In den Achtzigern schien Joni Mitchell nicht genau zu wissen, wohin ihre muskalische Reise geht. Nach den Perlen der Siebziger verfing sie sich in kühlen Pop-Experimenten, die wie das verpoppte "Chalk mark in the rainstorm" trotz illustrer Gästeschar eine gewissen Leere und Uninspiriertheit nicht verleugnen konnten.
Um so schöner war "night ride home" ihr erstes Werk in den Neunziger, in dem es ihr gelang, die Songwriterkunst der Siebziger in ein modernes Gewand zu hüllen. Zunächst beeindruckt die exquisite Produktion, die abseits vordergründiger Effekte die schlichte Qualität der Songs in den Vordergrund rückt. Stimme und Gitarre sind die tragenden Säulen, dazu tritt ein amorpher Bass, wenige atmosphärische Synthi-Flächen und Mitchells Lieblings"gewürz", das Sopransaxophon.
Auffällig sind die delikaten und vielschichtigen Drums, die den Gegenpart zu den weiten fließenden Melodiebögen bilden und den Songs Struktur und Dynamik verleihen.
Wunderbare kleine Einfälle geben dem Material zusätzlichen Reiz. So begleitet den Titelsong ein hypnotisches Grillen-Sample, "Passion play" ist von einem indisch anmutenden Rhythmus unterlegt, "the windfall" entwickelt seine Eindringlichkeit aus einem monotonen Gitarrenriff und gegeneinander geschichteten Stimmen, "Slouching towards bethlehem" wird von kraftvollen Trommeln vorangetrieben, während "Nothing can be done" seine Kraft aus einem nervösen Jazz-beat bezieht.
Über allem schwebt die einzigartige Stimme der Künstlerin, von unzähligen Zigaretten abgedunkelt ist. Der mädchenhafte Sopran der frühen Alben ist einer jazzigen Tönung und Phrasierung gewichen und gibt den Songs eine faszinerende Brüchigkeit.
Die Texte sind nicht mehr so radikal persönlich wie die der Siebziger-Alben, sondern eher symbolhaft und abstrakt, ohne ihre magische Kraft einzubüßen.
Dieses Album eröffnet den reigen der superben Neunziger-Alben, der sich mit dem Grammy-dekorierten Nachfolger "Turbulent indigo" und dem experimentellen "Taming the tiger" fortsetzt. Ein Meisterwerk.