Pressestimmen
"Nimmersatt und Hungermatt" erweist sich als ein einzigartiges und ganz und gar anderes Buch zu diesem tragischen Thema und es ist durchaus möglich, dass sich jede (auch ehemals) Essgestörte in den Erzählungen wiederfinden könnte. Das liegt vermutlich an der beinahe körperlich spürbaren Einfühlungstiefe, welche die Autorin aufgrund ihrer individuellen Geschichte breitgefächert transportiert. (...) Das Buch macht Mut, dass ein Ausstieg aus dem Teufelskreis möglich ist. --
dieStandard.at, Wien, 16.05.2007 (Dagmar Buchta)(...) man kann (...) die Kreativität und den Ideenreichtum dieser Autorin bewundern, die eine ganz andere Form des Umgangs mit einem Thema gefunden hat, das zahllose Mädchen und junge Frauen bewegt. Was man nicht kann: diesem Buch emotionslos begegnen. Es berührt die Leserin oder den Leser, so oder so. Marina Jenkner tobt sich mit ihren Geschichten ungestüm und engagiert auf einer literarisch-psychologischen Spielwiese aus. Sie hat eine Botschaft, will provozieren, wachrütteln, Denkanstöße liefern. (...) die mit Textformen jonglierende Verfasserin schafft es, tiefe Einblicke in das Empfindungschaos und Lebensgefühl Essgestörter zu vermitteln. --
Psychologie heute, Juli 2007 (Maja Langsdorff)Die Autorin Marina Jenkner (...) greift (...) zu Märchen, zu phantasievollen, zum Teil humoristischen Geschichten und regt damit ohne erhobenen Zeigefinger zum Nachdenken über dieses sehr schwierige Thema an. (...) Sie macht klar, wie zerstörerisch das Schweigen ist, der fehlende Kontakt zu anderen, das Verharren in Einsamkeit und innerer Kälte. (...) Die Geschichten in diesem Buch helfen, an die Wurzel des Problems einer Ess-Störung zu kommen und sie machen Mut, aus dem Teufelskreis auszubrechen. --
Mathilde, Heft 88, Mai/Juni 2007Marina Jenkner hat ein Buch über Essstörungen verfasst - Was sagt eine Betroffene über die Geschichten? (...) "Nimmersatt + Hungermatt". "Essstörungen bewältigen", verspricht der Untertitel der jüngsten Veröffentlichung von Marina Jenkner. (...) Roswitha Ehlebracht (...) schiebt ein knappes Urteil vorweg: "Das ist das Beste, was ich zu diesem Thema bislang gelesen habe, und ich habe viel gelesen. Ich konnte bei Marina Jenkners Buch kaum aufhören." Viele Bücher lieferten besonders jüngeren Mädchen sogar Hinweise, wie sie ihre Essstörungen ausleben könnten, kritisiert sie - "dies ist anders, es zeigt das Ende". (...) "Wenn ich dies damals in der Fachklinik schon gehabt hätte ... Ich hätte mehr von mir verstanden, und ich hätte es meinen Mitmenschen geben können. Zum Begreifen." Das ist der Kern: Begreifen, Erkennen, Verstehen. Deshalb hat die Detmolderin, anders als die Autorin, keine Probleme mit dem Untertitel des Buches: ",Essstörungen bewältigen' trifft. Jeder, der ,Nimmersatt + Hungermatt' liest, wird sich Gedanken machen, wird dabei etwas erkennen, und das ist doch der erste wichtige Schritt zur Bewältigung", sagt Roswitha Ehlebracht. --
Lippische Landes-Zeitung vom 17./18.03.2007 (Stefan Derschum)Marina Jenkner hat ein Buch über Essstörungen verfasst - Was sagt eine Betroffene über die Geschichten? (...) "Nimmersatt + Hungermatt". "Essstörungen bewältigen", verspricht der Untertitel der jüngsten Veröffentlichung von Marina Jenkner. (...) Roswitha Ehlebracht (...) schiebt ein knappes Urteil vorweg: "Das ist das Beste, was ich zu diesem Thema bislang gelesen habe, und ich habe viel gelesen. Ich konnte bei Marina Jenkners Buch kaum aufhören." Viele Bücher lieferten besonders jüngeren Mädchen sogar Hinweise, wie sie ihre Essstörungen ausleben könnten, kritisiert sie - "dies ist anders, es zeigt das Ende". (...) "Wenn ich dies damals in der Fachklinik schon gehabt hätte ... Ich hätte mehr von mir verstanden, und ich hätte es meinen Mitmenschen geben können. Zum Begreifen." Das ist der Kern: Begreifen, Erkennen, Verstehen. Deshalb hat die Detmolderin, anders als die Autorin, keine Probleme mit dem Untertitel des Buches: ",Essstörungen bewältigen' trifft. Jeder, der ,Nimmersatt + Hungermatt' liest, wird sich Gedanken machen, wird dabei etwas erkennen, und das ist doch der erste wichtige Schritt zur Bewältigung", sagt Roswitha Ehlebracht. --
Lippische Landes-Zeitung vom 17./18.03.2007 (Stefan Derschum)
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Auszug aus "Nimmersatt und Hungermatt" von Marina Jenkner. Dieser
Text ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte liegen beim Verlag
Frauenoffensive, München © 2007
Vom Wiederfinden der Worte
Eines Tages putzte ich mein Bad. Nachdem Waschbecken und Dusche sauber
waren, nahm ich Lappen und Reinigungsmittel und wandte mich der Toilette
zu. Ich klappte den Toilettendeckel hoch, als mir plötzlich ganz viele
kleine Gestalten entgegensprangen, die ein bisschen aussahen wie
Buchstaben. "Wer seid ihr?" fragte ich.
