Da ich von Nikon in der Kompaktklasse bereits das EDG 10x32, das EDG 7x42, das HG 8x42, das SE 8x30 und SE CF 10x42 besitze und von diesen Ferngläser begeistert bin, habe ich dieses Jahr beschlossen meine Sammlung nach unten zu erweitern und die Sporter EX 8x42, EX 10x42, das Prostaff 8x42 und das Monarch X 10,5x45 bestellt mit der Absicht die Besten davon zu behalten.
TESTBEDINGUNGEN
Die Ferngläser habe ich bei Amazon bestellt und sie wurden mit Ausnahme des Monarch innerhalb von 24 Stunden am einem Samstag geliefert. Dadurch hatte ich das ganze Wochenende Zeit die Ferngläser im Direktvergleich ausführlich zu testen. Um die optische Qualität im Zweifelfall zu beurteilen hatte ich auch die Möglichkeit auf die neuesten Referenz-Ferngläser aus einer der umfangreichsten Weltsammlung zurückzugreifen von Apex bis Zhumell.
Ich verfüge zwar über spezielle DIN-A3-Testkarten für Objektive und Optik, bevorzüge jedoch recht einfache, effiziente und feste Testobjekte vor meiner Tür, z.B.
- die Beschriftung einer Briefkasten in 75 m Entfernung (die auch nachts von einer Strassenlaterne beleuchtet wird) für die Beurteilung der Schärfe,
- eine mittelgraue Satelliten-Antenne in 25 m Entfernung für die Beurteilung der Farbsäume und Phasenkorrektur
- einen Fahnenmast und Dachkanten in 40-60 m Entfernung für die Beurteilung der geometrischen Verzerrungen
- zahlreichen anderen, festen Referenzobjekte wie Nadelstiche in einem Rollo mit Hintergrundbeleuchtung, Spinnengewebe an einer TV-Antenne, extrem dünnen Maschendraht, Einzelne Tannennadeln etc. in Entfernungen von 30-75 m für die Beurteilung der Auflösung, Kontrast und Helligkeit. Nicht zu vergessen Mond, Planeten und Sternen.
KONSTRUKTION / VERARBEITUNG
Nikon ist der Hersteller mit dem größten Auswahl und deckt jeden Marktsegment ab, vom Taschenfernglas bis zum 18x70 Astro-Fernglas, von der preiswerten Action-Baureihe (Porro-Ferngläser mit Kunsstoff-Bauteile made in China) bis zu extrem hochwertigen IF WP WF- und EDG-Baureihen (mit allem was technologisch machbar und noch bezahlbar ist).
Die Prostaff 7-Baureihe ist neu und die zweit-preiswerteste Dachkant-Baureihe, noch in der Einsteigerklasse. Dass Nikon in der Lage ist gute Ferngläser für wenig Geld anzubieten beweist die Action-Baureihe. Allerdings ist die Herstellung von Dachkant-Ferngläser wie die Prostaff 7 eine ganz andere Liga weil viel komplizierter und aufwendiger als die Porro-Ferngläser der Action-Baureihe. Der Lichtstrahl wird 6x in den Prismen reflektiert und fast ein Dutzend Mal an den Linsen-Oberflächen gebrochen. Hier muß alles stimmen, die Konstruktion, die Präzision des Maschinenparks und der Montage, die Sorgfalt der Mitarbeiter, die ständige Qualitätskontrolle...
Das kann daneben gehen, und so waren die Sporter EX, sowohl das 8x42 als auch das 10x42, für mich einen Debakel und gingen zurück. Sie können in meiner Rezenssion dort lesen warum.
Das Prostaff macht nicht nur auf dem ersten Blick einen soliden Eindruck. Die Gummi-Verkleidung mit feiner Narbung ist hochwertig und wesentlich griffiger als beim Sporter. Mittelbrücke und Scharnier sind kürzer, die Spaltmaßen extrem gering, die Verstellung des Augenabstandes läuft traumhaft gut und geschmeidig.
Im Gegensatz zum Sporter klappern die Augenmuscheln im ausgefahrenen Zustand nicht und haben so gut wie keinen Spiel. Der Ring für die dioptrie-Einstellung am rechten Okular ist zwar auch aus Hartplastik, aber griffiger, der Verstellungsbereich reicht auch bis -3,5, aber kann voll genutzt werden. Beim Sporter verhinderte die Qualitätsstreuung die volle Ausnutzung so dass ich nicht durch beiden Tubus gleichzeitig scharf sehen könnte. Der Verstellring hat leider etwas Spiel.
Auch das Fokussierrad ist besser bedienbar weil gummiert. Der Verstellbereicht beträgt 1,5 Umdrehungen (= 540 Grad statt 470), davon fast 180 Grad für den Bereich 50m bis unendlich, also eine sehr komfortable Übersetzung. Das Fokussierrad läuft geschmeidig, etwas hart, vor allem im Endbereich, ist aber minimal.
Ein Stativanschluß ist vorhanden (Sporter hat keins).
