Kurzbeschreibung
Covertext: Fernab von allen Heiligenlegenden, hat Jürgen Jesinghaus ein wunderbares Buch geschrieben, das Jugendlichen und Erwachsenen gleichermassen hohen Lesegenuss bietet. Dieser Nikolaus ist ein rechtschaffener und praktischer Mann, der die Werte des Christentums lebt, bevor es ihm bewusst ist. Sein Amt als Bischof nimmt er anscheinend nur beiläufig, neben seiner Tätigkeit als Spediteur wahr, vertritt seine Überzeugung aber klug und unerschütterlich, selbst unter der Folter des römischen Geheimdienstes. Dieses Buch ist überdies ein moderner Bildungsroman, wie selbstverständlich bereichert um mathematische, astronomische und philosophische Themen, Leckerbissen für Wissbegierige. Jürgen Jesinghaus schildert das Leben im griechischen Lykien, das zur Zeit des Bischofs von Myra, im 4. Jahrhundert nach Christus, zum römischen Reich gehörte, intelligent, feinsinnig und mit hintergründigem Humor. Ein Roman, der auch durch seine unaufgeregte, gekonnte Sprache zu einer Entdeckung wird. Klappentext: Dieser Nikolausroman räumt nicht nur mit allen bisherigen Darstellungen des heiligen Nikolaus auf, das Buch ist eine inhaltsreiche, konkrete und spannende Darstellung des Protagonisten in seiner Zeit. Schon früh fällt Nik durch seine Redegewandtheit auf, die ihm bei vielen Gelegenheiten hilfreich ist, begonnen bei der drohenden Verurteilung wegen Mordes, bei seiner ersten Wahl zum Bischof, bei einer Begegnung mit Piraten, die sein Schiff kapern wollen, anlässlich des Konzils von Nizäa vor Kaiser Konstantin und auch bei den Auseinandersetzungen mit dem Geheimdienst-Offizier der römischen Herrschaft nach Folterungen, deren intelligente Methoden dem Repertoire der Jetztzeit gleichen. Sein Verhalten in diesem Fall lässt ihn an sich selbst als Christ zweifeln. Hier, wie in anderen Zusammenhängen auch, werden Fragen des richtigen Verhaltens, bis hin zur Frage der Befehlsverweigerung, wie Nikolaus sie gesehen haben könnte, aus christlicher und philosophischer Sicht, spannend dargestellt. Der geschickte Kaufmann und Bischof sah in der Nächstenliebe die eigentliche Aufgabe als Christ. Er distanzierte sich daher von theoretischen theologischen Disputen und gründete lieber Waisen- und Leprosenheime und beschaffte in Notzeiten Getreide für die Hungernden. So findet hier eine der vielen Nikolaus-Legenden, das Weizenwunder, beispielhaft seine praktische Erklärung. Ein Höhepunkt in seinem Leben ist die Entdeckung eines Briefes seines Lieblings-Evangelisten Lukas in den Felsengräbern von Myra. Wunderbar, geheimnisvoll und traurig sind seine besonderen Beziehungen zu Frauen, von seiner Frau Zenia, der Fischfrau, bis zur Königin von Ägypten . Seine Vertrautheit mit dem Wissen der griechischen Philosophen fliesst in faszinierende Gespräche ein.
