"Er hat ein paar Fehler gemacht, aber welcher Herrscher macht die nicht?"
-Winston Churchill über Nikolaus II-
Es ist ein Jammer, daß der 1971 enstandene Historienfilm "Nikolaus und Alexandra" so wenig bekannt ist.
Zwar lassen sich hierfür durchaus einige Gründe erahnen, die große Zeit der Historienfilme war seit spätestens Mitte der 60er Jahre vorbei, das Kino steckte ohnehin in einer großen Krise im Kampf gegen die immer größer werdende Konkurrenz des Fernsehens, kaum eine Produktionsfirma konnte und wollte noch Großproduktionen finanzieren und der Publikumsgeschmack war dabei, sich in andere, neue Richtungen zu orientieren.
Außerdem waren viele der großen Stars aus Hollywoods goldenen Zeiten abgetreten und noch kaum vergleichbar große Stars nachgerückt, so daß "Nikolaus und Alexandra" zwar in den Nebenrollen mit einigen großen internationalen Namen wie Laurence Olivier, Michael Redgrave, Curd Jürgens und Jack Hawkins aufwarten kann, aber in den Hauptrollen keine wirkliche "Weltstarbesetzung" vorzuweisen hat.
Von all dem merkt man diesem wunderbaren Film, der völlig zu Recht den Kostüm- und Ausstattungsoscar sowie vier weitere Oscarnominierungen erhielt, aber nichts an.
Das Drehbuch schrieb James Goldman in enger Anlehnug an das gleichnamige Buch von Robert K. Massie, was bereits im Vorfeld ein großer Trumpf für die britische Produktion war.
Der Pulitzerpreisträger Massie war bereits damals und ist noch heute DER führende Historiker auf dem Gebiet der Geschichte der Romanows und beherrscht außerdem wie kaum ein zweiter die Kunst, nicht nur historisch fundiert, sondern gleichzeitig auch unterhaltsam zu schreiben.
Der Film setzt am 12. August 1904 mit der Geburt des Zarewitsch Alexei ein und endet mit der Ermordung der Zarenfamilie am 17. Juli 1918.
Über diese 14 historisch bewegten Jahre sehen wir eine erstaunlicherweise oft anrührend intime Familiengeschichte, die, obwohl sie natürlich von den äußeren Ereignissen stark beeinflusst und gelenkt wird, von diesen jedoch niemals in den Hintergrund des Geschehens gedrängt wird, wie es bei vielen anderen Historienfilmen der Fall ist.
Ein schönes Beispiel dafür bietet bereits der Beginn des Filmes:
Nachdem dem Zar, der im Nebenzimmer seiner in den Wehen liegenden Frau auf die Geburt des fünften gemeinsamen Kindes gewartet hat, von einem Kammerdiener die Geburt seines Sohnes mitgeteilt wird, sind seine ersten Worte "Is Sunny all right?" (Nikolaus und Alexandra nannten einander zeitlebens Niki und Sunny).
Da der Film zahlreiche intime Familienszenen fernab des höfischen Pomp und der politischen Umstände zeigt, empfiehlt es sich im übrigen, den Film wenn möglich in englischer Originalfassung zu sehen, weil man nur so mitbekommt, daß die Familie der deutschstämmigen Zarin, die eine geborene Prinzessin von Hessen-Darmstadt war, im privaten Umfeld teilweise auch deutsch sprach.
Der Film hält sich, was mit Sicherheit auch Massie zu verdanken ist, bemerkenswert eng an die historischen Begebenheiten, wobei bei einer Verarbeitung von 14 historisch derart bewegten Jahren zu drei Filmstunden gewisse Kürzungen und Auslassungen natürlich unvermeidlich sind.
Wer sich in der russischen Geschichte dieser Jahre etwas auskennt, ist insofern im Vorteil, als der Film nicht jedes historische Detail erschöpfend darstellt und erläutert; allerdings schadet es auch nicht, wenn man nicht alle historischen Hintergründe genau kennt, da der Film wie gesagt in erster Linie die persönliche Geschichte der Zarenfamilie in diesen letzten Jahren thematisiert.
Die Kostüme und die Ausstattung sind erlesen und verschwenderisch, die Kameraarbeit von Freddie Young verwöhnt das Auge mit wirklich schön komponierten Bildern und die Musik ist stimmungsvoll, ohne zu aufdringlich zu sein und versteht sich in entscheidenden Szenen, so zum Beispiel der quälend lang vorbereiteten Schlussszene, auch völlig zurückzunehmen.
Hier hören wir lediglich das leise Ticken einer Uhr, was wesentlich effektvoller und beklemmender ist, als wenn wir hier mit unheilschwangerer Musik zugedröhnt würden.
Als der Film 1971 in die Kinos kam, mag die Tatsache, daß die Hauptrollen nicht mit ganz großen Stars besetzt waren, ihn evt zahlreiche Zuschauer gekostet haben.