Der Blick durch das Objektiv verrät ein schönes Stück Dreck mitten in der Optik des linken Tubus, ein typisches Markenzeichen chinesischer Massenproduktion und mangelnder Qualitätskontrolle. Zwar bewirkt es keine Beeinträchtigung der Abbildung, führt jedoch zu einer saftigen Abwertung meinerseits und einer Reklamation bei Amazon.
Insgesamt vergebe ich für die Mechanik und Verarbeitung 3 Sternen.
OPTISCHE EIGENSCHAFTEN
Die Kollimation stimmt. Die Schärfe ist tadellos, nur eine Spur geringer als bei Referenz-Ferngläser. Textfelder und Stiche der Leerungstabelle am Briefkasten sind in 75 m Entfernung gut erkennbar. Bei Referenzgläser sind sie schärfer und die Buchstabengruppen sichtbar. Die Auflösung ist in beiden Tubus beinah gleich.
Die Randschärfe ist nicht perfekt, aber bis rd. 80% vom Zentrum auf dem Radius bezogen gut. Das ist für die Preisklasse völlig ausreichend und für die Beobachtung eigentlich überhaupt nicht relevant.
Bei der Beurteilung der Farbsäume am Rande von kontrastreichen Objekten ist mein Test gnadenlos. Es handelt sich um eine 80 cm grosse, mittelgraue Satellit-Antenne in rd. 25 m Entfernung mit milchigen Himmel im Hintergrund. Damit entlocke ich selbst Swarovski EL und Steiner XP Farbsäume, wenn auch sehr geringe.
Hier schneidet das Prostaff 7 um Längen besser als das Sporter EX. Zauberte das Sporter ein wahres Feuerwerk von bunten Ränder, rot, orange, lila, neongrün und gelb, hält sich das Prostaff vornehmen zurück. Zwar sind Farbränder für den geübten Beobachter unübersehbar, aber sie sind nicht viel ausgeprägter als bei Ferngläser der Mittelklasse wie das Minox HD, eher geringer als beim Olympus, Pentax und anderen. Offensichtlich verwendet Nikon eine Wirksame Vergütung mit Phasenkorrektur, die beinahe so gut funktionniert wie ED-Glas.
Gute Noten verdient das Prostaff ebenfalls für den tadellosen Kontrast. Sicherlich wird hier eine Prismen-Beschichtung aus besseren Aluminium (ehanced Alu coating) oder gar Silber verwendet, denn die Helligkeit in der fortgeschrittenen Dämmerung verrät eine hohe Lichttransmission, ich schätze um 90 % +/-3 bei Tageslicht.
Auch die geometrischen Verzerrungen sind gering. der Fahnenmast des Nachbars wird nicht zum Schießbogen und deutsche Häuser nicht in chinesischen Pagoden verwandelt.
Schließlich ist die Schärfentiefe sehr großzügig, beträgt z.B. rd. 100m bei 75m, da muß man nicht nach Schärfe suchen und das Fokussierrad mehrmals hin- und her drehen in der Hoffnung die richtige Schärfe irgendwo dazwischen zu finden. Sie ist gleich da in einem engen Bereich wo man sie auch vermutet. Abgesehen davon steuert das Rad die Optik sehr präzis und lautlos.
Der Laternentest verrät eine sehr gute Unterdrückung von Reflexionen, erst in umittelbarer Nähe der Lichtquelle erscheinen leichte "flares" (Lichtflecken).
Lange Rede, kurzer Sinn, die Optik ist vor allem für den Preis absolut gelungen und verdient in der Einsteigerklasse eigentlich glatte 5 Sternen.
Nur schade, dass in der Fabrik Linsen und Prismen nicht mit Druckluft zwischendurch durchgepustet werden, wie in Deutschland üblich.
EINBLICKVERHALTEN UND ZUBEHÖR
Mit oder ohne Brille absolut Klasse ! Schönes Eye relief (Abstand Okular-Pupille).
Gummi der Augenmuscheln verursacht keine Druckstelle. Auch auf Dauer sehr komfortabel.
Ab und zu leichte Schatten am Rande wenn die Pupille nicht genau in der optischen Axe liegt, aber eigentlich kein Problem.
Die Tasche aus feingewebtem Cordura und Klettverschluß ist sehr sauber verarbeitet. Der 40mm breiten Trageriemen auch, ist allerdings ungepolstert.
Die einteilige Okularabdeckung ist überhaupt nicht passgenau, die Objektivabdeckungen aus billigstem Plastik sitzen zwar besser, da sie jedoch weder an dem Fernglas noch an dem Riemen befestigt werden können und einer davon nach 5 Minuten verloren ging, beurteile ich sie als mangelhaft.
FAZIT
Eigentlich hat Nikon sich mit dem Prostaff richtig ins Zeug gelegt und ein solides Fernglas mit ausgewogenen Eigenschaften konstruiert.
Die Mangelhafte Fertigung (Dreck in der inneren Optik) führt leider dazu, dass ich eine Kaufempfehlung nicht vergeben kann.
Wenn man davon absieht ist das Preis- Leistungsverhältnis hervorragend.