Über den Autor
Leseprobe: Am Südufer des Pontus Euxinus, auf der Hauptstrasse in den fernen Osten, ritten nebeneinander ein Mann und eine Frau, in ein Gespräch vertieft. Das Gesicht der Dame war ebenmässig gebräunt, ihre Augen kirschschwarz. Ein blauschwarzer Bart umrahmte das Gesicht des Mannes. Die Pferde warfen von Zeit zu Zeit ihre Köpfe zur Seite, so dass sich ihre Nüstern berührten. Die Dame sprach in einem Singsang-Ton und der Mann schien durch die Nase zu reden. Sie unterhielten sich über den Hof zu Nikomedia, denn dort waren sie glänzend empfangen worden, und der Kanzler hatte die Abwesenheit des Kaisers wiederholt mit Bekundungen des tiefsten Bedauern damit entschuldigt, dass den Augustus dringende Geschäfte in Rom aufhielten. Sie waren erst vor wenigen Tagen aus Nikomedia aufgebrochen und besprachen jetzt all die fremden Eindrücke. Der Perser hatte sein Chinesisch verbessert, musste er doch in vielen hoch-rangigen Gesprächen als Übersetzer dienen. Am Hofe galt er nur als der Dolmetscher . Seine persische Herkunft wurde taktvoll verschwiegen, weil die Regierung seiner Majestät des Kaisers mit der persischen Regierung in Streit lag. Die beiden sprachen gerade über die Persönlichkeiten des Hofes, unter denen einer besonders hervorstach, der merkwürdige Oberbefehlshaber Ost, ein schweigsamer Mann, den sie bei Hofe Magister quadrupli nannten, weil er in seinen Denkschriften die Ansicht vertrat, ein Angreifer müsse dem Verteidiger ums Vierfache überlegen sein. Just in diesem Augen-blick traf den Perser ein so harter Schlag im Nacken, das er vom Pferd fiel. Auf dem Boden liegend sah er, wie jemand eine Lanzenspitze gegen ihn richtete. Er hörte noch sagen: Mach es nicht wie mit dem Maultiertreiber. Dann wurde er ohnmächtig. Die junge Dame hatte den winzigen Vorteil, erst als zweite angegriffen zu werden, dazu genutzt, aus dem Faltenwurf ihres Gewandes ein Schwert zu ziehen, so schnell und in einer so vollkommenen Bewegung, dass es dem Banditen, der an ihrem Reitgeschirr zerrte, vorkommen musste wie ein Blitz aus der Sonne. Der heisse Schmerz in seinem Arm machte ihn wehrlos, darum war er der erste Gefangene. Drei andere Räuber ergriffen die Flucht zu Fuss, als sie sahen, das zwei Männer auf sie zugaloppierten und im Reiten Pfeile in ihre Hornbogen spannten. Die Reiter zielten kurz und ein Flüchtling wurde am Hals getroffen. Vor Angst liess er sich fallen und gefangennehmen. Die restlichen zwei fanden Deckung in den Büschen und hasteten weiter. Die Äste schlugen ihnen ins Gesicht. Sie stolperten beide gleichzeitig über eine Bodenwelle, und als sie sich wieder aufrappelten, standen zwei Hirtenhunde vor ihnen bewegungslos, mit angelegten Ohren, die Lefzen zu einem gnadenlosen Grinsen über die Zähne gezogen. Die Banditen verstanden recht gut: So bewegungslos wie diese Hunde müssen wir uns verhalten, bis man uns gefangen nimmt. Vier Männer hatten die Vorhut der Expedition angegriffen, in der falschen Annahme, leichte Beute zu machen. Zwar wurde nur der Dolmetscher verletzt, aber die Karawane kam zum Stillstand, und die Gefangenen wurden nach Nikomedia gebracht. Zwei Tage später ritten der Perser, der sich erholt hatte, sowie der Khan und seine Tochter unter starker Bede-ckung in die Hauptstadt zurück, wo sie wiederum der Kanzler persönlich empfing, der sich ein über das andere Mal entschuldigte und Höchststrafen für die Verbrecher in Aussicht stellte, weil sie gewagt hatten, Gäste des Kaisers zu überfallen. Der Magister quadrupli musste sich vor den Gästen sogar eine spitze Bemerkung über die Sicherheit der Reichsstrassen gefallen lassen. Er brauche, erwiderte er in seltener Beredsamkeit, mehr Personal, höheren Sold, längere Ausbildung, mehr Pferde, moderne Waffen, mit einem Wort: mehr Geld, dann wären die Reichsstrassen so sicher wie ein Unschuldiger vor dem Henker. Der Kanzler erschauderte.