Bald nach der an anderer Stelle beschriebenen Enttäuschung des Romans "Berittener Bogenschütze" von Brigitte Kronauer nahm ich mir den nächsten Band einer Schriftstellerin, erschienen in der zweiten SZ-Reihe, zur Hand und wurde reichlich belohnt. Selten las ich Passagen so gebannt wie in "Niemand, der mit mir geht" von der Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer.
Die Hauptfigur Vera Stark erscheint in der Erzählung, die auf zwei Zeitebenen spielt, als junge Frau in den Zwanzigern oder Dreißigern und als gereifte Gestalt des öffentlichen Lebens am Ende der Apartheid in den frühen neunziger Jahren. Vera Stark muss starke autobiographische Züge von Nadine Gordimer aufweisen, davon bin ich überzeugt. Die Handlung beschreibt den Einsatz einer weißen, gut situierten Frau gegen die Gesetze der Rassentrennung in Südafrika. Der aus meiner Sicht interessantere Strang beschäftigt sich mit den Gedanken einer sich immer mehr isolierenden Frau, die im Laufe der Jahre sich von ihrem (zweiten) Ehemann, sowie von ihren beiden Kindern entfernt, zum einen einem erfolgreichen, in London lebenden Banker und zum anderen einer etliche Jahre jüngeren Tochter, die ihre Eltern mit der Liebe zu einer Frau überrascht und an die Grenze der gegenseitigen Sprachlosigkeit bringt.
Vera Starks persönliche Beziehungen in ihrer Familie verhalten sich reziprok zu ihrem Engagement für die Landverteilung in Südafrika. Ihre selbst gewählte Isolation gipfelt für mich in dem Satz: "Letztlich bewegt sich jeder auf sich selbst zu". Am Ende bleibt eine einsame Frau zurück, die man dafür jedoch nicht bedauern muss, denn die Einsamkeit ist der Zustand, den sie als den passenden für sich gewählt hat.
Ob die Vergabe des Nobelpreises im Jahre 1991 an Gordimer ihrem Werk oder mehr der politischen Lage und ihres persönlichen Einsatzes gegen den Zustand der Apartheid geschuldet war, vermag ich nicht zu sagen. Mit "Niemand, der mit mir geht" bestätigt sie aus meiner Sicht jedoch die Richtigkeit der Auszeichnung.