Just nach zwei Tagen beendete ich bereits die Lektüre von Gunter Haugs Roman "Niemands Mutter" und war ergriffen und begeistert zugleich. Sowohl das Cover als auch der Titel ließen zwar anfänglich auf eine schnulzige melodramatische Frauengeschichte für die eher weibliche Leserschaft vermuten, als mir das Buch empfohlen wurde, doch ich war positiv überrascht.
Gunter Haug hat in diesem Buch das Leben seiner Ururgroßmutter rekonstruiert, einem Mitglied der großen Familie, von dem außer ein paar Zahlen und Eintragungen in Kirchenbüchern und Stadtarchiven nicht sonderlich viel existiert. Auf den ersten Blick jedenfalls. Denn Gunter Haug ist auf das Land in die Ortschaften rund ums Taubertal bei Rothenburg ob der Tauber (fast meine Gegend also) gefahren und hat die Leute gefragt. Und ist auf erstaunliche Spuren gestoßen. Kapitel im Stil eines Romans wechseln mit Passagen, in denen Haug seine Schwierigkeiten, Probleme und Vorgehensweise bei den Forschungen beschreibt. Obwohl nur knapp hundert Jahre zwischen der Zeit seiner Ururgroßmutter und heute liegen, ist doch sehr erstaunlich, wie man damals noch gelebt hat und unter welchen Bedingungen man auf dem Land leben musste. Mit 14 Jahren bereits musste man das Elternhaus verlassen, um bei einem Hof als Knecht oder Magd zu arbeiten, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Für einen freien Tag musste man eineinhalb Jahre arbeiten, lediglich der Sonntag war zum Teil frei, damit man in die Kirche gehen konnte. Von Landidylle und schönem Leben auf dem Bauernhof keinerlei Spur - stattdessen harte Knochenarbeit und Schufterei, geringe Lebenserwartung.
Wer mal etwas geschichtliches erfahren will, das man vielleicht nicht auf diese Art in den Geschichtsbüchern findet und dabei in eine Zeit eintauchen möchte, die noch gar nicht so weit zurückliegt, kann das mit diesem Buch wunderbar tun. Der Bestseller ist übrigens schon Haugs zweites Buch: "Niemands Tochter" ist der Vorgänger und geht über seine Großmutter.