"Wir sind Wörter, das siehst du doch."
Ich sah mir die Gestalten genauer an. Es stimmte. Die Buchstaben schlossen
sich zu Worten zusammen. Es waren viele Worte. Ich blickte sie irritiert
an.
"Aber wie kommt ihr in meine Toilette?"
Die Worte lachten. "Wie wir in deine Toilette kommen? Das müsstest du doch
selbst am besten wissen!"
"Wieso? Ich kenne euch nicht. Wie kommt ihr hierher?"
Die Worte blickten mich fassungslos an. "Du kennst uns nicht? Natürlich
kennst du uns. Wer hat uns denn alle erst runtergeschluckt, mit Unmengen an
Essen hinuntergewürgt, uns hinterher der Toilette übergeben und ist dann
schweigend gegangen?" "Ihr?" Ich war sprachlos.
"Ja, wir sind die Worte, die du nicht ausgesprochen hast. Wir sind dein
Ärger, deine Gefühle, deine Beichte."
Mir wurde flau im Magen. Die Worte hatten sich im Halbkreis um mich
geschart und starrten mich an.
"Aber wieso seid ihr nicht weg? Was wollt ihr von mir? Wieso kommt ihr
zurück?"
Die Worte sahen mich traurig, beinahe mitleidig an. So, wie man jemanden
ansieht, der sehr krank ist. Ich versuchte, ihrem Blick auszuweichen.
"Nimm uns und sprich endlich."
"Worüber?"
"Das weißt du genau. Nimm uns endlich. Und fang an, darüber zu reden. Über
deine Probleme, über deine Ängste und deine Sehnsüchte."
"Ihr seid verrückt, das kann ich nicht."
"Natürlich kannst du es nicht ohne uns, nicht ohne Worte. Deshalb sollst du
uns ja endlich nehmen."
"Aber ich kann darüber nicht sprechen. Und will es auch nicht. Geht jetzt
bitte zurück in die Toilettenschüssel." Ich wandte mich um und wollte das
Bad verlassen, da stellte sich mir ein besonders kleines Wort in den Weg.
"Ach bitte, bitte, nimm mich doch mit!"
Es sah mich jämmerlich an.
"Ich bin doch nur ein ganz kleines Wort."
"Na gut", sagte ich, "komm mit."
Ich nahm es vorsichtig und steckte es in meine Hosentasche. Es fühlte sich
weich und gut an. Und weil es sich so gut anfühlte, steckte ich noch ein
zweites und ein drittes Wort in meine Hose. Ich wusste nicht, wie mir
geschah, plötzlich sah ich meine Hände, als wären sie losgelöst von mir,
wie sie Wort um Wort einsammelten und in meine Hosentaschen steckten. Bis
keines der Wörter mehr übrig war.
Ich fühlte mich seltsam. Vielleicht würde mir etwas frische Luft gut tun.
Ich verließ die Wohnung, atmete tief durch und viele Gedanken schossen mir
durch den Kopf.
Als ich Annas Klingelknopf drückte, hatte ich keine Angst. Später im
Wohnzimmer brachte Anna uns Tee und setzte sich.
"Ich habe Bulimie", sagte ich und plötzlich reihten sich meine Worte
aneinander, als hätte ich nie etwas anderes gemacht, als Wörter zu Sätzen
zu formen.
"So etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht", sagte Anna und nahm mich
in den Arm.
© Verlag Frauenoffensive, München 2007