Was zuerst auffällt, ist die enorme Schnelligkeit, die in den meisten Situationen einer Analog-SLR nicht mehr nachsteht. Die Kamera ist ohne Verzögerung aufnahmebereit, und sie läßt dank Pufferspeicher eine bestimmte Anzahl Aufnahmen in schneller Folge zu (4 im RAW-Format, 19 in JPEG-Basic); erst danach wird sie, je nach Qualität der verwendeten Speicherkarte, etwas langsamer. Schnell ist sie auch beim Anzeigen der aufgenommenen Bilder. Lediglich die Datenübertragung mit USB „Full Speed" (nicht zu verwechseln mit „High Speed") ist zu langsam. Zum Auslesen empfiehlt sich die Benutzung eines Kartenlesegerätes.
Der Sucher ist auch mit Brille einigermaßen überschaubar, ist aber (wie derzeit bei allen Kameras mit Verlängerungsfaktor) ziemlich klein; offenbar wird aus Kostengründen die Sucheroptik einer KB-Spiegelreflex eingebaut. Die manuelle Scharfstellung ist noch hinreichend präzise möglich, erfordert aber viel Aufmerksamkeit. Die Benutzung einer gut angepaßten Brille oder die korrekte Einstellung der eingebauten Dioptrienkorrektur ist besonders wichtig.
Das Gehäuse liegt gut in der Hand. Die lederartig strukturierte Oberfläche der Kamera faßt sich angenehm an. Details wie das beleuchtbare Display zeigen die praxisnahe Konstruktion der D70. Die meisten Grundfunktionen sind ohne Bedienungsanleitung zu finden und lassen sich ohne Menü aufrufen: Einfach Taste gedrückt halten und eines der Einstellräder drehen. Lediglich zum Umschalten von AF-Single auf AF-Continuous muß das Menü herhalten.
Die Einstellmöglichkeiten für Bildabstimmung und -qualität sind sehr umfangreich. Es bedarf vieler Versuche, um den optimalen Workflow herauszufinden. Der Königsweg ist die Benutzung des RAW-/NEF-Formats, weil damit sämtliche Parameter noch nachträglich festgelegt werden können. Hierzu ist die Software „Nikon Capture" notwendig, die sich Nikon zusätzlich bezahlen läßt (oder eine Bildbearbeitung, die D70-NEF öffnen kann). Wer auf RAW verzichtet und in JPEG aufnimmt, muß die Kameraeinstellungen umso präziser wählen. Im Lieferzustand macht die Kamera Schärfe und Kontrastumfang automatisch, was zwar gute, aber nicht reproduzierbare Ergebnisse liefert. Vor der ersten ernsthaften Fotosession sollten also alternative Einstellungen gefunden und ausgetestet werden.
Viele D70-Besitzer klagen über zu dunkle Aufnahmen. Neben einer eher konservativen (d. h. lichter-bewahrenden) Abstimmung der Matrixmessung ist dafür die Justage des Belichtungsmessers verantwortlich, der auf Norm-Graukarte grundsätzlich 1/3 Blende unterbelichtet. Wer die Kunst der Belichtungsmessung mit Diafilmen gelernt hat und mit mittenbetonter oder Spotmessung umgehen kann, sollte die Belichtungskorrektur auf +1/3 stellen, um gewohnte Ergebnisse zu erhalten. Eine Alternative ist das Hochladen der korrigierten Tonwertkurve „Fuji Reala", die man im Internet findet. (Dazu ist Nikon Capture notwendig.)
Ein kleines Ärgernis verbindet sich mit dem Selbstauslöser: Wurde er benutzt, kehrt die Kamera automatisch zum zuletzt gewählten Auslösemodus (Einzel- oder Serienaufnahme) zurück. Macht man mehrere Selbstauslöser-Aufnahmen hintereinander, muß man den Selbstauslöser jedes Mal erneut anwählen, was sehr umständlich ist. Abhilfe schafft nur die Auslösung mit der IR-Fernbedienung ML-L3, die somit für Stativfotografen ein notwendiges Zubehör darstellt.
Den Anschluß für Kabelauslöser hat Nikon leider weggelassen, ebenso die Anschlußmöglichkeit für einen Hochformat-Handgriff. Desweiteren fehlt eine Spiegelvorauslösung, die für einige Fotografen sicher nützlich wäre. Die Anschlußbuchse für Studioblitzanlagen kann man hingegen über einen Blitzschuh-Adapter nachrüsten. Die Blitz-Steuerspannung darf bis zu 200 Volt betragen; daher lassen sich auch ältere Blitzanlagen problemlos verwenden.
