Als langjähriger Fan der Night of the Proms war ich vom Konzertprogramm 2009 besonders begeistert. Umso mehr schmerzt es mich diese CD mit nur zwei Sternen bewerten zu müssen, denn diese schlechte Beurteilung wird der an sich großartigen Konzertreihe nicht im Geringsten gerecht.
Über die vielen fehlenden Stücke will ich mich gar nicht mal beklagen - das kennt man so von sämtlichen NotP CDs und man hat sich mittlerweile daran gewöhnt, auch wenn die geringe Songanzahl dadurch natürlich nicht weniger ärgerlich ist. Deutlich bedenklicher, um nicht zu sagen sogar an der Grenze zum Betrug am Kunden, ist da schon der Trend, der sich seit der CD zur Proms 2008 durchzusetzen scheint: die Stücke werden nicht mehr live bei den Konzerten mitgeschnitten, wie es früher der Fall war, sondern bereits bei den Proben vor Tourneestart. Am Anfang und am Ende eines Songs wird ein wenig Applaus dazugemischt, und fertig ist das vermeintlich tolle Live-Erlebnis. Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt auf der Hand: Die CD ist schon zum Tourstart erhältlich und kann an den Merchandisingständen in den jeweiligen Hallen unter das Volk gebracht werden, was bei den ersten paar Konzerten der Vorjahre nicht möglich war, da sich die CD aufgrund des echten Livemitschnitts meist noch in Produktion befand. Kommerziell betrachtet also kein schlechter Schachzug, qualitativ jedoch zwei Schritte zurück und keiner nach vorne. Wenn ich ein Produkt kaufe, dem eine besondere Eigenschaft zugeschrieben wird (in diesem Fall also die Eigenschaft "live"), dann erwarte ich auch diesen Inhalt, wenn ich das Produkt auspacke und benutze. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass außen auf der CD nirgends der Vermerk aufgedruckt sei, dass es sich um einen Livemitschnitt handle. Das mag schon sein, allerdings wird die NotP seit 20 Jahren als DAS europäische Live-Event begangen und beworben, so dass allein der Name der Konzertreihe die selbstverständliche Annahme, dass die dazugehörige CD ebenfalls live ist, voraussetzt. Im Booklet der CD wird sich mit der schwammigen Formulierung "Diese CD enthält Ausschnitte des Live-Events 'Night of the Proms 2009'" elegant aus der Affäre gezogen. Schließlich enthält diese Aussage sogar ein wenig Wahrheit - einige wenige Stücke sind tatsächlich live, wodurch der atmosphärische Unterschied zu den Studioproduktionen noch mehr ins Gewicht fällt.
Noch frustrierender als der Mix aus Live- und Studioaufnahmen ist jedoch die Klangqualität der letzteren. Die Aufnahmen sind dumpf und ohne Volumen, so als hätte man das Orchester durch eine Plexiglasscheibe aufgezeichnet. Bässe und Höhen sucht man vergebens. Kaum zu glauben, dass das wirklich "Il Novecento" sein soll, ein 70 köpfiges Sinfonieorchester. Auf der CD wirkt es mehr wie ein zwanzigköpfiges Ensemble. Am Besten vergleicht man die Hörprobe des "Bolero" 2009 mit einer Hörprobe des "Bolero-Shuffle" von der 2004er CD. Dazwischen liegen klangtechnische Welten. Extrem ärgerlich ist auch, dass sich einige Stücke anders anhören als auf der Tournee, sowohl was Tempi, als auch die Instrumentierung und den Gesang anbelangt. Das ist leider wenig überrachend, schließlich handelt es sich um Aufnahmen, die während der Konzertproben entstanden sind, und im Nachhinein wird sicherlich auch das ein oder andere Stück noch ein wenig umarrangiert. Dabei hatte ich mich so auf PJ Olssons sagenhafte gesangliche Interpretation von "Silence and I" gefreut. Die Vorfreude war leider umsonst, denn auf der CD singt es Alan Parsons selbst (mit einer furchtbar schlechten, weil extrem dumpfen und langsamen Orchesterbegleitung). Er macht es natürlich alles andere als schlecht (schließlich ist es sein und Eric Woolfsons Song), aber es entspricht eben nicht genau dem Klangerlebnis, das man auf der Tour geboten bekommen hat. Warum man außerdem die Ouvertüre zu "Dichter und Bauer" zum zweiten Mal auf CD packen musste, obwohl sie bereits 2003 auf einer CD enthalten war, anstatt dass man den Platz für einen anderen Song verwendet, ist mir schleierhaft.
2008 betrog man den Kunden schon mit einer alten "Tears for Fears" - Aufnahme von "Mad World", die sich dadurch entlarvte, dass die Aufnahme vom Chor Fine Fleur untermalt wurde, obwohl letztes Jahr bekanntermaßen der "Angels in Harlem Gospel Choire" das Programm untermalte. Diese "Sparmaßnahme" und die übrigen Studioaufnahmen auf der 2008er CD ertrug ich noch zähneknirschend, da zumindest der Klang passte. Die CD 2009 ist dagegen einfach nur noch eine Frechheit jedem Kunden gegenüber.
Sehr schade, denn musikalisch wäre mir auch 2009 locker wieder fünf Sterne wert. Aber so nicht, PSE Germany. Diese Produktpolitik ist der "Night of the Proms" auf keinen Fall würdig. Da bleibt einem letztendlich nur noch die Möglichkeit selbst in den Erinnerungen an einen wie üblich unvergesslichen Abend zu schwelgen und die CD in den Schrank zu verbannen. Und die eigenen Erinnerungen hören sich sicherlich auch besser an.