Konstanze von Schulthess, die jüngste Tochter des Hitlerattentäters Stauffenberg, räumt auf mit dem Klischee: hier die glorreichen Männer, dort die schwachen, ängstlichen Frauen. Herausgekommen ist ein liebevolles Porträt einer starken und außergewöhnlich selbstständigen Frau, dass ihrer Mutter: Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg.
Gestützt auf Gespräche, zahlreiche Dokumente, Briefe und Interviews sowie eine bis dato nicht veröffentlichte private Familienchronik resümiert sie deren Leben, das ihrer Familie und ihres engsten Umfeldes. Eben diese Familienchronik erwies sich als "ein wahres Füllhorn von Geschichten, nicht nur die tragischen und dramatischen - auch Familienanekdoten, amüsante Szenen und Kolportagen, wie sie von Generation zu Generation weitergegeben werden". Diese wirken wie das sogenannte Salz in der Suppe, denn die Autorin weiß sie - trotz der Tragik der Familie Stauffenberg - auflockernd in ihr leicht und sehr angenehm zu lesendes Buch einzuweben. Sie machen es überaus lebendig, verströmen eine atemberaubende Essenz aus "Duft und Farbe des gelebten Lebens".
Konstanze Schulthess holt ihre Mutter vom Rand in die Mitte des öffentlichen Bewusstseins und räumt auf mit dem Vorurteil der naiven, "dumme[n] kleine[n] Hausfrau mit Kindern und Windeln und schmutziger Wäsche", als die Nina Stauffenberg in den Medien gern hingestellt wurde. Sie rückt ein Klischee zurecht: das der treusorgenden, nichtsahnenden, apolitischen deutschen Offiziersfrau, dem "Heimchen am Herd". Entstanden sicherlich aus einer überlebenswichtigen Haltung, die im Nachhinein an ihr haften bliebt, obwohl sie mit der realen Person nichts gemein hatte. Doch in ihrer ausweglosen Situation - als Frau eines Hitlerattentäters - war sie zwangsläufig gezwungen, das "kleine Dummchen" zu inszenieren. Diese vorgespielte Naivität rettete ihr wohl das Leben.
Denn nach dem 20. Juli 1944 wurden die Familien von der sogenannten "Sippenhaft" der nationalsozialistischen Machthaber getroffen. Auch die schwangere Nina von Stauffenberg verhaftete die Gestapo. Sie wurde zuerst nach Rottweil, dann nach Berlin, am Ende für fünf Monate ins Konzentrationslager Ravensbrück gesteckt, ständig in Isolationshaft und ohne zu wissen, was aus ihrer Familie, den Kindern geworden war. Die Zeiten überstand sie nur, da die Schwangerschaft sie zum Durchhalten zwang, sie imaginäre Musik- und Literaturabende in ihrer Zelle veranstaltete und Gedichte rezitierte. Am 17. Januar 1945 brachte Nina von Stauffenberg ihr fünftes Kind Konstanze - die Autorin - während der Haft in einem NS-Frauenentbindungsheim in Frankfurt an der Oder zur Welt. Das baldige Kriegsende verhinderte weitere tragische Schicksale.
Dass das Buch mit sehr viel Empathie für ihre Mutter geschrieben ist, spürt man permanent, schadet jedoch keineswegs dem durchweg positiven Gesamteindruck. Konstanze Schulthess zeichnet ein stimmiges Bild einer starken Persönlichkeit, die keinesfalls nur ein ahnungsloses Opfer war und relativ intensiv in die Pläne ihres Ehemannes eingeweiht war.
Zum Gelingen dieser Biografie tragen gleichfalls 42 Fotografien bei, die ihre Eltern, die Familie und vor allem den Weg des jungen Mädchens aus gutem Hause bis hin zur alten, immer noch würdevollen Frau, zeigen, einer Frau die ihrem Mann eine ebenbürtige Partnerin war, "in guten und in schlechten Tagen", auch wenn sie dafür einen hohen Preis zahlen musste.
Fazit:
Neben einer gelungenen Einbettung in den jeweiligen historischen Horizont ist dieses Buch vor allem eine neuerliche Annäherung an die Mutter. "Was gelebtes Leben zwischen Mutter und Tochter war, ist so zu einem Porträt geworden, das meiner Mutter - so hoffe ich - eine eigene Gestalt verleiht. Ein Porträt, das eine eindrucksvolle Frau zeigt, deren Leben mit einem der dramatischsten Kapitel unserer Zeitgeschichte verknüpft war. Zugleich ist es durchaus auch als etwas sehr Persönliches gemeint: nämlich als eine Liebeserklärung an meine Mutter.", schreibt die Autorin.
Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.