Das Typische an den Texten von Niklas Luhmann ist, dass man sie nicht versteht. Zumindest bei den ersten Lese-Versuchen. Man müsste eigentlich schon Experte im Luhmann-Lesen sein, um mit dem Verstehen von Luhmann anzufangen. Neulinge können sich nun entweder ein Herz fassen und sich durch das unüberwindbar erscheinende Labyrinth an abstrakten Begriffen durcharbeiten, die man in der Alltagssprache entweder gar nicht oder mit anderen Bedeutungen benützt: System, Umwelt, Kommunikation, Differenz, Paradox, Autopoiesis, binärer Code, Selbstreferenz, Semantik, Komplexität, Selektion und Kontingenz sind nur einige. Und bei den ersten Versuchen weiß man nachher auch nicht viel mehr als vorher. Diese Methode verlangt den Lesern eine gehörige Portion Ehrgeiz ab und nicht wenige bleiben dabei auf der Strecke.
Oder sie gehen den alternativen Weg und setzen sich mit der Einführung von Georg Kneer und Armin Nassehi auseinander, um sich mit dieser Starthilfe im Gepäck anschließend an die Originaltexte zu machen. Kneer/Nassehi helfen einem dabei erheblich weiter. Sie fassen zentrale Punkte der umfangreichen Theorie Luhmanns anschaulich zusammen, bringen viele Originalzitate aus den unterschiedlichsten Texten und tragen so dazu bei, einen Blick dafür zu bekommen, wie die Systemtheorie auf die unterschiedlichsten Themenbereiche der Gesellschaft anwendbar ist, und welches Verständnis von Gesellschaft bzw. Sozialem dem ganzen zugrundeliegt. Von Grund auf werden einem hier die Wurzeln von Luhmanns Denken beigebracht, eine Geschichte des Systemsbegriffs, verschiedene Varianten der Systemtheorie und vor allem: eine Erklärung der wichtigsten Begriffe angeboten. Der hohe Abstraktionsgrad von Luhmanns Theorie wird - wo immer möglich - durch einleuchtende Beispiele kompensiert und illustriert. Als Luhmann-Neuling fühlt man sich hier gut aufgehoben, denn die verwendete Sprache ist gerade fürEinsteiger gut lesbar und kann mit einfachen Worten komplexe Sachverhalte näherbringen.
Das soll jedoch nicht heißen, dass dieses Buch nur für Einsteiger geeignet ist. Selbst der fortgeschrittene Leser findet hier oft genug Stellen der Theorie, in denen er sich noch nicht oder nur schlecht ausgekannt hat. Es empfielt sich, immer wieder mal einen Blick in dieses Buch zu werfen - gerade nach dem man schon die eine oder andere Erfahrung mit Luhmanns Originaltexten gesammelt (und diese vielleicht sogar verstanden) hat. Man entdeckt immer wieder etwas neues.
Eine wichtige Funktion der Einführung von Kneer/Nassehi ist es, dem Leser (und Luhmann-Neuling) déjà-vu-Effekte zu verschaffen: beim Lesen von anderen Luhmann-Texten manche Gedanken wiedererkennen und das bei immer anderen Texten so fortsetzen, bis sich aus einem anfägnlich vollkommen undurchsichtigen schwarzen Nichts ein immer helleres Bild mit schärferen Konturen abzeichnet. Erst so kann man aus dem Gewirr von (auch und gerade für Soziologen) seltsam erscheinenden Begriffen Erkenntnisgewinne ziehen und die Anregungen und Überlegungen von Luhmann für das Soziologiestudium oder für soziologische Analysen nutzbar machen.
Wer Kneer/Nassehi gelesen hat, ist allerdings noch kein Luhmann-Kenner. Einführungen haben schließlich nicht den Anspruch, ein umfassendes Werk auf 180 Seiten zu komprimieren und dies als vollständig zu verkaufen. Das tun selbstverständlich auch Kneer und Nassehi nicht. Vielmehr verstehen sie ihr Buch als Einladung und Vorbereitung dafür, sich mit den vielen Aufsätzen und Büchern Luhmanns auseinanderzusetzen und diese mit Mehrwert zu lesen.