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Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft. Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen
 
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Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft. Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen [Gebundene Ausgabe]

Britta Jürgs


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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Exemplarische Frauenschicksale, nachzulesen in einem wertvollen Buch." (art)
"Bietet eine Auswahl von ansprechenden Porträts über Dichterinnen, Malerinnen und Bildhauerinnen, die die Blütezeit ihres Schaffens im Expressionismus hatten." (Neue Westfälische Zeitung)

Neue Westfälische Zeitung, 4. März 2000

Bietet eine Auswahl von ansprechenden Porträts über Dichterinnen, Malerinnen und Bildhauerinnen, die die Blütezeit ihres Schaffens im Expressionismus hatten.

Kurzbeschreibung

Ein Lesebuch über berühmte und wiederzuentdeckende Dichterinnen, Malerinnen und Bildhauerinnen im Umfeld des Expressionismus: - Die passionierte Radfahrerin Gabriele Münter - Else Lasker-Schüler und ihre Bild-Text-Gesamtkunstwerke - die Malerin Marianne Werefkin als bedeutende Theoretikerin des Expressionismus - die "Angorakatzenblume" Mechtilde Lichnowsky - die im Kindbett gestorbene Frühexpressionistin Paula Modersohn-Becker - Henriette Hardenberg und der Wunsch nach Freiheit - Jacoba van Heemskerck, die in Holland eine Sturm-Kunstschule nach Berliner Vorbild gründete - die sportbegeisterte Tierbildhauerin Renée Sintenis - die skandalumrankte Nicht-nur-Künstlerwitwe Claire Goll - Olga Oppenheimer und ihr Kölner Gereonsklub - die Bahlsen-Gestalterin Martel Schwichtenberg - Margarete Kubicka und die Gruppe BUNT - Emmy Ball-Hennings zwischen Traum und Realität - die Bildhauerin Milly Steger, die mit einem Theaterportal in Hagen für einen Skandal sorgte - Lea Grundig und ihr expressiver Realismus.

Die von LiteraturwissenschaftlerInnen und KunsthistorikerInnen verfaßten essayistischen Portraits geben auch Hinweise zur weiterführenden Lektüre und werden ergänzt durch Portraitfotos sowie Abbildungen der Kunstwerke.(art)

Über den Autor

Mit Beiträgen von Annette Antoine, Kai Artinger, Karla Bilang, Hartmut Bomhoff, Dorit Brack, Daniela Büchten, Bernd Fäthke, Britta Jürgs, Karoline Müller, Stefan Neumann, Hildegard Reinhardt, Felicitas Rink, Cornelia Saxe, Waltraud Schwab und Hartmut Vollmer.

Auszug aus Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft. Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen von Britta Jürgs. Copyright © 1998. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft
Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen

Vorwort von Britta Jürgs

Die weibliche Seite des Expressionismus: eine Randerscheinung? Welchen Beitrag leisteten Frauen zu einer der wichtigsten Kunstbewegungen dieses Jahrhunderts? Wo lag ihr Anteil am bahnbrechenden Aufbruch in bildender Kunst, Theater, Film und Literatur?

Bei den Frauen im Umkreis des Expressionismus handelte es sich ebensowenig um eine homogene Gruppe wie bei den männlichen Kollegen. Die heterogenen männlichen wie weiblichen Ansätze einte jedoch die Suche nach neuen literarischen und künstlerischen Ausdrucksformen, nach einer Darstellung der Emotionen und inneren Zustände bis hin zum Pathos und der Widerstand gegen den Akademismus, aber auch das Experimentieren mit neuen Lebensformen und eine antibürgerliche Haltung.

Ein Charakteristikum der Zeit sind die zahlreichen neugegründeten Künstlervereinigungen, wie die "Brücke" in Dresden bzw. Berlin (1905-1913) oder die 1909 ins Leben gerufene "Neue Künstlervereinigung München", aus der der "Blaue Reiter" hervorging. Stilistisch schlugen deren Mitglieder jedoch ganz unterschiedliche Wege ein. Auf der Suche nach einer neuen Formensprache ließen sich die "Brücke"-Maler von der afrikanischen und ozeanischen Kunst inspirieren. Andere ExpressionistInnen, wie z. B. Gabriele Münter, integrierten volkstümliche Elemente in ihre Kunst und befaßten sich mit alten Techniken wie der Hinterglasmalerei. Die Suche nach einer "Ursprünglichkeit" in der Kunst wurde bei Künstlerinnen jedoch oft mit ihrer größeren "Naturverbundenheit" erklärt und dadurch abgewertet - eine Beurteilung, die teilweise sogar von den Frauen selbst unterstützt wurde.

