Eigentlich steckt in Shane Ackers "#9" das Potential zu einem der schönsten Animationsfilme der letzten Jahre. Dass dieses edle grafische Kleinod beim Publikum dennoch größtenteils einen eher ambivalenten Eindruck hinterlässt, liegt wahrscheinlich in dem unausgereiften und vorhersehbaren Plot verborgen, dem es unter der prächtig schimmernden Oberfläche etwas an Tiefgang und überraschenden Wendungen fehlt. Ursprünglich war "#9" ein 11-minütiger Kurzfilm, der aufgrund seiner visuellen Reize sogar eine Oscar-Nominierung einheimste und das Interesse von einem der renommiertesten Schwarzfantasten Hollywoods auf sich zog, denn kein Geringerer als Tim Burton erklärte sich bereit, Shane Acker unter die Arme zu greifen, und eine auf Spielfilmlänge gedehnte Kinofassung zu produzieren. Das Ergebnis kann sich trotz einiger Schwächen aber dennoch im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen, denn "#9" ist ein ganz morbider Augenschmaus, der den Zuschauer mit seinem ästhetischen Bilderrausch in eine zauberhafte postapokalyptische CGI-Welt entführt, die in ihrer schaurig-schönen Szenerie so düster ist, dass alles Leben in einem beklemmenden Meer aus ockerfarbenen Brauntönen ertrinkt, weil in der Agonie des Todes kein Sonnenstrahl es mehr vermag, sich einen Weg durch die undurchdringliche Finsternis zu bahnen, und der Himmel sich allenfalls in ein bedrohlich flammendes Violet einfärbt.
Etwas Neues erzählt Shane Acker hier allerdings nicht, stattdessen bemüht er in dieser Endzeitvision den altbewährten Science-Fiction-Topos von den Maschinen, die außer Kontrolle geraten sind und in einem zerstörerischen Krieg die Menschheit ausgerottet haben, sodass das Schicksal der Evolution nun am seidenen Faden von neun obskuren Gnomen hängt, die wie bizarre Stitchpunks aussehen. Ein Wissenschaftler, der am Beginn des Films mit pathetischen Worten aus dem Off den Niedergang der Zivilisation beklagt, hat sie aus Relikten des Maschinenzeitalters zusammengesetzt und mit einer mysteriösen Apparatur zum Leben erweckt. Nur ein paar ausgeleierte Kupferdrähte, alte Batterien, verrostete Bolzen sowie mechanische Gelenke und ein notdürftig, aber sehr fantasievoll zusammengeflicktes Leinenstofftuch mit einer aufgemalten Zahl als Namen auf dem Rücken geben ihren künstlichen Körpern eine plastische Form. Nachdem 9 als Letzter von seinem Schöpfer das Leben geschenkt bekommt, entdeckt er ein enigmatisches Amulett und trifft in einer gespenstischen Ruinenlandschaft auf den experimentierwütigen 2. Doch die Freude über den neuen Gefährten währt nur kurz, denn beide werden von einer raubtierartigen Maschine angegriffen, dem verstiegenen Katzenbiest, das 2 in eine Fabrikanlage entführt, während es 9 gelingt, sich in eine verfallene Kathedrale zu retten, wo die anderen Stitchpunks sich bereits verschanzen. Ihr Anführer ist der abergläubige 1, eine schamanenartige Gestalt, die eine paranoide Aversion gegen die Technik entwickelt hat, die für ihn nur Teufelswerk ist. Obwohl 1 mit der dogmatischen Rhetorik eines religiösen Autokraten den anderen Stitchpunks verbietet, einen Fuß in das Ödland vor dem Refugium zu setzen, beschließen 9 und der einäugige 5 nach ihrem verschollenen Freund zu suchen. Mit einem selbstgebauten Lichtstab, der sie durch die Dunkelheit geleitet, und der schlagkräftigen Unterstützung der martialischen Amazone 7 gelingt es ihnen, 2 aus einem Käfig in der Fabrik zu befreien. Doch dies ist nur ein Pyrrhussieg, denn 9 steckt in seiner Neugier das Amulett in eine passende Fassung auf einer Armatur und weckt damit die Mutter aller Vernichtungsmaschinerien zum Leben.
Neben der atemberaubenden Grafik, die in sehr atmosphärischen Visualisierungen die angedeuteten Konturen einer Art-Deco-Architektur in Schutt und Asche versinken lässt, ist auch die Animation des Figurenensembles prächtig gelungen, weil sich die kleinen niedlichen Stitchpunks in ihrem originellen Design gegenseitig übertreffen. Ein ganz witziger Sidekick des Films sind die beiden stummen Zwillinge 3 und 4, die mit dem lebhaften Blinzeln ihrer Glasaugen nicht nur in der Lage sind, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren, sondern alles, was sie sehen, auch katalogisieren können und bei Bedarf für jeden sichtbar abrufen. So zeigen sie 9 und dem Zuschauer den Beginn der Apokalypse, deren Ursprung bis in eine faschistoide Gesellschaft zurückreicht. Der Kampf gegen die Maschinen ist zugleich eine mystische Suche nach der Quelle des Lebens, die philosophische Fragen nach dem Anfang und dem erlösenden Ende aufwirft, mit der bitteren Erkenntnis, dass eine Wissenschaft ohne Ethik schlecht auskommt und es scheint fast so, als wolle Acker mit diesem Film eine Art Schöpfermythos beschwören. Er meint jedoch mit diesem Wissenschaftler, der in jedem einzelnen Stitchpunk einen Teil seiner Seele implementiert, nicht Gott, sondern Tim Burton, der in seinem kreativen Schaffen so viele groteske Figuren zum Leben erweckt hat. Obwohl "#9" nicht so recht das typische Burton-Feeling entfacht, weil es am Ende doch mehr ein Acker-Film ist, gereicht er seinem Produzenten dennoch zur Hommage, da er randvoll gespickt ist mit diversen Zitaten aus Burtons eigenem filmischen Wirken. Außerdem werden eingefleischte Animations-Fans in Ackers-Stil Anleihen bei Jan Svankmajer und den Quay-Zwillingen entdecken. Und auch die Idee von den neun Gefährten, die gegen einen übermächtigen Antagonisten mit einem roten Auge kämpfen, wird dem Zuschauer irgendwie bekannt vorkommen, was kein Zufall ist, denn Shane Acker war einige Jahre zuvor als Animator im Team von Peter Jacksons "Herr der Ringe" tätig. Da passt es auch wunderbar ins Bild, dass Elijah Wood dem couragierten Amulettträger 9 eine Stimme gibt.
Auf dieser DVD ist auch der originale Kurzfilm vorhanden. Zudem gewähren diverse Features einen Einblick in das Artwork und den Entwicklungsprozess des Films.