Heidegger hat viele studierenswerte Schriften verfaßt, aber diese Nietzsche-Bücher gehören nicht dazu. Die Nietzsche-Vorlesungen wurden 1936 bis 1940 in Freiburg gehalten (diese Buchversion ist eine Überarbeitung aus dem Jahr 1961).
Martin Heidegger war ein begeisterter Mitläufer im 'Dritten Reich', das bleibt ein schwarzer Fleck auf seiner Vita, selbst wenn das nur auf seine Rektoratszeit in der Universität Freiburg (1933/34) beschränkt wird. 1934 endet aber lediglich seine Begeisterung, nicht seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Heideggers Behauptung (vor der Bereinigungskommission 1945, und wiederholt im Spiegelinterview 1966): seine Nietzsche-Vorlesungen seien Kritik an und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus - stimmt so nicht. Wenn Heidegger ein etwas philosophischeres Verständnis von Nietzsches 'Willen zur Macht' aufzeigt als das primitiv-rassistische der Nazis, hat das nichts mit Kritik zu tun. Vielmehr ist es eine Ausarbeitung dessen, was er unter "der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (des Nationalsozialismus)" [Martin Heidegger: Einführung in die Metaphysik - S. 152] verstand. In Heideggers Vorlesungen gibt es nirgendwo eine Abrechnung mit den Nationalsozialisten, auch nicht nach 1945. Karl Löwith berichtet über seine letzte Begegnung mit Heidegger in Italien, im Frühjahr 1936 (also wenige Monate vor Beginn der Nietzsche-Vorlesungen), er habe ihm vorgehalten, seine Parteinahme für den Nationalsozialismus sei in seiner Philosophie begründet - "Heidegger stimmte mir ohne Vorbehalt zu und führte mir aus, daß sein Begriff von der 'Geschichtlichkeit' die Grundlage für seinen politischen 'Einsatz' sei. Er ließ auch keinen Zweifel über seinen Glauben an Hitler; nur zwei Dinge habe er unterschätzt: die Lebenskraft der christlichen Kirchen und die Hindernisse für den Anschluß von Österreich. Er war nach wie vor überzeugt, daß der Nationalsozialismus der für Deutschland vorgezeichnete Weg sei; man müsse nur lange genug 'durchhalten'." [in: Antwort - Martin Heidegger im Gespräch, Hg.: Günther Neske] Damit will ich aber keineswegs jener These zustimmen, es gäbe eine Übereinstimmung von Heideggers Philosophie mit der NS-Ideologie. Hierzu wird zumeist Heideggers erstes großes, unvollendet gebliebenes, Hauptwerk 'Sein und Zeit' herangezogen - und tatsächlich findet sich bei näherem Hinsehen eine verblüffende Kompatibilität. Trotzdem ist diese These m.E. falsch, weil 'Sein und Zeit' nicht im Hinblick auf den Nationalsozialismus geschrieben wurde. Wenn Heidegger selbst, nach obigem Zeugnis von Löwith, dieser These zustimmt, ist das bezüglich eines objektiven Urteils völlig belanglos. Er war 1936 und weiterhin ein überzeugter Nazi, also ist seine Zustimmung ganz natürlich - seltsam wäre es gewesen, hätte er das verneint; hätte ihm Löwith dieselbe Frage noch einmal im Jahr 1945 vorgelegt, wäre die Antwort dagegen ganz sicher eine empörte Verneinung gewesen (und das - wie ich meine - mit größerem objektiven Recht). Heideggers NS-Verbindung hat m.E. mit Philosophie gar nichts zu tun; er entstammt katholisch-bäuerlichen Verhältnissen, und neben den Junkern waren die Bauern die Hauptadressaten nationalsozialistischer Politik. Seine Rückblicke nach dem Zusammenbruch 1945 sind dann nicht selten verdrehte 'Tatsachen und Gedanken' - ein Wahrheitssuchender sollte hierzu besser die Untersuchungen eines Historikers in Betracht ziehen. [z.B. Hugo Ott: Martin Heidegger - Unterwegs zu seiner Biographie / Ernst Nolte: Martin Heidegger - Politik und Geschichte im Leben und Denken]
Der philosophische Gehalt bei diesen Nietzsche-Büchern ist ziemlich dürftig. Heidegger referiert bzw. predigt langatmig, mit unerbittlichem katholischen Ernst, über Nietzsches Gedankenspiel der 'ewigen Wiederkehr des Gleichen'. Wie sich das gewitzter (und damit Nietzsche-würdiger) kurz und bündig abhandeln läßt, zeigt z.B. Anders: "die fixe Idee der 'ewigen Wiederkunft' ist, psychopathologisch gesehen, kein Unikum, wenn auch eine besondere Variante. Denn dem Typ nach gehört dieser Glaube in die Kasuistik des 'Wiederholungszwanges' - nur, daß in diesem Fall der Zwang kein 'Tu-Zwang' ist, sondern, in das Universum (als dessen Seinsweise) hineinprojiziert, ein 