Um es gleich vorweg zu sagen - ich war lange nicht mehr von einer Blu-ray so begeistert. Aber natürlich lag das vor allem an einem faszinierenden Film - weniger großartig sind die Eigenbröteleien und Unzulänglichkeiten der Kinowelt-Scheibe. Der erste Teil der Rezension befasst sich mit Inhalt & Umfeld, der zweite Teil geht auf die Technik der Blu-ray und die Ausstattung ein.
I. INHALT & UMFELD
Luc Besson steht für hochklassige, besondere Filme im Bereich Thriller - ob es sich nun um Agenten, Polizisten oder auch Transporter handelt. Was seine Produktionen von Hollywood Baller- und Kracher-Streifen abhebt, sind lebendige Personen, Individuen, sorgfältig aufgebaut, gezeichnet und in der Entwicklung verfolgt. Action wird extrem auf den Punkt gebracht, kommt beinhart und explodiert geradezu. Da kann Hollywood noch endlos dazulernen.
Gerade mal 31 Jahre alt fertigte Besson 1990 mit "Nikita" bereits eines seiner Meisterstücke und erzielte einen weltweiten Erfolg. Er war damals - wer will ihm das verdenken? - so fasziniert von Anne Parillaud, dass er ihr die Rolle geradezu auf den Leib schrieb. Alleine in Frankreich besuchten über 4 Millionen Zuschauer die Kinos. Der Stoff wurde mehrfach geklont und in Kanada und USA erschienen Fernsehserien mit dem Motiv.
Es geht um die Entwicklung des asozialen, kriminellen und ultra-brutalen Junkie-Mädchens Nikita (Anne Parillaud, 30), das nach der Verurteilung bald die Ausbildung zu einer Superagentin in Staatsdiensten als Chance erkennt, lebenslangem Knast zu entgehen, schließlich aber den Ausweg aus der desolaten Situation als Liquidations-Maschine suchen muss. "Nikita" ist ein Lehrstück darüber, was Mangel an Liebe und Führung mit jungen Menschen anrichten kann - und dass Schutz und Liebe ein Individuum aus dem sinnlosen Kreislauf der Gewalt führen können, in dem die Machtapparate rotieren. Besson liegt aber auch daran, aufzuzeigen, wie der gleiche Staat, der schwache junge Menschen erst durch seine Unmenschlichkeit in eine kriminelle Untergrund-Existenz drängt, sie recht gleichgültig aburteilt, um sie schließlich in zynischer Weise für keineswegs legale Zwecke einzusetzen und damit ein zweites Mal zu zerstören.
Gerade die Entwicklung der "Josephine" genannten menschlichen Waffe zu einem sozialen und zunehmend moralischen Wesen, das schließlich den Mord an beliebigen Unbekannten als politisches Mittel nicht mehr ertragen kann, wurde wunderbar fein gezeichnet. Besonders deutlich wird, welchen Einfluss die Umgebungseinflüsse, in erster Linie natürlich die Bezugspersonen, in diesem Zusammenhang auf einen Menschen ausüben.
Wie mehr oder weniger bei allen Besson-Filmen entstand also eine Kombination zwischen Thriller und Drama, man findet sogar verspielte und komische Elemente. Wunderschön eine übermütige, "klassische" Tanzszene in "Würfelbechern", nachdem die "Auszubildende" auf höchst unfaire Weise ihren Kampfsporttrainer auf die Matte gelegt hatte.
Getragen wird das Geschehen von vorzüglichen Schauspielern. Marco (Jean-Hugues Anglade, 35) spielt den einfühl- und aufmerksamen zivilen Geliebten, Bob (Tchéky Karyo, 47) den hinter der eindrucksvoll beängstigenden Maske wohlwollenden und längst nicht mehr neutralen Förderer beim Geheimdienst, der die wegen Polizistenmordes verurteilte Nikita aus dem Sumpf ihrer destruktiven Einstellung zu ziehen versucht.
In einer späten Rolle versucht Jeanne Moreau, in Nikita die Weiblichkeit zu wecken, während Jean Reno mit dem "Cleaner" schon Ideen für den späteren Super-Erfolg "Leon - Der Profi" aufkommen ließ. Fans seien aber gewarnt - beide spielen in Nikita zwar wichtige, aber relativ kleine Rollen.
