... will ich so ein - nach meinem Dafürhalten - schlechtes Buch lesen. Mir liegt es fern, jemandem vom Kauf des Buches abzuraten, da bekanntlich Geschmäcker verschieden sind und ich hier nur meinem subjektiven Empfinden Ausdruck verleihen kann. Ich habe mir das Buch aufgrund des durchaus spannenden Klappentextes gekauft, in dem es sinngemäß heißt, dass die Protagonistin Sally in der Gewalt eines Wahnsinnigen ist, der gemordet hat, weiter morden wird und einen monströsen Plan verfolgt. So weit, so gut. Aber "in der Gewalt dieses Wahnsinnigen" befindet sich Sally ab Seite 282 von 524, also erst weit nach über der Hälfte des Buches und insgesamt auf ganzen 55 (nicht fortfolgenden Seiten; ich will niemandem die Spannung verderben) von 524 Seiten, mithin rund 10 % der gesamten Geschichte. Und das ist auch die Krux. Hier wird ein spannender "Psychothriller" offeriert, der nicht mal ansatzweise halten kann, was der Klappentext verspricht.
Das Buch setzt sich aus drei Erzählperspektiven zusammen. Zum Einen erzählt die Protagonistin Sally als Ich-Erzählerin aus ihrem ach so stressigen Job, den Umgang mit ihren Kindern, der Doppelbelastung der Frau in Alltag und Beruf sowie ihrem Mann, der nach ihrer Anschauung mit der Kindererziehung überfordert zu sein scheint. Des Weiteren erzählt die Ich-Erzählerin Geraldine in Form von polizeilich gesicherten Tagebucheinträgen über ihr böses, böses Kind, welches sie wohl eher zur Hölle wünscht sowie ihre ständige Überforderung bei der Kindererziehung. Der Rest des Buches ist in Form des auktorialen Erzählers geschrieben. Hier geht es dann - neben der Entführung Sallys - um die Ermittlung zu Mordfällen, um eine Polizistin, die - bzw. ihre nervige Schwester - ihre Wohnung neu einrichten will, um zwei Polizisten, die Heiratspläne schmieden, um die Ehefrau eines Polizisten, die von ihrem Mann betrogen wird und, und, und. Und genau so spannend, wie sich der letzte Satz las, liest sich auch das ganze Buch. Diese unendlichen sinnentleerten Nebenerzählstränge treiben dem Buch auch die letzte Spannung aus.
Sicher hat jeder seinen eigenen Anspruch an Spannung und Unterhaltung. Das ist ja auch in Ordnung. Aber im Grunde geht es im Buch mehr um Mütter, die gerne dem stressigen Mutteralltag entfliehen wollen, dass Kinder furchtbar nerven können, dass jede Mutter auch ein Recht auf Privatleben hat, dass nichts verwerfliches dran ist, auch mal schlechte Gedanken in Bezug auf seine Kinder zu haben usw. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Buch keine autobiographischen Züge enthällt, da die Autorin wohl selbst Mutter zweier Kinder ist.
Mit Psychothrill hat das ganze jedenfalls genau so viel zu tun wie Winterjacken mit Sommer.
Ich bin mir sicher, dass das Buch auch Leuten gefallen wird. Es ist lediglich etwas, na ja, speziell. In jedem Falle finde ich, dass hier der Klappentext etwas vorgaukelt, was im Buch lediglich als Randthema behandelt wird. Die Entführung durch einen Wahnsinnigen der monströse Pläne schmiedet...
PS: Da das Buch in Kapitel unterteilt ist, welche teilweise mit Wochentag und Datum versehen sind, war das Zählen der wenigen Seiten zum "Entführungsfall" keine große Kunst.