Bei der TV-Premiere der zweiten Staffel der Ausnahmeserie Nip/Tuck ging ich noch davon aus, dass der 'Schlitzer', ein psychopathischer Serienvergewaltiger, der Schönheit für einen 'Fluch der Menschheit' hält und seinen Opfern stets grob das Gesicht verstümmelt, eine 'Eintagsfliege' wäre und bleiben würde. Weit gefehlt. Denn der Schlitzer bekam seine eigene Staffel.
Natürlich bleibt auch hier das altbewährte Rezept der Serie erhalten. Sean und Christian korrigieren wieder einmal mehr oder weniger offen sichtbare Makel ihrer Patienten und kümmern sich nebenbei - trotz des jüngsten Überfalls auf Christian (woran in übrigem in der ersten Folge dieser Staffel herrlich angeknüpft wurde, eine Fortsetzung, aus der man anfangs leicht 'falsche Schlüsse' ziehen könnte) - unentgeltlich um die Opfer des Schlitzers, womit sie weiterhin dessen Zorn auf sich ziehen. Da Christian durch den Angriff des Schlitzers zu traumatisiert ist, um gleich wieder zu arbeiten, wird der bereits aus Season two bekannte Dr. Quentin Costa nach McNamara/Troy 'importiert'. Neben den bekannten 'alten Hasen' neu dabei: 'Boston Legal'-Anwältin Rhona Mitra als ehrgeizige Polizistin, die den Schlitzer-Fall bearbeitet. Auch wurden Ava Moore (großartig-ätzend gespielt von Framke Janssen) und Joan Rivers Gastauftritte gegönnt.
Leider erreicht die Geschichte rund um den Schlitzer niemals wahren Tiefgang. Er kam, sah, vergewaltigte, schnitt Gesicht auf und ging. Opfer kam zu McNamara/Troy, wurde geflickt, ging. So geht es monoton weiter, bis der Schlitzer erstmals jemanden tötet. Danach wird ein wenig 'Suspense' eingestreut - jeder verdächtigt jeden; es wird versucht, auch den Zuschauer an seinen 'Helden', die er mittlerweile zu kennen glaubte, zweifeln zu lassen. Erst in den finalen Episoden wird diese Spannung allerdings wirklich auf den Höhepunkt gebracht - schade, hier wurde viel verschenkt. Doch wie Ryan Murphy selbst in der enthaltenen Featurette sagt: "This is a show about relationships". Nicht über einen schöne Menschen aufschlitzenden Psychopathen. Ein Stern Abzug dafür, dass man in Staffel drei offenbar nicht wusste, wohin es gehen sollte - Richtung charmanter, stylisher Drama-Serie oder Richtung CSI Miami.
Die dritte Staffel von Nip/Tuck wird eventuell so manchen Fan enttäuschen. Ich musste sie insgesamt dreimal sehen, um ein gutes Wort darüber verlieren zu können. Die Geschichte um den Schlitzer, seine Taten und seine Identität brechen ziemlich stark mit dem kalten, fast sterilen Flair der ersten beiden Staffeln, was nicht nur ungewohnt ist, sondern die vorliegende Season auch wesentlich ernster und härter macht. Die Identitätskrise von Matt, nachdem er die Wahrheit über Ava erfährt, ist allerdings fast vorprogrammiert, ebenso wie der scheinbar ewig währende Wechsel von Harmonie und Streit bei seinen mittlerweile geschiedenen Eltern. Ferner ist sie Neulingen keinesfalls zu empfehlen, da man unbedingt die Vorgeschichte kennen muss, um sich effektiv zurecht finden zu können. Nichtsdestotrotz ist Staffel drei zynisch und bissig wie eh und je, was sie ungeachtet der unklaren Richtung ihrer Geschichte gut dastehen lässt. Vier Sterne.