Die bekanntesten expressionistischen Künstlergruppen werden vorwiegend als Männerzirkel präsentiert, in denen Frauen höchstens als Schülerinnen oder Gefährtinnen genialer Künstlerpersönlichkeiten eine untergeordnete Rolle spielen. Für die "Brücke", die ohne weibliche Beteiligung auskommt, mag dieses Bild zutreffen. Daß jedoch Marianne Werefkin eine führende Rolle innerhalb der Münchener Gruppen zukam, daß sie es war, die in Theorie und Praxis das vorwegnahm und intiierte, was als Kandinskys einzigartiger Weg zur Abstraktion in die Kunstgeschichtsschreibung eingegangen ist, wird verdrängt, da es nicht zur immer noch männlich konnotierten Vorstellung von Künstlertum paßt.

Im Gegensatz zur Unterschätzung Marianne Werefkins ist die Bedeutung von Paula Modersohn-Becker als innovative Künstlerin und Vorreiterin des Expressionismus mittlerweile anerkannt. Modersohn-Beckers Künstlerinnenlaufbahn, durch ihren Tod im Kindbett bereits im Alter von 31 Jahren abrupt beendet, zeigt, mit welchen Widerständen Frauen zu Beginn dieses Jahrhunderts sogar innerhalb von Künstlerzirkeln - wie der Künstlerkolonie Worpswede - zu kämpfen hatten. Der Zwiespalt zwischen Künstlerinnendasein und Mutterschaft, Bürgertum und Bohme, Existenzkampf und Selbstverwirklichung durchzieht auch die anderen weiblichen Lebensläufe.

Expressionistische Zeitschriften wie "Der Sturm" und "Die Aktion", herausgegeben ab 1910 und 1911 in Berlin, boten ein Forum für expressionistische Kunst und Literatur und ihrer Verknüpfungen, an dem sich auch zahlreiche Künstlerinnen beteiligten. Henriette Hardenberg veröffentlichte in Franz Pfemferts "Aktion" ihre ersten Gedichte; die Holzschnitte Jacoba van Heemskercks, die zusammen mit Marie Tak van Poortvliet in Holland ein Sturm-Kulturzentrum gründete, schmückten die Titelseiten von Herwarth Waldens Zeitschrift "Der Sturm".

Viele der Künstlerinnen, auch die heute berühmten wie Else Lasker-Schüler oder Emmy Ball-Hennings, hatten immer mit großen Geldproblemen zu kämpfen und starben, teilweise im Exil, in höchster Not. Im Gegensatz dazu gelang es der Bahlsen-Gestalterin Martel Schwichtenberg, den Widerspruch zwischen Kunst und Kommerz für sich zu lösen. Von der Keksdose bis zum Wandgemälde gestaltete sie - eine der ersten Designerinnen - ein umfassendes visuelles Erscheinungsbild des Unternehmens, wofür sie eine lebenslange Rente erhielt.

Die Funktionsweise der zeitgenössischen Kritik sowie die unterschiedlichen Auffassungen des Künstlerinnendaseins werden im Vergleich der Rezeption zweier ganz unterschiedlicher Bildhauerinnen deutlich: Der einen, Milly Steger, wird der "männliche Charakter" ihrer Skulpturen attestiert - sie führt öffentliche Großaufträge aus und verursacht mit ihrem Theaterportal in Hagen einen Skandal. Die andere, Renée Sintenis, wird für ihre "drolligen" kleinen Tierplastiken gelobt - ein Lob, das die Herabsetzung als "typisch weibliche" Bildhauerarbeit in sich trägt.

Die Auflehnung gegen die traditionelle, dem "Schönen" verpflichtete Kunstauffassung bezog die Vision einer erneuerten Gesellschaft mit ein. Politisches Engagement war für einige der Portraitierten mit dem künstlerischen Engagement eng verknüpft. Claire Goll schrieb flammende Aufrufe gegen den Krieg und rief gerade die Frauen zum Handeln auf. Milly Steger und Martel Schwichtenberg traten der "Novembergruppe" bei, einem Zusammenschluß oppositioneller und revolutionär gesinnter Kunstschaffender, der sich Ende 1918 in Berlin in Reaktion auf die Novemberrevolution gebildet hatte. In dem anarchistischen Kreis um Margarete Kubicka wurde diese Gruppierung dagegen bereits als opportunistisch kritisiert. Die jüngste der Frauen, Lea Grundig, deren graphisches Werk als Weiterführung des Expressionismus interpretiert werden kann, leistete künstlerisch wie politisch Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

"Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft", ein Ausspruch Emmy Ball-Hennings in einem Brief an Hugo Ball von 1916, steht für weiblichen Aufbruch, für Frauen zwischen Kreativität und traditionellen Weiblichkeitsmustern, für eine auch in der weiblichen Kulturgeschichte ungeheuer schöpferische und experimentierfreudige Epoche.

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