So gut wie kein Kunde verirrt sich in den Friseursalon des namenlosen Helden dieser fulminanten Geschichte. Nach vielen Jahren, die der sympathische Kleinkriminelle in einer psychiatrischen Anstalt vor den Toren Barcelonas verbracht hat, wird er plötzlich und ohne Federlesens mittellos vor die Tür gesetzt. Da er das Leben stets nimmt wie es kommt und mit nichts hadert - er ist ein wahrlich glücklicher Mensch - macht er sich auf den Weg in die schöne Stadt am Mittelmeer: "So empfing mich, als ich schon lendenlahm und Mitternacht vorüber war, die olympische Stadt mit olympischer Verachtung." Aber das Glück, das ihn abgöttisch liebt, ist wie bereits erwähnt stets dicht an seiner Seite und beschert ihm einen Job im ebenfalls bereits erwähnten Damensalon, dessen Erfolglosigkeit namensgebend für diese Geschichte ist.
Man darf sich daher nicht wundern, dass sich die Mittellosigkeit unseres Helden durch seine Tätigkeit nur unwesentlich mildert, zumal er seine schmalen Einkünfte mit seinem philosophierenden Schwager zu teilen hat. Aber er hat viel Freizeit, ein Dach über den Kopf und kann sich die Funktionalität seines Leibes mit Fertigpizzastücken und Tintenfisch-Zwiebel-Brötchen sichern. Zu den Menschen in seiner Umgebung hat er ein entspanntes Verhältnis und alles läuft prima. Bis zu jenem Tag, an dem wunderschöne Beine nebst Zubehör im Salon auftauchen und ihn, an Liebe erkrankt, fortan in eine rasante Geschichte von Freundesverrat, Politik, Diebstahl, Betrug, Entführung und Mord verwickeln. Er bekommt es unter anderem mit der Crème de la Crème und damit mit dem Bürgermeister von Barcelona zu tun, der kurz vor der Wiederwahl steht und der eine verblüffend erfolgreiche Strategie verinnerlicht hat: "Das darf ich eigentlich gar nicht hören!" Intelligent und ohne sich ein x für ein u vormachen zu lassen, führt uns der clevere Narr durch diesen rasanten Krimi, der auch ein Liebesroman, ein Schelmenstück und vor allem eine rabenschwarze Gesellschaftssatire ist.
Eduardo Mendozas Geschichten sind katalanische, die meist in der wunderbaren Hauptstadt Barcelona angesiedelt sind. Das heißt nicht, dass er nicht über den Tellerrand geschaut hat. Jahrelang lebte er in New York, bis er wieder mit Macht nach Hause wollte in seine Heimatstadt Barcelona. Diese Stadt liebt er, aber er ist nicht blind für gesellschaftliche oder städteplanerische Fehlentscheidungen, die in dieser sich nicht erst seit den olympischen Spielen rasant sich wandelnden, sehr erfolgreichen Metropole hart am Mittelmeer, die vielleicht die heimliche Hauptstadt Spaniens ist und ganz sicher die Verlagshauptstadt, eben auch passieren.
Die Hochburg des katalanischen Jugendstils, in der Gaudis Kathedrale irrwitzig, überfrachtet und fantastisch in den Himmel ragt, hat mit Mendoza einen leidenschaftlichen Chronisten und ausgeschlafenen Mitbürger. Wenn es denn eine schriftstellerische Entsprechung zu Gaudis außergewöhnlichem, skurrilem, genialem und farbenfroh lebendigem Stil gibt, dann ist es gewiss die Handschrift von Eduardo Mendoza. Der Aberwitz der Handlung dieses Buches, die Stilsicherheit gewollt ausschweifender, sich verdrehender und doch nie verwirrender Erzählweise verschafft außergewöhnlichen Lesegenuss. Anders jedoch als Gaudi, den man eher melancholische Anwandlungen und zuletzt auch Lebensverdruss nachsagte, ist Mendoza mit Humor und Lebensfreude gesegnet; Eigenschaften, die zusammen mit der Kenntnis der menschlichen Seele (und seiner Abgründe) in diesem Buch in jeder Zeile spürbar sind.
Wer sich scheut, je nach Temperament, in aller Öffentlichkeit zu schmunzeln, wie ein Idiot zu grinsen und zu kichern oder gar lauthals zu lachen, sollte diese Geschichte nur in privater Abgeschiedenheit genießen. Eins sollte man aber auf gar keinen Fall tun: Dieses Buch versäumen.
Katalonien ist 2007 das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Ich hoffe und wünsche mir, dass Eduardo Mendoza auf diesem kaum zu überblickenden Jahrmarkt veritabler Eitelkeiten herausragend gewürdigt wird. Wer mehr von Mendozas tiefem Wissen über die Hauptstadt Kataloniens profitieren will, dem empfehle ich seinen großen Barcelona-Roman "Stadt der Wunder" oder, auch zur vertiefenden Reisevorbereitung geeignet, "Barcelona. Eine Stadt entdeckt die Moderne.", ein Buch und Bildband, den er zusammen mit seiner Ehefrau schrieb und gestaltete.
Helga Kurz