Was gab es 1981 schöneres, als jeden Samstagabend mit dem Großvater im kuschlig warmen Sessel eine Folge der herrlichen Zeichentrickserie zu schauen? Ich war damals sechs Jahre alt und als ich älter wurde, musste natürlich auch das Buch, das 1907 von Selma Lagerlöf für den schwedischen Schuldienst verfasste Werk her. Aus alten, wunderschönen Erinnerungen an eine glücklich verlebte Kindheit heraus freute ich mich nun auf diese neue Realverfilmung, die an Weihnachten in zwei Teilen ausgestrahlt wurde.
Der Auftakt ist sogar noch ziemlich werkgetreu: Nils Holgersson ist der einzige Sohn einer armen Bauernfamilie aus Schonen in Südschweden. Anstatt seine Eltern bei der Arbeit zu unterstützen, quält er die Hoftiere und legt sich mit den Kindern des Dorfes an. Eines Tages fängt er einen Kobold mit dem Fischernetz. Als Nils ihn nicht wieder freilässt, verwandelt ihn der Kobold in einen Däumling und es beginnt eine Reise mit einer Schar Wildgänse, die gerade über den Hof zieht und die Hausgans Martin zum Spaß mit sich lockt. Nils will die Gans aufhalten, krallt sich in deren Gefieder fest und hinauf geht die Reise nach Lappland und zurück.
Durch seine Verwandlung bedingt kann Nils nun mit den Tieren sprechen. Während der Dialoge werden die realen Tiere teilweise durch mechanische Modellgänse ersetzt. Man merkts am überdeutlichen Ruckeln der Hälse - In Zeiten von Computeranimationen, bei denen man gar nicht mehr sieht, dass es überhaupt welche sind, erscheint diese Art der Präsentation befremdlich und alles andere als zeitgemäß.
Apropos zeitgemäß: Ein wesentlicher Aspekt ist, dass die Geschichte modernisiert wurde. Prinzipiell hätte sie darunter noch nicht einmal leiden müssen: Dass Nils das Gatter der Hausgänse versehentlich mit einem Traktor einfährt und der Fuchs Smirre dadurch eine der Gänse rauben kann, habe ich mir also zunächst noch so halbwegs gefallen lassen. Doch schon bald darauf geht der Ärger richtig los:
Der Kobold, welcher Nils in einen Däumling verwandelt, erkennt seinen Entschluss sofort als zu hart und versucht, Nils mit den Worten 'Pippi-Pippi-Lindgren' wieder zurückzuverwandeln. Da der Kobold aber nur auf dem Hof zaubern kann, hat er Pech gehabt: Nils, festgeklammert am Gänserich Martin, hat die Hofgrenzen schon verlassen. Der Zauber bleibt also unbeabsichtigterweise von Dauer und dem Kobold droht Ärger von Seiten der KI - der Koboldinnung. Nils müsste also schleunigst wieder zurück auf den Hof und so gerät das weitere Handeln des Kobolds zu einer Handlung aus rein egoistischen Motiven. Er wird nun vordergründig nicht mehr den beabsichtigten Hauptbeitrag für Nils' Adoleszenz leisten, sondern handelt lediglich für die Wiederherstellung seiner eigenen Reputation - und hierzu wird ihm jedes Mittel recht sein. Zum Schluss gelingt das leider auch: 'Ich liebe Happy Ends' wird er direkt in die Kamera sagen.
Und mehr noch: Es wird nun nicht mehr die traurige Geschichte der beiden Nachbarskinder Asa und Klein-Mats erzählt, die durch den plötzlichen Tuberkulosetod der Mutter aus Verzweiflung und nur mit einem Funken Hoffnung ausgerüstet gemeinsam ihren verschwundenen Vater in Lappland zu Fuss zu erreichen versuchen. In dieser Verfilmung hier wird aus Asa eine verwöhnte Apothekerstochter, die ihrem 'Vierzehn Jahre und ein paar Monate alten' Nilsibubi aus ergebener Liebe - sie ist die Einzige, die das Gute in ihm sieht - durch Schweden mit dem Bus hinterherfährt. Derart einfach gestrickt mag vielleicht Bella Swan aus Stephanie Meyers "Twilight"-Büchern gewesen sein, die Asa aus dem Werk der schwedischen Literaturnobelpreisträgerin war es jedenfalls nicht. Über Asas Handeln lässt sich nicht hinwegsehen, zumal ihr unterwürfiger Part hier zu einem elementaren Bestandteil der Story aufgebauscht wird. Konsequenterweise hätte sie und der egoistische Kobold die Adoleszenzreise also wesentlich nötiger als der hier recht harmlos wirkende Nils. Ich frage mich allen Ernstes, von welchen positiven Wertevermittlungen die 5-Sterne-Rezensenten eigentlich sprechen?
