Konstanze von Schulthess
Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg Pendo
ISBN 3858426520
Leben unter Bedrohung in einer Diktatur!
Als Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg am 21. Juli 1944 ihren beiden ältesten Söhnen Berthold und Heimeran erklären musste, dass ihr Vater in der Nacht zuvor erschossen worden war, brach ihre ganze bürgerliche und familiäre Welt zusammen. Nicht nur diese Nachricht, sondern auch die, dass sie ein Kind erwartet, musste vermittelt werden. Das Kind war das fünfte der Familie, eine Tochter, die Anfang 1945 im Gefängnis geboren wurde. Sie ist die Autorin des vorliegenden Lebensbildes ihrer Mutter.
Der Vater, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, war der Täter des missglückten Attentats auf Adolf Hitler am 20 Juli 1944.
Die beiden ältesten Söhne waren damals erst 8 und 10 Jahre alt.
Nicht nur die Nachricht vom Tod ihres Mannes bedeutete einen Schock für die Familie. Die Mutter musste die Kinder zusätzlich schützen, in dem sie vorgab, sich auf Seiten Hitlers zu befinden. Der Vater habe sich geirrt, und den Führer habe die Vorsehung gerettet, lügt sie ihnen vor.
Kann man sich heute überhaupt noch ein Bild davon machen, was diese Haltung einer Frau abverlangte?
Mit Spannung liest man über das Leben, das die mutige junge Frau mit zuletzt fünf Kindern zu bewältigen hatte. Zum Todeszeitpunkt ihres Mannes war sie erst 31 Jahre alt.
Ihrem Mann war bewusst gewesen, wie unsicher der Ausgang des geplanten Attentats war. Er hat ihr vieles zugemutet, und sie hat ihn selbstlos unterstützt. Am Ende zählte nicht nur der Erfolg des Attentats, sondern auch die Notwendigkeit, der Welt vor Augen zu führen, dass es einen Widerstand gegen die Hitlerdiktatur gab. Es ging um die Ehrenrettung des Landes, mit der man dem Ausland demonstrieren wollte, dass der Unrechtsstaat keine uneingeschränkte Billigung mehr erfuhr, und eine verantwortliche Elite um das Ansehen in der Welt bangte.
Dramatisch und lebensbedrohlich war die Lage für alle Familienmitglieder nach dem misslungenen Attentat, von denen viele in Sippenhaft genommen wurden, so auch Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg.
Konstanze von Schulthess hat mit Detailwissen über ihre Eltern berichtet. Die Fakten sind bekannt, Mitverschwörer namentlich aufgeführt.
Zu verdanken ist ihr im Besonderen die Innenschau über das Erleben einer Frau, die nicht nur ihre Familie und ihre Kinder auseinander gerissen sah, sondern die Wochen und Monate lang im Ungewissen blieb, ob es überhaupt noch ein Überleben und eine Zukunft für sie und ihre Kinder gab.
Stärke, Mut und innere Überzeugung über den richtigen Weg, den sie gemeinsam mit ihrem Mann gegangen war, und die Zuversicht, dass sie und die Kinder wieder zusammen finden würden, gehörten zu den Tugenden der Gräfin von Stauffenberg!
Obwohl in den Vorkriegszeiten die Frauenemanzipation, wie wir sie heute kennen, noch in weiter Ferne war, hat Nina Schenk schon damals ein aufrechtes und selbst bestimmtes Leben geführt. Ganz selbstverständlich hat sie mit ihrem Mann politische Überzeugungen geteilt und ihm zur Seite gestanden. Die auf sie zukommenden Gefahren hat sie weitsichtig antizipiert. Ihre Ängste blieben verborgen für die Umwelt, denn sie besaß ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Selbstkontrolle.
Schulthess beschränkt sich in ihrem Porträt im Wesentlichen auf das Leben ihrer Mutter. Wie sie mit der politischen Tragödie umgegangen ist, und wie sie alle Strapazen der Gefangenschaft und eines Neuanfangs nach dem Kriegsende mit eisernem Willen durch gestanden hat: das beschreibt ihre Tochter nach genauem Studium aller Dokumente und Zeitzeugnisse. Dabei vermeidet sie Heroisierungen.
Die Autorin hat das Bild einer längst vergangenen Epoche mit ihrem Bericht noch einmal heraufbeschworen. Dazu gehören Bilder der weitläufigen Verwandtschaft, die sich in gegenseitiger Hilfsbereitschaft überbot, und deren Zusammenhalt beispielhaft war. Einige gut ausgewählte Fotoserien bieten Einblicke in das Familienleben. So lässt sich der Weg vom jungen Mädchen bis zur alten Frau auch in Bildern nachvollziehen.
Das Buch ist konsequent mit dem Focus auf das Porträt der Mutter konzipiert, die sich im Gestrüpp eines katastrophalen Untergangsszenarios ihren Weg bahnen musste.
Das liebevolle und ehrliche Porträt einer Tochter über ihre außergewöhnliche Mutter Verdient Annerkennung und Hochachtung.