Wieder legte Günter Ogger ein äußerst kritisches und hervorragend recherchiertes Buch vor, welches nicht nur bei den Betroffenen großes Aufsehen erregt hat.
Der "Nieten"-Vorwurf an die "selbstbedienenden" Leisetreter der "Teppich-Etagen" wird sorgfältig belegt. Obwohl das Namensverzeichnis rund 300 Protagonisten aus dem deutschen Nieten-Pool benennt, gelang es in fast 20 Jahren keinem, den Vertrieb des Buchs zu stoppen.
Die Fallsammlung ist in zwei Bereiche gegliedert:
Da wären einmal die gerichtsbekannten Kriminellen, was bei Top-Managern meist mit Untreue, Unterschlagung, B*trug, Steuerbetrug, Korruption und Umweltverbrechen zu tun hat.
Zum zweiten die Scharlatane, die durch Unfähigkeit, Dummheit, Ignoranz, Selbstüberschätzung oder simple Paranoia gigantische Vermögen zum Nachteil der Aktionäre, der deutschen Wirtschaft und der betroffenen Mitarbeiter vernichtet haben.
Das alles, obschon nicht mehr aktuell, liest sich auch heute noch spannend.
Manager sind, wie Ogger in der gründlichen Diskussion des "Warum und Weshalb" ausführt, vor allem deswegen in der Tendenz gravierend moralärmer und verbrecherischer als der Durchschnittsbürger, weil sie nur in Ausnahmefällen für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden. Das gilt nicht nur für straf- und zivilrechtliche Sanktionen:
Wie Ogger immer wieder zeigt, werden selbst die Unfähigsten gerne wieder von ihren Kollegen eingestellt. "Gefallen gegen Gefallen", wie man das von Kleptokraten aller Couleur ja kennt: Die "Moral" der Manager heißt Selbstbedienung und im Sinne einer optimierten Selbstbedienung zählt eiserner Zusammenhalt der "Privilegierten" aus eigenem Recht.
Alle von Ogger beschriebenen Mechanismen kann man auch heute noch beobachten - da hat sich wenig geändert, außer den Schadenssummen: Die haben inzwischen Größenordnungen erreicht, die sich selbst Ogger nicht hätte träumen lassen. Wurden die Konzerne früher eher diskret und indirekt, z.B. über Forschungsgelder, von der Politik mit Steuermitteln versorgt, spendet eine Frau Merkel inzwischen Milliardensummen völlig unverblümt an unfähige Hazardeure in staatskontrollierten(!) Banken.
Im letzten Teil des Buches bemüht sich Ogger um Lösungen und Auswege. So richtig viele Ansätze internationaler Vordenker sein mögen - man kann selbst dem zartesten Optimismus Oggers auf eine Verbesserung der Situation kaum folgen: Manager sind so, wie sie sind, weil die Umgebung so ist, wie sie ist - von Managern eingerichtet und von Managern verteidigt. So gesehen unterscheiden sie sich kaum von Abgeordneten, die sich gesetzgeberisch das Recht, sich ungestraft bestechen zu lassen, ebenso unverblümt gesichert haben wie ihre Diäten.
Da sich aber unsere Politik fest in den "wohlwollend" steuernden Händen der Wirtschaft befindet und auf der Opferseite nicht einmal von den notleidenden unteren Einkommensschichten Signale ernsthafter Unzufriedenheit wahrzunehmen sind, frage ich mich, woher Kräfte kommen sollten, die eine noch so kleine Verbesserung der Randbedingungen erhoffen lassen. Ein Katalog wäre ja schnell aufgestellt:
Leistungsgerechte Bezahlung. Befähigungsnachweise. Intelligenznachweise. Führungszeugnisse. Sprachkenntnisse. Umgangsformen. Harte Ahndung von Korruptíon. Strenge Umweltauflagen. Haftung für grobe Fahrlässigkeit. Empfindliche Strafen für kriminelle Handlungen. Verursacherprinzip. Mali.
Man kann sich viel vorstellen, aber die Spekulationspleiten der staatlich kontrollierten Banken zeigen ja gerade, dass die größten Versager mit satten Einkommensverbesserungen belohnt werden, während die arbeitende Bevölkerung die Verluste zu übernehmen hat. Oggers Buch könnte man alle paar Jahre neu schreiben.
Es nutzt eben nichts, wenn man weiß, wie man es besser machen könnte. Man muss sich auch gegen eine Kleptokratie durchsetzen können, die praktisch - wie man gerade sieht - über die absolute Macht im Staat verfügt. Dieser Klüngel wird sich freiwillig ebensowenig einschränken wie er seine teilweise kurios überzogenen Multi-Millionen-"Einkünfte" - eigentlich ist es ja Diebstahl, sich an einer von einem selbst ruinierten Firma noch weiter zu bereichern - zu reduzieren bereit wäre.
Irgendwo habe ich das naive Argument gelesen, die Manager könnten ja wohl kaum so schlecht arbeiten, wenn man den Reichtum unseres Landes betrachten würde. Dazu ist zu sagen: Wer unsere Volkswirtschaft für "reich" hält, hat das mit den Schulden und Erblasten tatsächlich noch nicht begriffen. Wer unsere Konzerne für wachstumsstark hält, sollte sich mal die Entwicklung des "shareholder value" anschauen. Wer denkt, dass unsere Wirtschaft nennenswert zum Steueraufkommen beiträgt, lebt geistig 50 Jahre in der Vergangenheit.
Volkswirtschaftlich bedeutet "Reichtum" jedenfalls keineswegs, möglichst viel Vermögen zu vernichten, in Steueroasen zu verfrachten und für private Zwecke auf die Seite zu bringen.
Oggers Buch wirkt bei den theoretischen Ansätzen, soweit sie die Dinge erklären, absolut überzeugend - wo er aber optimistisch über Wege zu Verbesserungen diskutiert, klingt manches doch ein wenig hilflos, teilweise sogar naiv. Auf einen verurteilten Manager kommen viele, die sich mehr oder weniger herauslavieren können und eine Unzahl, deren Verbrechen oder Versagen nicht einmal an die Öffentlichkeit dringt.
Wem könnte dieses Buch heute noch etwas bringen?
Die einen, die ohnehin wissen, wie katastrophal die Dinge laufen, werden sich angesichts weiterer Szenerien und Beispiele bestätigt finden, aber kaum ein gutes Gefühl aus der Lektüre gewinnen. Immerhin schön, dass es früher noch Verurteilungen gab.
Die Übrigen der möglichen Leser, werden die Inhalte ohnedies nicht aufnehmen bzw. diese ignorieren - vielleicht, weil sie selbst dazu gehören, oder aber, weil sie nicht imstande sind, Realitäten zu erfassen und zu akzeptieren. Sie könnten sich durchaus weiter in Diskríminierungen des Autors üben, auch ohne etwas gelesen zu haben - es macht ohnedies keinen Unterschied.
Fazit: Eventuell für Masochísten mit ausreichendem Durchblick. Vielleicht noch ein Lehrbuch für Einsteiger in gesellschaftskritischem Denken nach dem Motto: "Einführung in die Überwindung der Blauäugigkeit".
jury 5* A0193 6.10.2011eg