Die ersten zwei Staffeln von Nip/Tuck gehören für mich zum Nonplusultra des gegenwärtigen Fernsehmarktes. Während man seit Jahren an allen Ecken und Enden des TV-Spektrums mit dem fünften Rip- oder Spin-Off von CSI oder dem x-ten Aufguss des Erfolgsformats "Krankenhausdrama" gelangweilt wird, wirkt diese Show wie Balsam für die Seele (seltsam nur, dass sie scheinbar kein Sender mehr ausstrahlen will). Aber Moment! Ist Nip/Tuck denn nicht auch eine dieser Ärzte-Shows? Jein, zwar sind die zwei Hauptpersonen tatsächlich Ärzte und Inhaber einer Schönheitschirurgie-Praxis, aber das ist eigentlich nur die oberste Lage dieses vielschichtigen TV-Kunstwerks. Vielmehr geht es um zwei Männer, die charakterlich nicht unterschiedlicher sein können, aber beide zu Beginn der Serie am Rande einer schlimmen Midlife-Crisis stehen. Sean, ein fürsorglicher und verantwortungsbewusster Familienvater, muss mitansehen wie seine Ehe langsam den Bach runtergeht, während Christian allmählich die Schattenseiten seines Lebens als hedonistischer Womanizer kennenlernen muss.
Im Laufe der ersten Staffel begleitet man diese beiden auf eine Reise in ihre seelischen und menschlichen Abründe. Aber nebenbei auch in die Abründe ihrer Branche (Plastische Chirurgie) in der sich beinharter Konkurrenzkampf, permanenter Erfolgsdruck, psychisch labile Patienten, medizinische Probleme und hin und wieder auch die Mafia die Klinke in die Hand geben. Erstaunlicherweise gelingt es dem Autorenteam immer, zwischen diesen beiden Handlungsschwerpunkten die Balance zu halten, was das Ganze nicht nur wahnsinnig interessant und spannend, sondern - aufgrund der recht dichten Handlung - auch ideal für wiederholtes Genießen der Serie auf DVD macht.
Ganz besonderes Lob gehört natürlich dem Schauspielerensemble, das generell - für eine TV-Serie - auf einem sehr hohen Niveau agiert. Joely Richardson als Seans Frau spielt ihre Rolle mit unglaublich verzweifelter Inbrunst und stellt die Wandlung von der scheinbar zufriedenen Hausfrau zum seelischen Wrack, das an seiner Vergangenheit zu zerbrechen droht, damit äußerst glaubhaft dar. Julian McMahon muss einzig für Nip/Tuck geboren worden sein, denn er IST ganz einfach Christian Troy mit Haut und Haaren und gibt der eigentlich äußerst arroganten und selbstgefälligen Rolle viel Wärme und Menschlichkeit und macht ihn damit fast zu einer sympathischen Figur.
Von der Technik her betrachten, gibt es bei Nip/Tuck auch keinen Grund zur Klage; im Gegenteil!. Die Ausstattung und das konsequent gedämpfte Bild (grelle Farben werden etwas gefiltert) ergibt eine wunderbar sterile Stimmung, die perfekt zur Ratlosigkeit der Hauptfiguren passt.
Diese Serie ist ein "required viewing" für alle Serien-Fans mit starkem Magen (die Operationsszenen sind recht deftig) und Sinn für etwas anspruchsvollere Unterhaltung. Es ist vielleicht auch zu sagen, dass Nip/Tuck absolut KEINE Schleichwerbung für Schönheits-OPs ist. Im Gegenteil, die Risiken und Gefahren einer solchen op werden schamlos dargelegt, Tabus gibt es hier (fast) keine. Dass der "Cliffhanger" zur zweiten Staffel etwas gar holprig ausgefallen ist, ergibt vielleicht einen etwas schalen Beigeschmack, aber darüber lässt sich leicht hinwegsehen. KAUFEN!!!!