Wen hat dieser Autor nicht alles beeinflusst: Hesse, Thomas Mann, Freud, Ibsen, Rilke usw. - eine bemerkenswerte Liste.
"Niels Lyhne" ist eine Art Entwicklungsroman der gleichnamigen Person, welche behütet - eingebettet in christliche Erziehung - aufwächst, aber später erleben muss, wie ihr alles abhanden kommt: der Glaube stirbt ab, als trotz unaufhörlichen Betens die geliebte Tante stirbt, die Eltern sterben nacheinander, Freundschaften gehen verloren, Liebesbeziehungen scheitern. Am Ende schwört der "Held" auf dem Sterbebett sogar noch dem Atheismus ab.
Wo der Roman anfangs stark romantisierend und schwafelig daherkommt, wird er im Fortgang der Handlung immer düsterer, bis Niels Lyhne am Ende alleingelassen stirbt. Wenn man das romantische Teil wegließe, hat er einiges von Philip Roths "Everyman".
Jacobsen mag damit sein eigenes Leben, das ja lange Jahre Leidenszeit wegen einer Tuberkulose-Erkrankung einschloss, illustriert haben.
Immerhin muss man "Niels Lyhne" zunehmende Fundiertheit und Tiefgründigkeit mit zunehmendem Verlauf bescheinigen - wo die schwelgerische Romantik anfangs manchmal für heutige Leser schwer erträglich ist, nehmen die tiefgründigen philosophischen Reflexionen und emanzipatorischen Ansätze zur Rolle der Frau im letzten Drittel doch gefangen. Die zunehmende Flüchtigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen und deren Beschreibung erinnert von Ferne an die großen französischen Erzähler des 20. Jahrhunderts, ohne bei weitem deren Erzählkunst zu erreichen.
So bleiben die Charaktere insgesamt für heutige Verhältnisse ein wenig blass - wie Abziehbilder oder Schatten der Realität - wenn man etwa bedenkt, was die Russen in dieser Hinsicht zur gleichen Zeit geleistet haben. Zu ästhetisch und schöngeistig noch im "Laster" kommt der Roman oft daher, um beim Leser einen wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Das starke letzte Drittel kann diesen Eindruck allerdings teilweise wieder wettmachen.