Michael Azerrads Nirvana Die wahre Kurt-Cobain-Story ist, laut Klappentext, die einzige autorisierte Nirvana-Biographie. 384 Seiten, zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos, eine Discographie - das Buch ist eine überaus ergiebige Informationsquelle, nicht nur für Nirvana-Fans, sondern auch für alle, die am Zustand der Musikindustrie Anfang der 1990er Jahre, interessiert sind. Azerrad zitiert Kurt Cobain, dessen Eltern Wendy und Donald, Dave Grohl, Chris Novoselic, Courtney Love und andere wichtige Personen in der Geschichte von Sub Pops berühmtester Band.
Beleuchtet wird Cobains Kindheit und Jugend im provinziellen Aberdeen, Washington (eine überaus deprimierende Phase, verstoßen von beiden Elternteilen), die Anfänge von Cobain als Musiker (mit einem höheren Verschleiß an Drummern als bei den Spinal Tap) bis hin zur ersten LP (Bleach) über den gigantischen kommerziellen Durchbruch (Nevermind) bis hin zu dem Album, das wohl ohnehin das letzte Studioalbum der Band gewesen wäre (In Utero). Hätte sich Cobain 1994 nicht selbst getötet, dann hätte er möglicherweise mit Mark Arm von Mudhoney eine neue Gruppe gegründet.
Azerrad zeigt Cobain in all seinen Facetten. Amüsant etwa der Auftritt von Novoselic und Cobain in der MTV-Metal Sendung Headbangers Ball, der Titel der Show inspirierte Kurt dazu, in einem Ballkleid aufzutreten, während Chris im Frack erschien. Und auch ein Exklusiv-Interview mit einem Schwulen- und Lesbenmagazin war gelebter Punk, Heavy-Metal Fans wurden genötigt ein Schwulenmagazin zu kaufen und Homosexuelle setzen sich mit Punkrock auseinander. Geplant hatte Cobain noch mehr solcher Aktionen, aber immer mehr überforderte ihn der Ruhm, seine Magenprobleme, die Zwänge der Plattenfirma und die fehlende Privatsphäre. Man muss 8 Millionen Alben verkaufen um 1 Million Dollar zu verdienen, wird Cobain zitiert. Und diese Summe erschien nach einem Jahr im Rampenlicht nicht mehr so groß, besonders Anwaltshonorare für unerfreuliche Auseinandersetzungen mit der Presse (nach einem unüberlegten Vanity Fair Interview mit seiner Ehefrau Courtney Love) und der Band (ursprünglich sollte jedes Mitglied je ein Drittel der Einnahmen erhalten, obwohl Kurt gut 80 % der Musik komponierte und die Texte schrieb).
Eine Einordnung von Nirvana in die Musikgeschichte, ein Überblick über andere Bands, die Nirvana wesentlich beeinflußt haben (Beatles, Pixies, Black Flag, Melvins, Buthole Surfers u.v.a.), wichtige Erläuterungen zu den oft (nicht nur akustisch) nicht sehr verständlichen Lyrics - Azerrad hat gründlich recherchiert und bietet einen umfangreichen, kritischen und immens spannenden Überblick über die bekannteste Grunge-Band der Welt.
Obwohl der Buchtitel Nirvana Die wahre Kurt-Cobain-Story den Eindruck erweckt, dass Nirvana im Wesentlichen aus Kurt Cobain bestand, wird gut deutlich wie wichtig vor allem Chris Novoselic und Dave Grohl für die Band waren. Auch wenn Grohl erst später mit seinen Foo Fighters sein volles Potential zeigen konnte, wurde ihm bereits zu Nirvana-Zeiten das Schlagzeug zu wenig. Neben ihrem musikalischen Beitrag waren Grohl als ausgleichender Faktor und Novoselic als bester Freund und im Umgang mit der Presse menschlich wichtig. Die Rolle von Courtney Love wird ebenfalls differenziert und fair betrachtet, die für viele Außenstehende eine Art Yoko Ono Figur war. Azzerad schildert aber auch ihre humorvolle Seite und betont ihren positiven Einfluss auf Cobain.
Welcher Nirvana-Song wurde von Patrick Süsskinds Roman Das Parfüm beeinflusst? Wie stand Cobain zu Eddie Vedder und Pearl Jam? Wie stand die Plattenfirma, die bereits Neil Young für unkommerzielle Musik verklagt hatte zu In Utero? War Smells like Teen Spirit nicht nur eine Kopie von U-Mass von den Pixies? Neben all diesen Fragen wird noch wesentlich mehr Hochinteressantes in diesem Buch behandelt. Eine mehr als vorbildliche Musikerbiographie! Ein wichtiges Buch über die Generation X! Unbedingt empfehlenswert!