'Geschehniszwang' ist." Und fügt (schimpfend) hinzu: "In der Tat hat es bis vor Heidegger in der ungeheuer großen Nietzsche-Literatur niemanden gegeben, der mit dessen Wahnidee irgend etwas hätte anfangen können oder der diese gar als These diskussionsfähig gefunden hätte." [Günther Anders: Ketzereien] Anders zufolge sei es vergeudete Zeit, über Wahnideen zu reflektieren. Das meine ich nicht, auch über Gründe und Bedeutungen scheinbaren Unsinns nachzudenken, kann sinnvoll sein. Aber der inzwischen zum Mystiker mutierte Philosoph Heidegger neigt dazu, die Sachen zu verklären statt sie aufzuklären. Ein Beispiel - in Nietzsches erster Erwähnung seiner idée fixe, in 'Die fröhliche Wissenschaft'/Nr. 341, findet sich der Satz (ich zitiere nach der Schlechta-Ausgabe): "Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem 'Willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?' würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!" - prägnanter noch steht er in den nachgelassenen Fragmenten vom Sommer 1881 (ich zitiere nach der Colli-Montinari-Ausgabe): "Wenn du dir den Gedanken der Gedanken einverleibst, wird er dich verwandeln. Die Frage bei allem, was du tun willst: 'ist es so, daß ich es unzählige Male tun will?' ist das größte Schwergewicht." -- die Anspielung auf den kategorischen Imperativ von Kant als philosophisch-moralisches Sittlichkeitsgebot (als Religions-Ersatz) ist unübersehbar. Natürlich sieht das auch Heidegger, aber eine bloß pragmatische und gar noch theatralisch-verspielte Handlungsanweisung ist für den ewigen tiefen Sinn- und Seinsucher ganz einfach viel-zu-wenig (selbst wenn es Nietzsche, wie wir vermuten dürfen, genügt): "Mit 'Handeln' ist hier nicht bloß die praktische Tätigkeit und auch nicht das sittliche Handeln gemeint, vielmehr das Ganze der Bezüge des Menschen zum Seienden und zu sich selbst. Für das Mitteninnestehen im Seienden im Ganzen soll der Gedanke der ewigen Wiederkunft 'Schwergewicht', d.h. bestimmend sein." [Heidegger: Nietzsche, Bd. 1, S. 273]
Für die, die Nietzsche gerne lesen, sind diese Vorlesungen kein Gewinn, sondern bloß ein Ärgernis. Heidegger zeigt nicht das geringste Gespür für Nietzsches Ironie und Witz. Und er behandelt ihn als einen Systemdenker, obwohl doch schon die Form seines Schreibens (in Aphorismen) anti-systematisch ist; zwar sind die Gedankenblitze in der Regel thematisch geordnet, aber der Zusammenhalt bleibt brüchig. Ins Zentrum seiner Erörterungen stellt Heidegger das angebliche Hauptwerk 'Der Wille zur Macht', (1906 herausgegeben von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche). Dieses Buch war (wahrscheinlich wegen dem Titel) sehr beliebt bei den Nazis. Laut Mazzino Montinari haben bereits August und Ernst Horneffer 1906/07, so wie 50 Jahre später Karl Schlechta, diese von Anfang an (im schlechten Sinne) fragwürdige Edition als Fälschung entlarvt. 'Der Wille zur Macht' war nur einer von vielen Buchplänen, und von Nietzsche letztlich wieder verworfen, von einem Hauptwerk kann nicht die Rede sein, nicht mal von einem Werk. Mit der Schlechta-Ausgabe (1956), endgültig schließlich mit der historisch-kritischen Nietzsche-Ausgabe von Giorgi Colli und Mazzino Montinari (ab 1967) ist dieser fake namens 'Der Wille zur Macht' philosophisch absolut obsolet geworden, bestenfalls noch von historischem Interesse.
Von einem wissenschaftlich tätigen Schriftsteller wird erwartet, daß er bei der Neuauflage einer Schrift zur aktuellen Lage seines Themas Stellung bezieht - nicht so Heidegger. 16 Jahre nach Ende der Hitler-Herrschaft, 5 Jahre nach Schlechtas Nietzsche-Edition ignoriert er munter alle diesbezüglichen Tatsachen, verliert kein Wort darüber. Überspitzt formuliert, ließe sich sagen: Wenn in einer Vorlesungsreihe ein Buch, das es 'eigentlich' gar nicht gibt, als Nietzsches Hauptwerk vorgestellt und lang und breit erörtert wird, ist jeglicher vernünftiger Sinn verlorengegangen! Hinzu kommt, Heidegger interpretiert gar nicht Nietzsche, er liest sich selbst in Nietzsche hinein. Heidegger findet in Nietzsche einen Seelenverwandten als Gottverlassener, der sich abquält, einen adäquaten Ersatz für den verlorenen Gott zu finden. Aber rechtfertigt das eine solche Nietzsche-Verhunzung?