Hannoversche Allgemeine Zeitung, 07. Oktober 2005, Bert Strebe
Aufstehen, widersetzen Der Autor Jan Egge Sedelies hat einen Gedichtband mit dem Titel Niemals so ganz veröffentlicht. Allen Texten gemein ist eine klare politische Position links von der Mitte und ein spürbarer Zorn auf stumpfe Konsumgesellschaftsmenschen. Es geht, etwa in Linienflug LH 558, um den mit einer lächerlichen milden Strafe gesühnten Tod des Sudanesen Aamir Ageeb, der 1999 bei der Abschiebung im Flugzeug so gefesselt war, dass er erstickte. Es geht um Erich Fried, dem das Gedicht frage eines nachgeborenen gewidmet ist. Interessanterweise spürt man die Wut bei dem jungen Sedelies weitaus mehr als bei dem alten Fried, der am Ende nur noch Zeitungsmeldungen abgeschrieben und kommentiert hat. Und man spürt Ironie und Melancholie, und manche Gedichte wie das über die viertelführung um halb zwei sind schlicht schön. Die politische Lyrik der sechziger und siebziger Jahre krankte vor allem daran, dass ihr Flugblattvokabular statisch wirkte. Gefühle und Gedanken wurden benannt, statt sie auszulösen. Sedelies Texte haben an manchen Stellen auch noch etwas davon. Aber man merkt, dass dieser Autor auf dem Weg zu seiner eigenen Sprache ist.
Kurzbeschreibung
Engagierte Literatur, wie sie schon Sartre forderte gibt es die heute noch? Es gibt sie! Ob Castortransporte, Anti-Globalisierungs-Demonstrationen oder der Tod eines Sudanesen bei seiner Rückführung immer legt Jan Egge Sedelies zielsicher den Finger in die Wunde den »Fehler im Gesamtsystem«. Dabei hat er jedoch stets die zweifelhafte Rolle dessen im Blick, der es »an seinem Schreibtisch aushalten kann«. Eine aufrührende, melancholische, wütende, selbstkritische, augen-öffnende und in Bewegung setzende Lyrik.
Aus dem Vorwort von Tanja Dückers: »Sedelies große Begabung liegt darin, in Gedichten Geschichten zu numerischen Fakten zu erzählen, die uns täglich in den Nachrichten erreichen: Er bebildert diese Fakten, erzählt von Asylanten, die nicht mehr lebend am Zielort eintreffen, oder von Demonstranten, die wegen Verdacht auf illegalen Waffenbesitz gedemütigt und in U-Haft geschoben werden ohne dabei ins Sentimentale oder Belehrende abzugleiten.«