Um es gleich vorweg zu nehmen: *Nikotin* ist ohne Frage das bisher beste Buch von Gregor Hens, ihm ist hier ein Meisterwerk gelungen.
Es gibt zahllose (tiefschwarz) glänzende Werke (de Quincey, Pitigrilli, Lowry, Agejew, um nur wenige bedeutende Repräsentanten des Genres zu nennen), die sich in Erzählform mit dem Thema Sucht beschäftigen. Die Anzahl wissenschaftlicher wie populär-beratender Literatur hierüber ist Legion. Literarische Bücher jedoch, deren Gegenstand die Nikotinsucht ist, sind rar, mir selbst fällt hier lediglich das Drehbuch *Smoke* von Paul Auster ein, das in dem Buch von Gregor Hens ebenfalls Erwähnung findet. Ein gelungenes Amalgam aus autobiographischer Erzählung und Essay/Betrachtung ist mir zu diesem Thema bis zu der Lektüre von *Nikotin* nicht bekannt geworden.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema seiner eigenen Nikotinsucht und seiner Abstinenz entfaltet Hens gekonnt als einen Fächer, dessen Segmente sich abwechselnd und abwechslungsreich in bester Aufteilung aus den Bereichen erzählerischer Autobiographie und psychologisch-philosophischer Essayistik konstituieren.
Jeder Mensch, der lange Jahre nikotinsüchtig ist oder war, wird an jede einzelne Zeile dieses Buches nur in Großbuchstaben schreiben können: JA, JA!
Die Tatsache, dass Hens in seiner Selbstreflektion über die eigene Sucht derart präzise, messerscharfe und immer zutreffende Analysen anstellt, selbst in jenen Augenblicken, wo ihm der Boden unter den Füßen entzogen scheint und er sich am liebsten eine Zigarette anstecken möchte, offenbart naturgemäß einen extrem hohen Grad der Selbstbeschäftigung und lässt nicht selten in den wunderbaren, autobiographischen Erzählpassagen die Nebenfiguren in den Hintergrund rücken: Gut, der Vater kriegt ordentlich sein Fett weg, der gleichfalls rauchende Bruder Stefan *ist* irgendwie, die Existenz des zweiten Bruders wird lediglich im Kontext der Formulierung *meine zwei Brüder* offenbar. Schade!
Gewisse Sympathien des Verfassers lassen sich gegenüber dem Großvater, der Tante und vor allem der Mutter, welcher die Silvesterzigarette zu verdanken ist, erahnen. Ach ja, und da wäre noch seine Gefährtin M. zu erwähnen, der Hens verbietet, das Thema Rauch(entwöhnung), und alles, was damit zusammenhängt, von sich aus zu erwähnen. Das ist gewöhnungsbedürftig, um es mal so zu formulieren.
Spätestens, als mir irgendwann bei der Lektüre das Wort *solipsistisch* in die Augen sprang, war ich geneigt, dem Buch genau dieses Etikett aufzudrücken. Sei's drum: Wer sich gewissenhaft und intensiv mit der eigenen Sucht auseinandersetzt, gerät praktisch zwangsläufig auf eine solipsistische Schiene. Das weiß ich leider aus eigener Erfahrung. Und das spürt man in den erzählerischen Abschnitten auf Schritt und Tritt, die allerdings für sich gesehen wundervoll und überaus lebendig geschrieben sind.
Die tiefen Gedanken, die Gregor Hens sich um die eigene Nikotinsucht gemacht hat, dürften außerdem für alle - Neuropsychologen ebenso wie persönlich Betroffene und interessierte Laien - höchst bereichernd und aufschlussreich sein. So viel Wahrhaftigkeit angesichts der eigenen Sucht wird allen Mut machen, die mit dem Gedanken spielen, das Rauchen aufzugeben.
Fazit: Ein faszinierendes, spannendes, vielleicht ein wenig irritierendes Buch, was den menschlichen Faktor angeht - und ohne Wenn und Aber ein sprachlich-literarisches Glanzstück, mein Top-Buch des Frühjahrs.
Volle Punktzahl - although.... ;)
Und jetzt rauche ich eine - und ja: schade, dass es die Finas nicht mehr gibt. ;)