Dass dieses Album an die mittlerweise als „klassisch" bezeichneten Erasure-Alben „The Innocents" oder „Wild!" erinnert, ist ziemlich weit hergeholt. Tatsächlich ist „Nightbird" von der Anlage her eher dem „Erasure"-Album von 1995 ähnlich. Von den Sounds her dagegen ist das elfte Studio-Album von Sänger Andy Bell und Soundingenieur Vince Clarke eher eine Mischung aus „Chorus" und „Cowboy". Der größte Unterschied zu allen anderen Langspielern aber ist, dass „Nightbird" sehr auf den Gesang hin geschrieben und produziert ist - Soundspielereien gibt es nur wenige, alle Synthetik ist sehr zurückgenommen (krasses Gegenbeispiel: „I Say I Say I Say"). Man sollte dieses Album zunächst laut über die Stereoanlage hören, dann aber über Kopfhörer, um Andys unglaublich facettenreichen Gesang zu erleben. Vince Clarke bietet im 20. (!) Erasure-Jahr etliche neue Synthie-Sounds, dafür nur wenige analoge Klänge aus den alten Synthesizern ... Man darf auf die Live-Performance im Frühjahr gespannt sein! Die Songs:
No Doubt - Wohl einer der raffiniertesten Erasure-Songs aller Zeiten - ein wuchtiger, opulenter Opener mit balladesken Elementen, schwebend, nahezu magisch. Einfache Instrumentierung. Erinnert ein wenig an Depeche Modes „Home", was die Atmopshäre des Songs angeht.
Here I Go Impossible Again - Mitreißende Mitt-Tempo-Nummer, die man unbedingt mehrfach hören muss. Vor allem der Refrain über dem reibenden, pulsierenden Soundteppich bleibt hängen. Dieser Song malt Bilder in den Kopf und ist sehr videotauglich - die zweite Single?
Let's Take One More Rocket To The Moon - Knackig-kühles Intro - könnte aufs „Chorus"-Album passen. Leider kippt der Song dann ins Süßliche. Ein Hook fehlt - trotzdem eine betörende Nummer mit Soundlandschaften wie aus dem „Erasure"-Album. Fantastischer Gesang von Andy.
Breathe - Eine perfekte Single! Hoher Wiedererkennungswert. Manko: Der Refrain, der ohnehin oft im Song auftaucht, ist in sich gedoppelt. Leider wird er nicht in der Tonhöhe variiert. Eine klitzekleine Veränderung im Refrain hätte diesem Song gut getan. Trotzdem: Highlight des Albums, sehr tanzbar. Zudem lässt „Breathe" auf geniale Remixe hoffen. Und wenn man weiß, dass der Song aus einer Atemübung entstanden ist, gewinnt er einen gewissen Witz. „Breathe" war übrigens der letzte Song fürs Album, den Vince und Andy geschrieben haben. Ein gutes Omen - „In My Arms" war das letzte „Cowboy"-Stück und der letzte, große kommerzielle Erfolg von Erasure mit einem selbstgeschriebenen Song. Und Gerüchten zu Folge trifft das auch auf „Always" zu ...
I'll Be There - Ein Knaller im Stil von „Run To The Sun", leider sehr simpel und wenig einfallsreich. Dafür entschädigen aber viele Vince-Sounds. Und auf einem Konzert ist „I'll Be There" bestimmt ein Erlebnis.
Because Our Love Is Real - Der vielleicht schwächste Song von „Nightbird", obwohl er so gefühlvoll ist. Man hört ihm an, dass er auf einer Gitarre komponiert wurde - daher ist das Stück sehr gut als Akustik-Version vorstellbar. Besonderer Reiz: Andy war bei der Aufnahme wohl heiser - gerade das aber verleiht dem Song ein wunderbares Tiembre. Ob dies der Gesang der Demo-Aufnahme ist?
Don't Say You Love Me - Der englische Begriff „Stomper" beschreibt diesen Song wohl am besten - klopfend, stampfend, voll mit brodelnder Elektronik - eine Partynummer. Mit Vocoder-Effekten à la Cher ...
All This Time Still Falling Out Of Love - Böse gesagt: Ein Modern Talking-Song mit Billigrefrain: „I Want It All/ You Can Take It Or Leave It ...". Immerhin: ein paar sensationelle Vince-Sounds aus dem analogen Synthie.
I Broke It All In Two - Superflauschige, fließende Ballade mit einem Instrumentalteil, der glatt aus „91 Steps" kopiert sein könnte. Andys grandioser, bisweilen seht tiefer (Bass-) Gesang wird umspielt von unendlich vielen Vince-Sounds, etwa von einer Glocken-Kaskade. Und irgendwie eine Hommage an ABBA ...
Sweet Surrender - Eine gute Laune-Nummer, beste Party-Musik. Hat man sonst das Gefühl, dass die Musik Andys Gesang umschmiegt, so hört sich dieser Song an, als würde Andys Gesang von der Musik mitgerissen. Hoffentlich wird „Sweet Surrender" live gespielt!
I Bet You're Mad At Me - Ähnlich wie „Because You're So Sweet" der perfekte Rausschubser - Augen schließen, schwelgen. Andy singt fantastisch, während im Hintergrund unzählige feine Vince-Sounds explodieren - die beste Ballade, die Erasure jemals geschrieben haben - sehr rhythmisch und wie gemacht für die Musical-Bühne.