Von heutigem Standpunkt aus jedoch bin ich sogar geneigt, diese Tatsache als gewissen Vorteil zu betrachten, denn während man zum Beispiel in "Cleopatra" Liz Taylor und Richard Burton sah, in "Spartacus" Kirk Douglas und in "Ben Hur" Charlton Heston, sieht man hier eben nicht in erster Linie Michael Jayston und Janet Suzman (die Südafrikanerin erhielt für diese Rolle übrigens eine Oscarnominierung), sondern - Nikolaus und Alexandra, und das nicht einmal in erster Linie als Zar und Zarin von Russland, sondern vielmehr als liebendes Paar und glückliche Eltern, die trotz aller Schwierigkeiten, die das Schicksal ihnen auferlegt, wie die schwere Krankheit ihres Sohnes, die gespannte Beziehung Alexandras zu ihrer Schwiegermutter, der Zarenmutter, die prekären zeitgeschichtlichen Umstände und die schwierige politische Lage sowie das schwere Amt des Zaren, dem Nikolaus weder persönlich noch politisch wirklich gewachsen war, dennoch ihr kleines privates Glück zu bewahren verstehen und es Kraft ihrer Liebe und ihres Glaubens sogar schaffen, mit Würde und Haltung ihrem bekannten tragischen Ende entgegenzugehen.
Dabei zeigt der Film auch und gerade in der letzten Stunde, also nach der erzwungenen Abdankung des Zaren und der Verbannung der Familie zunächst nach Tobolsk und dann später nach Jekaterinburg einige der schönsten und anrührendsten Szenen, so zum Beispiel die kleinen Freuden der zuletzt auf engstem Raum bei zugemalten Fenstern eingesperrten Familie beim Einfärben von Ostereiern, beim Lesen von Briefen von Freunden und Verwandten und bei einer letzten heimlichen Liebesstunde des ehemaligen Zarenpaares im Ipatjewhaus.
In diesem letzten Drittel des Filmes sehen wir auch, wie der während seiner Regentschaft so oft überforderte und politisch ungeschickte, halsstarrig an der absoluten Autokratie vergangener Jahrhunderte festhaltende Nikolaus sich als starke Persönlichkeit von bemerkenswerter menschlicher und ethischer Integrität erweist, der selbst einigen seiner "Wärter" Respekt abnötigt und spät zu der Erkenntnis gelangt, daß ein starker Mann keine Macht benötigt und ein schwacher von ihr erdrückt wird (dieses Zitat Nikolaus' II ist übrigens historisch verbürgt).
Einige zeitgenössische Kritiker haben dem Film damals vorgeworfen, zu wenig "spektakulär" zu sein.
Ich kann das nicht bestätigen, manche der Massenszenen sind durchaus beeindruckend -die Darstellung des Petersburger Blutsonntages zum Beispiel finde ich deutlich besser und auch berührender als die entsprechende Szene in "Doktor Schiwago"-, die Außenaufnahmen gelungen, obwohl nicht an Originalschauplätzen, sondern in Jugoslawien und Spanien gedreht wurde und die inhaltliche Konzentration auf die private Familiengeschichte macht den Film letztlich gerade zu etwas ganz Besonderem unter den Historienfilmen.
Dabei wird das Zarenpaar trotz Nikolaus' oftmals äußerst ungeschickter politischer Führung, teils aus Unwissen, teils wohl auch aus zumindest anfänglicher Ignoranz, ungemein menschlich und sympathisch dargestellt mit seiner Fokussierung auf ein nahezu bürgerlich anmutendes kleines privates Glück, der Sorge um den an Hämophilie leidenden Sohn und vor allem der tiefen und vertrauensvollen Liebe zueinander.
"Nikolaus und Alexandra" ist ein Film, der die kleine Geschichte eines liebenden Paares vor dem Hintergrund der großen Weltgeschichte erzählt, wobei letztere, obwohl sie nicht einmal im alleinigen Mittelpunkt steht, extrem realitätsnah, historisch fundiert und lebendig dargestellt wird.
Das macht den Film für mich berührender und authentischer als so manches stargespickte Kolossalwerk aus Hollywood.
Michael Jayston sieht Nikolaus II in diesem Film übrigens gespenstisch ähnlich und auch die anderen Rollen sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt und gespielt.
Rasputin wird von Tom Baker -soweit die Rolle dies zulässt- angenehmerweise relativ zurückhaltend gespielt, der Film verkneift es sich hier glücklicherweise, diese Rolle allzusehr zu überzeichnen, so daß die Zarenfamilie wirklich im unangefochtenen Mittelpunkt des Geschehens bleibt.
Etwas blass bleiben die vier Großfürstinnen, die nur wenig auftreten und größtenteils als recht einheitliche Gruppe dargestellt werden, obwohl sie während der Verbannung ja alle mehr oder weniger erwachsen und somit eigenständige und auch recht unterschiedliche Persönlichkeiten waren.
Dies kann man dem bereits drei Stunden langen Film allerdings nicht vorwerfen, denn wenn hier noch die jeweilige Persönlichkeit jeder einzelnen der Zarentöchter herausgearbeitet worden wäre, hätte der Film wahrscheinlich noch mindestens eine Stunde länger sein müssen.
Ich kann den Film allen Freunden von Historienfilmen nur wärmstens empfehlen.
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