. Cobain selbst wird damit zitiert wie er während eines Konzerts einen Fan belehrte, dass man nicht Nirvana und Guns n' Roses Fan gleichzeitig sein kann. In einem Interview mit den Ramones war zu lesen, dass Rockmusik in den USA reine Unterhaltung, ohne Botschaft, sei. Damit will sich nicht jeder abfinden, besonders dann nicht wenn Musik keine Hintergrundberieselung ist, so wie für Cobain, der in der Musik Erfüllung fand.
Auch wenn er als Jugendlicher nicht wirklich unter der Brücke schlief, wie Something in the way vermuten liess, ist der Song trotzdem sehr berührend und enorm intensiv, das sind keine gespielten Gefühle, sondern echte Traurigkeit und Verzweiflung. Sicher waren die Pixies, Mudhoney u.v.a. Wegbereiter, es gab handwerklich bessere Musiker als die Mitglieder von Nirvana. Die Besonderheiten der Band arbeitet Everett True sehr gut heraus. Intensiv, authentisch, echt, zeitlos, eine hervorragende Gesangsstimme, den Zeitgeist getroffen, das richtige Aussehen des Sängers, Leidenschaft, Rebellion etc.
Warum hat Cobain niemand zu einer Therapie gezwungen? Warum nehmen so viele Musiker Drogen? Warum die Zerstörungswut? Warum Pearl Jam ablehnen und die Sex Pistols völlig unkritisch vergöttern? Woher kommt die Romantisierung und Verherrlichung von Drogen? Ist es nicht im Grunde spiessig seltene Vinylplatten zu horten? Unter einer miserablen Kindheit als Scheidungskind leiden und dann seine Tochter (und die Fans) im Stich lassen und sich das Leben nehmen? Garth Ennis hat, für seinen grossartigen Comic Preacher, die Figur von A...-Gesicht erschaffen, einen tragisch-komischen, debilen Nirvana-Fan, der Cobain nacheiferte, die Waffe auf sich richtete und nun verstümmelt weiterleben muss - was ist mit diesen Menschen, die Nirvana einfach nur cool fanden, aber nichts wirklich begriffen haben und dann 1994 in ein tiefes Loch fielen? Ja, doch, je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt um so mehr Fragen drängen sich auf. Trues Buch ist sehr inspirierend mit seinem leidenschaftlichen Bericht. Geschmackssache ist sein Schreibstil schon, zumal er sich auch genügend Raum für Selbstdarstellung nimmt.
Wer es kompakter und schnörkelloser mag sollte zuerst zu Azerrads Buch greifen, der einzig autorisierten Nirvana-Biographie.
Nirvana. Come As You Are: Die wahre Kurt Cobain Story. Mit Diskographie. (Rockbiographien - Rockkultur - Rockgeschichte)Für den mässig interessierten Nirvana-Hörer werden besonders Infos über Saufgelage des Autors, seine Anmerkungen zu anderen Musikern und manch Gerücht und Anekdote etwas zu viel des Guten sein, aber sowas lässt sich überspringen. Obwohl: wie oft musste man schon von Elvis und seiner Vorliebe für fettige Bananen-Erdnussbutter-Sandwiches hören, da ist es doch auch legetim über Cobains Vorliebe für Kekse, Würstchen im Brotteig und Coco Pops zu erfahren. True spricht eben über die tollste Zeit seines Lebens und eine überaus faszinierende Band, für Fans mehr als verständlich das soetwas ausufernd wird. Allerdings merkt True auch kritisch an warum man das als Fan eigentlich alles wissen will, schliesslich sollte doch die Musik im Vordergrund stehen. Und gerade Punk und Grunge wollen doch eben keine Stars, sondern die Freude an der Spontaneität, echte Gefühle statt hohlem Rockstar-Getue, ekligem Pathos und ähnlich abstossenden Eigenarten. Das Machogehabe, die Frauenfeindlichkeit, das prollige Männlichkeitsgehabe vieler Metal-Bands, aber auch vieler Punks - Cobain litt sehr darunter, wie an so vielen anderen Dingen auch.
677 Seiten, Hardcover, 32 Seiten s/w-Fotos (davon einige auf denen der Autor samt seinen Idolen zu sehen ist), eine sehr detaillierte Discographie (sogar mit Infos über Fälschungen, allerdings ohne Bootlegs) - "Nirvana - Die wahre Geschichte" von Everett True, 2006 als "Nirvana - The True Story" erstmals erschienen und 2008, von Kirsten Borchardt übersetzt, auf deutsch veröffentlicht, ist ein wirklich enorm detailliertes, sehr lehrreiches, leidenschaftlich geschriebenes, hoch interessantes und überaus spannendes Buch. Selbst wer nicht speziell Nirvana-Fan ist, sondern allgemein an Musik und am Lebensgefühl Anfang der 1990er interessiert ist, wird mit diesem Buch zufrieden sein. Für Nirvana-Fans ist es unverzichtbar!