Hätte man Nils doch gleich mit einem Handy ausgestattet! Asa hätte sich das Busgeld gespart und Nils könnte ihr allabendlich erzählen, wie es ihm bei den Wildgänsen den Tag über so ergangen ist. Und falls Sie das jetzt für polemisch halten: Schließlich gibt es hier ja schon das 'Unternet', durch das Maulwürfe als Botschafter fungieren sowie das Handyähnliche Piepsen der Notizbücher der Koboldinnung - es wäre also nur noch ein kleiner Schritt.
So aber wird Asa auf dem Weg zu ihrem Nils gelegentlich von zwei Ganoven angesprochen, die jedoch über deutlich weniger Grips verfügen als Fuchs und Kater aus der Pinocchio-Zeichentrickserie und als Figuren lediglich dazu herhalten, dass dieses bis hierhin schon schwer erträgliche Machwerk noch länger wird.
Dass der Film doch tatsächlich und durchaus in Schweden spielen soll, merkt man eigentlich nur an den seltenen Stellen, wo in bekannter Indiana-Jones-Manier eine Karte eingeblendet wird, auf der mit einer Linie die Flugroute der Wildgänse sowie der nächste Halt von Asas Bus markiert ist - an den rätselhafterweise in Deutsch verfassten Zeitungsartikeln und Hinweisschildern merkt man's jedenfalls nicht. Hätte man die nicht wenigstens auf Schwedisch drucken und mit Untertiteln versehen können? Selbst der Zeichentricknils aus Fernost wußte die Botschaft "En Tornetagg i hoven" ("Etwas spitzes steckt im Huf") auf Schwedisch in ein kleines Holzstück einzuritzen - eine unglaubliche Liebe also für jedes noch so winzige Detail, der Film jedoch versagt auch in diesem Punkt schon an der Oberfläche auf ganzer Linie.
Die Sprecherriege ist mit Bastian Pastewka, Ralf Schmitz, Ben Becker und zahlreichen anderen Synchronsprechern zwar professionell besetzt, aber wenn man die Wildgänse 'Landeklappen ausfahren!' rufen lässt und das Ganze noch mit den Geräuschen von Düsenjets unterlegt wird, dann mögen zwar die Synchronsprecher per se immer noch einen guten Job verrichten, aber ich hoffe, dass die Dialogschreiber zum nächsten Ersten ohne Abfindung entlassen werden.
Bemerkenswert mögen die Landschaftsaufnahmen ja sein, aber um die zu sehen, muss ich mich durch diesen Storywust mit all seinen Plattitüden kämpfen und das möchte ich ganz sicher nicht noch einmal.
Und ist denn wirklich alles schlecht? Die Idee, "Selma Lagerlöf" selbst die Geschichte aufschreiben zu sehen, ist tatsächlich ein Geistesblitz im Drehbuch, wie ich zähneknirschend einräumen muss. So sehen wir sie in einer Kutsche zu ihrem Landgut fahren, wo sie "die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen" aufzuschreiben beginnt. Im weiteren Verlauf wird man sie bei dieser Arbeit noch öfter zu sehen bekommen.
Gegen Ende des Films wird Nils persönlich auf sie treffen. Sie fragt ihn, ob sie seine Geschichte, die er ihr in einer langen Nacht erzählt hat, aufschreiben darf, begleitet die Gänse am nächsten Morgen noch ein Stück des Wegs und reitet dann alleine mit der Kutsche zum Landhaus zurück. Woraus sich wieder die Szenerie vom Anfang ergibt: Einmal kurz vermag auch das blindeste Huhn ein Körnchen zu finden.
Aber suchen Sie auch nur irgendeine der zahllosen schwedischen Fabeln und Sagen, die Selma Lagerlöf so wundervoll in ihre Geschichte einzubinden verstand, dass sie dafür 1909 den Literaturnobelpreis erhielt?
Suchen Sie nach der Darstellung so geschichtsträchtiger Orte wie Schloss Glimminge, der Studentenstadt Uppsala oder der Grubenstadt Falun, die sogar die Zeichentrickserie zu vermitteln imstande war? Tja, dann suchen Sie mal schön.
Denn all die Liebe und das Herzblut, aller Zauber und somit das Titelgebende 'Wunderbare', welches Selma Lagerlöf für ihre Schüler und für uns alle bis heute spürbar in die ursprüngliche Geschichte geschrieben hatte und viele Generationen beim Lesen staunen ließ, wurde mit brutaler Gewalt herausgerissen und an die nächstbeste Wand geklatscht. Es gibt im Buch und auch in der Zeichentrickserie zahlreiche Stellen, an denen ich als Kind ergriffen geheult habe. Das habe ich an Weihnachten auch. Diesmal allerdings aus purer Verzweiflung.