Martin Niemöller war im Ersten Weltkrieg U-Boot-Kommandant und in der Weimarer Republik ein wehrhafter Gegner der Demokratie. Als Pfarrer in Berlin-Dahlem und Haupt der Bekennenden Kirche zog er in den dreißiger Jahren den Haß Adolf Hitlers auf sich, der ihn von 1937 bis 1945 in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau gefangenhielt. Nach 1945 kämpfte der streitbare Protestant Niemöller gegen die Wiederbewaffnung und für die Wiedervereinigung Deutschlands. Er blieb bis heute eine Symbolfigur: ein Querdenker, der aus seinem christlichen Glauben de Kraft für unerschrockenen politischen Widerstand bezog.
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Martin Niemöller war zweifellos einer der prägendsten Gestalten der neueren deutschen Geschichte. Aufrecht und entschieden, aufs Tiefste protestantisch und von entwaffnender Offenheit - so kennen wir ihn. Doch sein Leben war weit facettenreicher. Und bei der Darstellung seines Lebens zeigt sich die Stärke dieser Reihe des Rowohlt-Verlags: Die Biographien werden nicht kurz und knapp, aber auch nicht ausufernd lang vorgestellt, sondern bieten mit ca. 150 Seiten eine nahezu optimale Mischung. Nein, Martin Niemöller war kein Pazifist. Er war Monarchist, der sich noch nach der deutschen Kapitulation und nach Ende des Ersten Weltkriegs dem Eid auf den Kaiser verpflichtet fühlte. Martin Niemöller war Militarist, der als U-Boot-Kommandant bedenkenlos auch zivile Schiffe versenken ließ und wortwörtlich über den Ersten Weltkrieg schrieb:"Der ganze Krieg spielte sich eben noch in recht sportlich fairen Formen ab." Martin Niemöller war Rechtsradikaler, der beim Kapp-Putsch nicht etwa die Demokratie zu verteidigen suchte, sondern sich im Gegenteil als Mitglied einer akademischen Kampftruppe aktiv an der Niederschlagung des Generalstreiks der Gewerkschaften beteiligte. Doch Martin Niemöller wurde Pazifist. Er wurde dies nicht zielstrebig und geradlinig, sondern ging zahlreiche Umwege. Und diese Wege führt uns der Autor plastisch vor Augen. Aufgeschlossen und gut geschrieben liest sich deshalb diese Niemöller-Biographie wie ein fesselnder Roman. Martin Niemöller wurde entschiedener Gegner der Nazi-Diktatur und organisierte als einer der wichtigsten Mitglieder der Bekennenden Kirche den Widerstand gegen das Dritte Reich.... Doch Pazifist wurde er erst später, nicht angesichts der Verbrechen, die er im Konzentrationslager miterleben konnte. Er wurde es aufgrund der drohenden Ausrottung der Menschheit durch Atomwaffen. Und so schrieb er, zuhause unter der Bordflagge seines ehemaligen U-Bootes sitzend, diese wahren Worte:"Mütter und Väter sollen wissen, was sie tun, wenn sie ihren Sohn Soldat werden lassen. Sie lassen ihn zum Verbrecher ausbilden." (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)Lesen Sie weiter... ›
1) Das Buch als Biographie: Matthias Schreiber gelingt es, mit hervorragend ausgewählten Zitaten in diesem dünnen Band ein Leben zu würdigen, das ein ganzes Jahrhundert umfasste. Souverän stellt er Niemöllers Wandel im Wandel der Zeiten dar - vom U-Boot-Soldaten zum Friedensaktivisten. Allein schon als zügig zu lesender Gang durch die Deutsche Geschichte ist das Buch ein kleines Meisterwerk.
Matthias Schreiber ist stark in der historischen Schilderung, stärker in der ausgesprochen zurückhaltenden Art, den Menschen Niemöller lebendig werden zu lassen, am stärksten in der differenzierten Darstellung - jenseits von Kritik oder Bewunderung. Darüber hinaus regt er an, sich intensiver mit Niemöller zu beschäftigen - historisch und theologisch. So muss eine Biographie sein! Chapeau!
2) Die Theologische Bedeutung Über die Aufgabe einer Biographie hinaus ist das Buch von Matthias Schreiber aber auch theologisch, vor allem aus protestantischer Sicht, hoch spannend: Denn Martin Niemöllers Position stellt so manch kirchliches Verhalten von heute weiterhin aufs Schärfste in Frage. Dieses Buch ist unbedingt zu empfehlen - vor allem, damit es Lust mache auf mehr: Auf mehr Niemöller-Lektüre, auf mehr Protestantismus, der seinen Namen verdient, auf mehr christliches Leben, das es ernst mein mit der Frage: "Was würde Jesus dazu sagen"? Erschienen 1997 - ist es dringend notwendig, diesen hilfreichen Zugang zur komplexen Gestalt Niemöller gerade heute in der Kirche zu lesen - und sich zu Herzen zu nehmen! Denn, so Niemöller schon 1938: "WIe leicht geschieht es, dass man Gottes Wort an der Zeit misst, statt die Zeit an Gottes Wort zu messen...."