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Rüdiger Görner über Nietzsche
Der Titel ist vielleicht ein wenig missverständlich. «Nietzsches Kunst», das klingt vorab nach einer speziellen Untersuchung von Nietzsches eigenem Kunstverständnis, seiner Idee, was Kunst sei und zu tun habe einerseits; andererseits nach einer Abhandlung über Nietzsches künstlerisches Schaffen selbst, über seine eher dilettantischen Kompositionsversuche, seine weit weniger dilettantische Lyrik. Doch das Buch will anderes. Wer es, was sich lohnt, zu lesen beginnt, bemerkt alsbald, dass es ein «biographischer» Versuch über Nietzsche ist. Es geht ums Ganze. Und damit beginnen die Probleme. Denn wie vor ihm allein bei Augustinus verschränken sich in Nietzsches Werk Denken und Leben auf unentwirrbare Weise, wird Philosophie zum eigentlichen Movens der Biographie, wird Biographie zum Inhalt der Philosophie wie wenn über dem Ganzen Benjamins Diktum von dem in «Schrift verwandelten Dasein» als Losung stünde.
Nietzsches Kunst, sein «Kunstdenken», bildet somit nur den einen Fokus von Rüdiger Görners vorsichtiger «Annäherung». Denn «Kunstdenken» hat sein Pendant in der «Denkkunst» Nietzsches, mithin in seiner Verwandlung und Adaptation philosophischer Arbeit durch meist als «ästhetisch» verstandene Verfahren. Weshalb man ihm denn auch schon das eher eine gewisse Hilflosigkeit anzeigende Etikett «Dichterphilosoph» anhängte. Doch Nietzsches Philosophie ging es, wie jeder Philosophie, um die Wahrheit, um das Sein und die Wirklichkeit überhaupt auch und noch im Augenblick des Ruins aller fundamentalen Essenzialien unseres Weltverstehens.
In diesen Zwiespalt ist das gelebte Leben Nietzsches eingespannt, in dieses, so Görner, «Wissen um das Scheitern im Absurden». Womit es zum Paradigma der geistigen Situation der Gegenwart avanciert. Die «Hauptthese» des Buches lautet deshalb, dass sich bei Nietzsche die «Intellektualität der Moderne in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit auf die Spitze getrieben» finde; nicht aber als «reine Denkübung», sondern als «gelebtes Denkkunstwerk».
Ein schwieriges Wort: «gelebtes Denkkunstwerk». Man könnte Görners Text auch verstehen als Versuch, den überaus prekären Sinn dieser Wendung zu umschreiben. Das methodische Verfahren dieser Art «Bio-Graphie», die im Grunde nichts anderes sein möchte als eine «Serie von seinem Leben entnommenen Denk-Bildern», skizziert der Autor unter Rekurs auf Goethes «wiederholte Spiegelungen». Womit in etwa die wechselseitige Erhellung unterschiedlicher Phänomene gemeint ist, das also, was Adorno «Konstellation» genannt hätte. Dass dabei der Spiegel zerspringen könne, man zuletzt nur mehr Mosaike und kein gerundetes Bild vor Augen hätte, gibt der Autor als Warnung sich selbst und dem Leser gleich mit auf den Weg.
Das eigentümliche Wechselverhältnis zwischen Denkkunst und Kunstdenken entwickelt das Buch fast chronologisch entlang der jeweiligen Etappen des Lebens wie der Abfolge der es reflektierenden Bücher: von Naumburg, Röcken, Schulpforta und Weimar bis zu Bonn, Leipzig, Basel und Sils-Maria. Nietzsche, der genaue, der übernervöse Beobachter von Klimata und Landschaften, wäre einer solchen Darstellungsart vielleicht nicht abgeneigt gewesen. Ein Leben, das Denken war, und ein Denken, das Kunst wurde und doch Denken blieb: Ist das Nietzsche? Darüber müsste man nachdenken. Görners Buch hält dazu an. Was gewiss nicht das Schlechteste ist, was man über ein Buch überhaupt sagen kann.
Michael Mayer
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