Wer meint, schon alles, was man im Bereich Thriller machen könnte, gesehen zu haben, sollte sich bei der 1994 von Ole Bornedal entwickelten "Nattevagten" (Nachtwachen) auf eine Überraschung gefasst machen - besser, auf eine ganze Serie von Überraschungen. Eine dermaßen abgedrehte und originelle Geschichte hat man wirklich noch nicht gesehen.
Der Jurastudent Martin (Nikolaj Coster-Waldau) erhält einen Job als Nachtwächter in einem Krankenhaus. Dummerweise liegt auch der Kühlraum mit Leichen auf seinem Rundgang. Und gleich als erstes liefert die Polizei den unsäglich misshandelten Körper einer jungen Frau an - einem weiteren Opfer eines Serienmörders.
Nein, hier und jetzt wird man nicht mehr als dies erfahren. Nur so viel: Bis zur letzten Minute ist die Geschichte genial durchkonstruiert, voller Wendungen und Überraschungen und mit einigem gepfeffert, was man in anderen Filmen noch nicht gesehen hat.
Was an dem Film besonders gefällt, ist die unprätentiöse Art, angefangen von den Räumlichkeiten über die Darsteller, das gezeigte "normale" Leben und selbst die Action. Es wird nicht übertrieben wie bei Hitchcocks, niemand hängt mit einem Finger am Abgrund. Alles wirkt gewöhnlich und unaufgeregt - aber gerade deswegen fühlt sich die "Nachtwache" vielleicht so echt an und entfaltet eine erstaunliche Wirkung.
Menschen, die mit misshandelten Leichen und/oder Sperma und der zugehörigen Action an den verschiedensten passenden und unpassenden Stellen Probleme haben, sollten den Streifen vielleicht weiträumig umfahren. Dennoch: Der Film spricht keineswegs nur Horror-Fans, sondern auch "ganz gewöhnliche" Krimi-Freunde an - er besticht durch glasklare Logik und einen verwegenen schwarzen Humor.
Bild und Ton sind leider eher mittelmäßig, oft sind die Dialoge schlecht zu verstehen. Der Film hätte einen neuen, liebevollen HD-Transfer auf dem Stand der Technik sicher verdient, aber zur Zeit arbeiten die Produktionen ja lieber "Altverdientes" auf, was - große Namen hin oder her - oft diesem unscheinbaren und relativ unbekannten Streifen nicht das Wasser reichen kann.
Bornedal durfte übrigens in Hollywood ein Remake mit Nick Nolte und Ewan McGregor drehen - das kann man sich getrost schenken.
Im Original 107 Minuten, Format 1,85:1 auf 35 mm Film, Dolby (IMDB)
film-jury 4* A0779 12.5.2011e 8A Genre: Horror Mystery Thriller