Aus der Amazon.at-Redaktion
Hauptfigur und Ich-Erzählerin des Romans ist Fiona Nowak, die bereits mit ihren 21 Jahren aus dem Pessimismus eine Lebenskunst gemacht hat. Sie arbeitet als Fotografin für das Boulevardblatt Bunter Hund, ein "Krebsgeschwür unter den Käseblättern", wie sie als "Trash-Girl" mit Freude am schlechten Geschmack offenherzig zugibt. Es kommt aber noch viel schlimmer, als sie denkt. Ein anonymer Drohbrief an ihrer Wohnungstür bildet den dramatischen Auftakt für vier turbulente Julitage, die ihr Leben gehörig durcheinander bringen werden. Die Hauptrollen dabei spielen ein krimineller Ex-Freund ihrer Schwester, als Teletubbies verkleidete Bankräuber, die Nacktfotos eines hochrangigen Politikers, eine unglückliche Liebe, ein Katzenmord und zu eher böser Letzt die unterhalb der Gürtellinie stattfindende Rache zweier Schwestern an einem verhassten Mann.
Für genügend Spannungsmomente ist also gesorgt. Ein flotter Erzählstil und reichlich schräger Humor treiben die Handlung zusätzlich voran. Martin Amanshauser, bekannt geworden durch seinen Wiener Stadtkrimi Im Magen einer kranken Hyäne, hat einen skurrilen Politthriller vorgelegt, der von der ersten Seite an süchtig nach mehr macht -- und den man sich genussvoll "hineinzieht" wie die Protagonistin eine Zigarette der titelgebenden Marke Nil. Gefährdet ist dabei zum Glück nur die Gesundheit der Romanfiguren. --Mathis Zojer
Neue Zürcher Zeitung
Martin Amanshausers «Nil»
Erstens ist das eine mitunter recht witzige Satire auf Österreich, die der 1968 geborene Martin Amanshauser in seinem dritten Roman vorlegt. Der spielt zwar in der nahen Zukunft des Jahres 2010, kenntlich werden aber Verhältnisse, die es heute schon gibt. Die beliebteste Moderatorin des Landes, deren bleckende Fröhlichkeit uns wöchentlich das Fürchten lehrt, ist in Amanshausers österreichischer Zukunft Bundespräsidentin geworden, was man ihr und dem Land durchaus zutrauen muss. Wien ist noch ein wenig weltstädtischer und noch ein wenig provinzieller geworden, und Fiona, eine zwanzigjährige Fotoreporterin, die den Roman in Ich-Form erzählt, hat den Auftrag übernommen, Ulf Schneyder heimlich in einer Schwulensauna zu photographieren. Schneyder ist immerhin Führer der «Freien Front», in der man eine germanisch verschärfte Nachfolgepartei der FPÖ vermuten darf, und seinem aufhaltsamen Aufstieg täten die Fotos mit einem gar nicht treudeutschen, vielmehr tiefschwarzen Geliebten gar nicht gut.
Zweitens ist «Nil» ein zuweilen spannender Kriminalroman, und in diesem Genre hat der Autor schon in seinen beiden ersten, aus der Wiener Topographie entwickelten Romanen, «Im Magen einer kranken Hyäne» und «Erdnussbutter», einige Erfahrungen gesammelt, die ihm jetzt zugute kommen. Drittens aber ist das ein schönes Stück barockes österreichisches Welttheater, in dem es überwiegend misanthropisch und zynisch, aber stets gut gelaunt und derb fleischlich zugeht. Die Generation der Dreissigjährigen, die in Österreich neuerdings mit einer Anzahl heftiger Talente antritt, lässt das Blut literarisch nämlich nicht zu spärlich fliessen. Und wenn sich Monika Wogrolly in ihrem Roman «Die Menschenfresserin» jüngst delikat kannibalisch gab, bleibt ihr Amanshauser nicht viel schuldig und schliesst seinen durchaus ausgelassenen Roman mit einer beherzten Kastration.
Karl-Markus Gauss