Eigentlich ist der Kauf des 28-300mm bei mir aus der Not der Stunde entstanden: mitten in Japans Tsunami-Krise war das Nikon 70-200mm, wenn überhaupt, nur noch zu Mondpreisen zu bekommen. Ich hatte gerade meine Sigma 2,8/24-70 und 2,8/70-200 verkauft, weil mir jeweils innerhalb eines Jahres mitten im Shooting der Autofokus verreckt war und ich brauchte dringend ein Telezoom.
Wissend das ein Super-Zoom immer ein Kompromiss ist, bin ich mit diesem Kompromiss sehr zufrieden! Richtig, es reicht weder in der Lichtstärke noch in der Auflösung an das mehr als doppelt so teure Nikon 2,8/70-200 heran. Aber das wäre auch Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Für die viele fotografischen Aufgaben reicht es aus. Es ist sehr kompakt und hat, Nikon sei Dank, ein 77mm Filtergewinde. Wer, wie ich, Polfilter u. dergleichen verwendet, weiß es sehr zu schätzen, wenn er nicht für jedes Objektiv zusätzliche Filter kaufen muss, denn das 77mm Filtergewinde hat sich bei Objektiven der gehobenen sowie der Profi-Klasse als Quasi-Standard entwickelt.
Das Objektiv ist auch -wie die Profi-Klasse- mit einer Gummilippe am Bajonett als Regen und Staubschutz ausgestattet.
Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich hiermit bei einigen Profis und einigen die sich dafür halten oute: ich finde das Objektiv gut und werde es nicht hergeben, auch wenn ich jetzt das ursprünglich gewünschte 2,8/70-200 bekomme. Ich fotografiere nämlich kein Millimeterpapier und schaue dann auf einem 24 Zoll IPS-Panel Monitor nach, ob bei 300% Ansicht die Linien noch stimmen. Ich mache Landschaften und real Life und da kommt das Objektiv ausreichend gut. Ein großer Fotograf hat einmal gesagt: "Die beste Fotoausrüstung ist die, die man dabei hat!" Und da ich kaum Fotos im Studio sondern dort mache, wohin ich meine Ausrüstung vorher getragen habe, hat das Nikon 28-300 einige schlagende Argumente auf seiner Seite. Zudem begegnet man heutzutage immer mehr Zeitgenossen, die der Fotografie wenig aufgeschlossen gegenüber stehen: mit einer großen Kamera plus einem fetten Tele rückt man in deren Augen schon sehr nahe an die Kategorie "Paparazzi" und die Mütter holen Ihre Kinder rein. Das 28-300 ist wie gesagt kompakt und relativ unauffällig. Nur Kenner der Materie wissen, dass es ein sehr potentes Objektiv ist.
Für manche Fotografen gehört eine Kamera grundsätzlich auf ein Stativ - erst recht bei Telebrennweiten. Am besten auf ein Gitzo ohne Mittelsäule, um jegliche Bewegung zu auszuschließen. Aber mal abgesehen von dem zusätzlichen Gewicht ist der Aufbau eines Stativs bei vielen Fotosituationen viel zu langwierig und zweitens oft verboten oder zumindest unerwünscht. Hier macht sich Nikons VR II bezahlt. An einer APS-C Kamera habe ich das Pendant bis zu 450 mm Brennweite und es ist unglaublich welche Fotos mir damit bei relativ langen Verschlusszeiten schon aus der Hand gelungen sind.
Farben und Kontraste kommen gut, chromatische Aberrationen (Farbsäume an den Kanten) werden ohnehin von den guten Nikon Kameras (ich glaube alle Bodys von der D90 aufwärts) eliminiert und Reflexe halten sich in gut verträglichen Grenzen.
CONTRAS
-wenn man nach dem Fokussieren zoomt, muss das Motiv erneut scharf gestellt werden. (das ist bei vielen anderen Objektiven aber auch so)
-mit abnehmender Fokusdistanz sinkt die Brennweite, d.h. bei der minimalen Entfernungseinstellung von 50 cm hat man keine 300mm, sondern nur noch ca. 130-150 mm Brennweite. (da ich aber z.B. eine Spinne formatfüllend fotografieren kann, reicht mir das trotzdem, zumal bei allen Telezooms die ich kenne, die minimale Aufnahmedistanz wesentlich höher liegt z.B. 140 cm beim 2,8/70-200 oder 150 cm bei dem 70-300)
-Die Arretierung bei 28mm hat mich zunächst genervt. Aber beim Hiking fährt das Zoom sonst tatsächlich ungewollt aus. Bei Zooms, die ihre Länge beim zoomen nicht verändern (z.B. beim 2,8/70-200) gibt es solche Probleme natürlich nicht. Diese sind aber von vorne herein deutlich länger ...und schwerer. Und selbst das Nikon Profi-Zoom 2,8/24-70 fährt beim zoomen aus.
VORSCHLAG: Holen Sie sich zusätzlich das Nikon AF 1,8/50 D. Angesichts der hohen Leistung dieses Objektives bekommt man es fast geschenkt (es verzeichnet weniger als das 1,4/50mm). Außerdem ist es so kompakt, dass man es sogar in die Hosentasche stecken könnte. Wenn Sie dann auf ein Motiv stoßen, bei dem die Abbildungsleistung besonders kritisch ist (z.B. weil Sie eine sehr große Vergrößerung machen wollen) sind Sie gut gerüstet.
FAZIT: Wer die Brennweiten 28-300 mit Festbrennweiten abdecken und die Kosten und das Gewicht dafür tragen kann und will, der ist hier falsch. Für die, die leicht unterwegs sein wollen, sehe ich bei diesem Preis-Leistungs-Verhältnis deutlich mehr Vor- als Nachteile.
Diversen Berichten nach zu urteilen scheint es bei dieser Linse eine gewisse Serienstreuung geben. Von meinem Objektiv ausgehend kann ich sagen, dass dieses Objektiv für alle, die sich ein Reisezoom wünschen oder denen das Nikon 2,8/70-200 zu teuer ist eine Empfehlung wert ist.