Ein Zug, ein Afroamerikaner und ein Wettlauf gegen die Zeit... hm, das klingt verdächtig nach "Unstoppable", diesem Drecksfilm, den ich letztes Jahr ertragen musste. Aber da ich ja so unglaublich gutmütig und weise bin, gebe ich auch einem Film die Chance, der über die vermeintlich gleichen "Grundzutaten" verfügt. Und glücklicherweise bin ich diesmal nicht damit auf die Nase gefallen, zumindest nicht gänzlich. Das dürfte weniger an der recht dünnen Story von "Night Train" liegen als vielmehr an der soliden Darstellerriege und der einigermaßen schmissigen Regie von Brian King, der hier mit seinem dritten Drehbuch seinen ersten Film umgesetzt hat. Danny Glover, Mel Gibsons Ex-Buddy aus der "Lethal Weapon"-Reihe und Lee Sobieski und Steve Zahn, die hier erstmalig seit "Joyride" reuniert sind, bilden das verbrecherische Dreigestirn, das sich auf der Jagd nach einem kleinen Holzkästchen gegenseitig an die Gurgel geht. Und die Moral von der Geschicht? Stehlen und Lügen lohnt sich nicht, ja ja.
Miles (Danny Glover) ist zusammen mit seinem jungen Kollegen Frankie (Matthias Schweighöfer, "Friendship!") Schaffner in einem orientexpressmäßigen Zug. Eines Abends steigt ein ziemlich fertig aussehender Mann in das Abteil ein, in dem schon Medizinstudentin Chloe (Leelee Sobieski, "The Glass House") und Verkäufer Peter (Steve Zahn, "Happy, Texas") sitzen. Nachdem der geheimnisvolle Unbekannte sich ein paar Pillen und einen von Peters Flachmännern reingepfiffen hat, segnet er unerwartet das Zeitliche. Unsere bestürzten Drei finden bei ihm ein kleines Holzkästchen, dessen Inhalt sie dazu verleitet, sich der Leiche des Unbekannten zu entledigen und das Kästchen an sich zu nehmen. Gesagt, zerhackt, getan, der Unbekannte wird, während der Zug über eine Brücke fährt, in den darunterliegenden Fluss geworfen. Doch damit fangen die Probleme natürlich erst an... Der mysteriöse Inhalt der Holzbox scheint Miles, Peter und Chloe mehr und mehr zu verändern. Sie verstricken sich in einem nahezu undurchdringlichen Netz aus Lügen und Täuschungen und scheuen letztendlich sogar vor Mord nicht zurück. Doch nicht nur sie wollen in den Besitz des Kästchens gelangen, nach und nach tauchen immer mehr Interessenten auf und zu guter Letzt natürlich auch die Polizei. Dass es gar nicht so einfach ist, in einem Zug am Leben zu bleiben, wenn einem die Habgier die Sinne vernebelt, erfahren hier sowohl die Zuschauer als auch die Protagonisten.
Das einzige, was "Night Train" somit mit "Unstoppable" gemeinsam hat, ist die mies getrickste CGI, die sich zum Glück nur auf einige wenige Außenaufnahmen bezieht, während derer der Zug mit Karacho durch nächtliche Winterlandschaften brettert. Diese Szenen sehen allerdings so aus, als wären sie entworfen worden, als die CGI noch in den Kinderschuhen steckte. Aber darüber kann man leicht hinwegsehen, denn a) sind diese Bilder immer wieder für einen Lacher gut und b) ist der Rest des Films zwar nicht wirklich logisch, dafür aber wendungsreich und spannend umgesetzt worden. Und sogar unser Deutschexport Matthias Schweighöfer beeindruckt durch nahezu akzentfreies Englisch, das ist doch auch mal was.
In seinen 91 Minuten Laufzeit gelingt es dem Film, kontinuierlich Spannung aufzubauen und durch eine Handvoll überraschender Wendungen zu beeindrucken. Zwar nimmt es Regisseur King mit der Logik nicht allzu genau und auch Glaubwürdigkeit hat er sich nicht riesengroß auf die Fahne geschrieben, aber in sich ist der Film durchaus tempo- und wendungsreich arrangiert und folgt beständig den für ihn aufgestellten Gesetzen. Die Geschichte um das mysteriöse Kästchen ist natürlich nur im Reich der Mythen und Legenden anzusiedeln, aber wer braucht schon immer Realismus und Bodenständigkeit, ein bisschen Phantasie und künstlerische Freiheit müssen erlaubt sein.
So nimmt denn das Unglück seinen Lauf, als der Unbekannte den Zug betritt und endet bei Weitem nicht, als er aus selbigem, in seine Einzelteile zerlegt, wieder hinaus geschubst wird. Nein, dies ist nur der Auftakt für eine Reihe von unangenehmen Überraschungen, vorschnellen Entschlüssen und äußerst perfiden und brutalen Methoden, um in den Besitz des geheimnisvollen Kästchens zu gelangen. Glücklicherweise hat King auf versierte Darsteller gesetzt, die das von ihm Gewünschte auch transportieren können. Zahn überzeugt als heruntergekommener Vertreter, der sich für wesentlich cleverer hält, als er ist. Glover liefert eine glaubwürdige Darstellung als betriebsmüder und korrekter Schaffner ab, dem seine eigenen Probleme über den Kopf zu wachsen drohen. Und Sobieski gibt hervorragend die arrogante Medizinstudentin ohne Netz und mit doppeltem Boden. Schweighöfer hat nur eine Nebenrolle als Jungspund-Schaffner und fällt am Ehesten noch durch sein gutes Englisch auf. Erwähnenswert wäre vielleicht noch Richard O'Brien, dem Riff Raff aus "The Rocky Horror Picture Show", der hier die Mitreisende Mrs. Froy spielt. Und auch Geoff Bell aus "Solomon Kane" oder "RocknRolla" ist sicherlich dem ein oder anderen ein Begriff. Sie alle verleihen dem Film die qualitative Güte, die er ob seiner doch recht dünnen Story dringend benötigt.
Kurz bevor es einem mit den teilweise doch recht hanebüchenen Wendungen zuviel wird, ist King aber auch schon fertig, so dass man seinem Erstlingswerk doch recht wohlwollend gegenübersteht. Sicherlich, neu ist weder Idee noch Umsetzung, aber King ist ein kurzweiliger Mystery-Thriller gelungen, der durch einen durchweg respektablen B-Cast geadelt wird. Deshalb verzeiht man ihm gerne, wenn es ab und an doch so holprig zugeht, dass Zug und Story fast aus den Schienen springen und die ganze Aufregung um das komische Kästchen manchmal fast groteske Züge (ha ha) annimmt. Ergo drei von fünf Zwischenstopps an verlassenen Bahnhöfen, bei denen man sehr genau darauf achten sollte, wer zusteigt.