Kühle Fotografie, eine geniale elektronische Musik und betont ruhige Einstellungen im Wechsel mit geradezu explodierenden Kampfszenen zeigten den Weg für Agentenfilme der kommenden Jahre auf. Geradezu poetisch wirkt z.B. die Szene am Schminktisch, hochdramatisch das Abendessen mit Onkel Bob.
Besson lässt weder den Zuschauer noch Nikita je zur Ruhe kommen - kaum entspannt man ein wenig, schon geht es wieder in ungeheurer Dynamik ab. Der geniale Soundtrack und die oft schon künstlerische Fotografie runden "Nikita" zu einem Gesamtkunstwerk ab, das zu den ganz Großen des Films gehört.
Auch heute noch beeindruckt die Bildqualität, wobei kritische Kommentare darauf hindeuten, dass auch unglückliche Übertragungen auf DVD am Markt sind.
II. TECHNIK & AUSSTATTUNG
Bild - und Tonqualität - natürlich im Original-Format 2,35:1 und in Original-Länge - sind in besseren Passagen souverän. Erst auf der BD kommen die interessanten Farbgestaltungen der verschiedenen Szenen richtig zur Geltung. Was die teilweise flache Bildwirkung angeht, ist schwer abzugrenzen, wo eventuell eine starke Rauschunterdrückung ursächlich war und wo gestaltet worden ist. Gelegentliche Unschärfen sind wohl ebenfalls nicht dem HD-Transfer anzulasten. Wie auch immer - in der Gesamtwirkung ist der Film in großer Projektion auch optisch eine Wucht. Manche Aufnahmen bieten fast die Fotografie moderner Digital-Produktionen.
Der Ton mit den frühen Synthesizer-Experimenten des genialen Éric Serra begeistert durch Macht, Transparenz und Räumlichkeit. Pegelsprünge halten sich in Grenzen, Lautstärke-Korrekturen erübrigen sich.
Drei Extras fand ich sehenswert: Das "Making Of", "The Sound of Nikita" und ganz besonders ein Interview mit Luc Besson. Leider liegen diese Features nur in SD vor, das Interview kommt sogar im guten alten Briefmarken-Format.
Deutsch und Französisch sind in 5.1 DTS HD wählbar, deutsche Untertitel können zugeschaltet werden. Auch in der deutschen Version wird an zwei Stellen kurz französisch gesprochen, dort sind zwangsweise Untertitel eingeblendet. Das sind Momente, die in der ursprünglichen Synchron-Fassung gefehlt haben und zu denen daher kein deutscher Ton existiert.
Zu dem schlanken Papp-Schuber nach SZ-Vorbild, in dem die Filme der "Blu Cinemathek" verpackt sind, habe ich ein zwiespältiges Verhältnis - zwar ist das hübsch gemacht und informativ, aber etwas fummlig, auf Dauer nicht so belastbar wie die übliche Kunststoff-Box und vor allem stört es die Harmonie im BD-Regal. Kinowelt könnte diesen Konflikt mühelos beseitigen, indem man einen Hüllen-Einleger für die blaue BD-Box beifügen würde und somit dem Käufer die Wahl lässt.
Vor allem aber sollte endlich mal bei den Produzenten ankommen, dass auf ein Kaufprodukt keine Werbung gehört: zwangsweise vor dem Hauptmenü einen Trailer einzuspielen, nervt.
Im Original 118 Minuten, Format 2,35:1 auf 35 mm Film (IMDB)
film-jury 5* A0611 17.5.2011eg Genre: Krimi | Drama | Romanze | Thriller
Kuriosität am Rande: In einer Mini-Rolle übermittelt Maximilian Schell Nikita ihren letzten Auftrag.
Anne Parillaud (* 6. Mai 1960 in Paris)
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1990 5* A0611
Nikita - Blu Cinemathek [Blu-ray]
....... R: Luc Besson D: Anne Parillaud (C), Tchéky Karyo, Jean-Hugues Anglade
1992 -* R0000
Flucht aus dem Eis [VHS]
....... R: Vincent Ward D: Jason Scott Lee, Anne Parillaud
Anne Parillaud hat eine Tochter mit Luc Besson