Hervorragend gelöst sind Fokus- und Belichtungsspeicher. Die AE-L/AF-L Taste läßt sich verschieden programmieren, so daß je nach fotografischer Gewohnheit unterschiedliche Modi vorgegeben werden können. Ich bevorzuge den AE-Hold-Modus (bei dem die Belichtung bis zum erneuten Drücken der Taste gespeichert bleibt, auch nach der Aufnahme).
Überhaupt lassen sich viele Details an die eigenen Bedürfnisse angleichen, z. B. die Einschaltzeit des Belichtungsmessers oder sogar die Größe des Mittelfeldes bei mittenbetonter Belichtungsmessung.
Ebenso erfreulich funktioniert der Programmshift: Er bleibt nach dem Auslösen bestehen, so daß man nicht vor jeder Aufnahme erneut shiften muß. Damit wird häufig die Benutzung der Programme „S" und „A" überflüssig. In Verbindung mit dem Belichtungsspeicher kann man oft sogar auf „M" verzichten, was Zeit spart, ohne den Einfluß des Fotografen aufs Ergebnis zu schmälern.
Eingebaute Blitzgeräte sind für die meisten fortgeschrittenen Amateure ziemlich unnütz. Der Blitz der D70 macht eine Ausnahme, denn er läßt sich zum drahtlosen Steuern eines Systemblitzes SB600 oder SB800 (oder Sigma 500 DG Super II) einsetzen, wodurch sich unzählige kreative Anwendungsmöglichkeiten ergeben. Dafür kann die D70 nicht mehr mit älteren Nikon-TTL-Blitzen arbeiten. Es muß also ein neuer Blitz mit „iTTL" Technologie angeschafft werden.
Apropos Systemkompatibilität: Nikon MF-Objektive und adaptierte MF-Fremdobjektive lassen sich zwar nutzen, aber nur ohne Belichtungsmessung. Man muß also die Belichtung austesten oder mit Handbelichtungsmesser arbeiten.
Nun zur Bildqualität der D70 (unabhängig vom Objektiv): Wer ohne Fachkenntnis mit Vollautomatik drauflosfotografiert, wird gute Ergebnisse bekommen, die denen einer guten Kompakten nicht nachstehen. Wer sich jedoch eingehend mit der Kamera beschäftigt und unter Beachtung der o. g. Vorkehrungen ihr Potential auszunutzen weiß, wird mit einer exzellenten Qualität belohnt, die in der 6-Megapixel-Klasse unübertroffen ist. Der Dynamikumfang, der sich aber erst mit RAW-Format voll ausschöpfen läßt, liegt deutlich über dem von Diafilm. Dadurch lassen sich, ausgehend vom RAW-File, auch Überbelichtungen bis 1 Blende oder Unterbelichtungen bis 2 Blenden noch ohne sichtbare Qualitätsverschlechterung ausbügeln.
Bis ISO 500 bleibt die Qualität hervorragend; bis ISO 800 ist das Rauschen unauffällig; bei ISO 1600 wird das Rauschen in der 100-Prozent-Ansicht deutlich, fällt aber auf kleineren Abzügen wegen der hohen Gesamtauflösung nicht auf. Die D70 ist bei ISO 1600 noch um Längen besser als die meisten Kompakten bei ISO 400.
Im Set ist das Standardobjektiv 3.5-4.5/18-70 enthalten: Es ist von tadelloser mechanischer Qualität. Zoom- und Fokusring sind vorbildlich zu bedienen, laufen also nicht zu fest und nicht zu leicht. Der Ultraschall-Autofokus ist leise und schnell, und man kann per Rutschkupplung jederzeit in die Fokussierung eingreifen. Die optische Qualität ist überwiegend okay; allerdings stören bei 18 mm die starke tonnenförmige Verzeichnung und bei offener Blende eine sichtbare Vignettierung. Im Notfall muß das Bild mit einem Tool wie „PT Lens" (kostenlos im Internet) korrigiert werden.
Zur mitgelieferten Software: Das Programm „Picture Project" ist eine Bildverwaltung auf Einsteigerniveau. Ich empfehle stattdessen das Vorgängerprogramm „Nikon View". Man kann es von der Nikon-Homepage kostenlos herunterladen.