Nach "One Night of Sin" und "Joe Cocker LIVE!" war ich 1991 von "Night Calls" enttäuscht. Obwohl einige derselben Musiker dabei waren, klang sie zu unterkühlt, zu formelhaft. Vielleicht fand das die Plattenfirma auch, denn im Jahr darauf brachte sie eine aufgepeppte und umgestellte Version auf den Markt: auf ihr fehlten Not too young to die of a broken Heart und Little Bit of Love, dafür enthielt sie zusätzlich die Songs When a Woman cries, Now that the Magic has gone und Feels like forever sowie zusätzlich Remixe von Joes letzten beiden großen Hits, Unchain my Heart ('90s Version) und When the Night comes, alle auch auf "The Best of Joe Cocker" enthalten. Gut, When the Night comes hat im Original etwas viel Hall, aber dieser "trockenere" Remix war dennoch nicht nötig. Immerhin durfte er hier (anders als auf "The Best of...") sein Gitarrensolo behalten!
Joe Cocker wirkt auf dem Album zu unbeteiligt, er geht zu sehr auf Nummer sicher. Dabei ergänzen sich die beiden beteiligten Produzenten sehr gut (mit Jeff Lynne, der den Titelsong lieferte, sind es drei), die Gitarren rocken, der Sound ist gut, die Musiker kompetent... und doch klingen sie eine Spur zu professionell, zu glatt, zu wenig rotzig und dreckig. Die Songs wirken etwas konstruiert: "Hier kommt das Gitarrensolo hin, klar... und hier ein Break..." Das Album wirkt teilweise, als sei Joe nicht ganz mit dem Herzen dabei gewesen: "Joe, wir haben ein paar Songs für dich rausgesucht und eingespielt, willst du mal rüberkommen und sie einsingen?" - "Klar, ich komm mal vorbei..."
Zum Teil liegt es auch an den Songs. Elton Johns Don't let the Sun go down on me (schon im Original nie mein Lieblingssong), Please no more, Five Women (von Prince geschrieben) und Not too young... kommen einfach nicht richtig in die Gänge, bei There's a Storm coming will genau dieser Eindruck nicht entstehen, und auch Little Bit of Love (von Free) fehlt das gewisse Etwas. You've got to hide your Love away zeigt, dass es nicht immer eine gute Idee ist, beim Covern das Tempo aus einem Beatles-Song rauszunehmen.
Gary Wrights Love is alive dagegen rockt gut los, genauso die verdiente Singleauskoppelung I can hear the River, und mit Stevie Winwoods Can't find my Way home findet sich ein atmosphärisches Glanzlicht. Ebenso ragt der Titelsong aus dem Rest heraus: obwohl Jeff Lynne den Song zum Großteil allein aufgenommen hat und man seine Handschrift aus seiner typisch verwaschenen Produktion deutlich raushört, klingt er wie für Joe gemacht.
Von Love is alive erschien auf "The long Voyage home" eine etwas längere Version, und auf der I can hear the River-Maxi-CD gab's noch den Bonustrack I still can't believe it's true. Joe Cockers nächstes Album, "Have a little Faith" drei Jahre später, war dann wieder viel besser.