Ein wahres Babylon
Publikationen zur niederländischen Geschichte
«Amsterdam 15851672» die Eckdaten im Titel entstammen der politischen Geschichte. 1585 wird Antwerpen von Alessandro Farnese für den spanischen König zurückgewonnen, ein Grossteil der wirtschaftlich potenten (und calvinistischen) Bevölkerung flieht nach Norden, Amsterdam übernimmt beinahe schlagartig die Rolle des wichtigsten Hafens an der Nordseeküste. 1672 tritt Wilhelm III. von Oranien die Statthalterschaft in den Niederlanden an, die Brüder De Witt werden ermordet, und ihr aussenpolitisches Lavieren findet ein Ende im Krieg gegen die vorübergehend verbündeten Franzosen und Engländer. Zwar gelingt es, die territoriale Integrität der Generalstaaten zu bewahren, doch ihre Grossmachtrolle ist ausgespielt, obwohl gerade Amsterdam seine wirtschaftliche Bedeutung durchaus bewahren kann.
Um Aussenpolitik geht es allerdings nur am Rande in dem von Bernd Wilczek unter Mitarbeit von Jos van Waterschoot herausgegebenen Sammelband mit 16 Aufsätzen, die sich an ein breites Publikum von historisch Interessierten und «Stadtwanderern» richten. Der Untertitel verkündet die «Morgenröte des bürgerlichen Kapitalismus» eine verkaufsfördernde Formulierung des Verlags, wie es das doch recht pleonastische Adjektiv vermuten lässt? Einerseits ja, denn hier liegt keine Analyse frühkapitalistischen Wirtschaftens am Beispiel Amsterdams vor, nein aber insofern, als bürgerliche Verhaltensweisen in unterschiedlichstem Zusammenhang geortet oder zumindest postuliert werden. Der Grundtenor lautet: Freiheit und blühende Wirtschaft bedingen einander.
Im Falle Amsterdams bedeutet dies einerseits Humanismus, der ebenso politisch, ökonomisch wie ethisch motivierte Toleranzgedanke, Religionsfreiheit, fehlende Zensur; und zum anderen Zuwanderung und Bevölkerungsexplosion (Verzehnfachung auf gegen 300 000 Einwohner vom 1585 bis 1670), eine günstige Lage für Nah- und Fernhandel, von der politischen Elite getragene wirtschaftliche Innovationen, also moderne Banken, Börsen sowie die West- und vor allem Ostindische Kompanie mit ihren einträglichen Monopolen. Der rasche Niedergang Antwerpens ist Voraussetzung dafür, dass sich die Potentiale so rasch und reich entfalten, doch bald herrscht der rationale Geist pragmatischer Gewinnmaximierung: das bekannte calvinistische Druckergeschlecht Blaeu verdient viel Geld mit Katholika, welche die fingierte Verlagsadresse Köln tragen, um ihm Ungemach mit seinen Glaubensgenossen zu ersparen.
Hier ahnt man Spannungen, Widersprüche. Andere werden thematisiert, so der Gegensatz von heimatlichem Freiheitsideal und Sklavenhandel, ja Ausrottung in Übersee; die orthodoxen Bannflüche (Cherem) gegen den unglücklichen Uriel de Costa und gegen Spinoza durch eine Judengemeinde, die doch eben vor der spanischen Intoleranz ins freie Amsterdam entflohen ist, die gehässigen und blutige Opfer fordernden dogmatischen Streitigkeiten unter den Calvinisten, zwischen Arminianern und Gomaristen.
Gründergeist und Aggressionen
Dynamik und Gründergeist, Kraft und Aggressionen sind überall greifbar, doch selten ist versucht worden, auf die lästige Frage zu antworten: warum gerade hier? Viele Aufsätze liefern reine Beschreibung, manchmal geradezu enzyklopädische Faktenkenntnisse: Spinozas Leben, überhaupt die Rolle der Juden, Publizistik und Theater, Literatur und Architektur, die Identität der holländischen Malerei, Rembrandt nur am Rand, nicht paradigmatisch, sondern als derjenige, der die sonst recht verbindlichen Konzeptionen seiner Landsleute sprengt.
Was aber haben minuziöse Untersuchungen zu einer Philosophenbiographie oder Kataloge von Ärzte- oder Künstlerviten mit der «Morgenröte des Kapitalismus» zu tun, inwiefern sind sie überhaupt für das Amsterdam ihrer Zeit repräsentativ? Damit ist keineswegs gesagt, dass sie es nicht sind; mit grosser Wahrscheinlichkeit sind sie es. Doch die Deskription vieler Einzelphänomene reicht zum Verstehen eines «Weltwunders, eines wahrhaften Babylon» noch nicht aus. Da eine zusammenfassende und ordnende Analyse der verschiedenen Beiträge fehlt, findet man nur ansatzweise oder versteckt Aufschluss über die im Vorwort versprochenen «Ursachen und Mechanismen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufstiegs» der Stadt.
Gewiss, Leo Noordegraaf und Horst Lademacher liefern kenntnisreiche Beiträge zur Entwicklung des Fernhandels. Was aber fehlt, sind exakte Informationen zur Sozialgeschichte: wie setzt sich die Bevölkerung Amsterdams denn eigentlich zusammen? Wen können wir als «frühkapitalistisches Bürgertum» fassen, wie entwickelt es sich?
So droht die Gefahr der Zufälligkeit: drei Aufsätze beschäftigen sich ausschliesslich mit der Rolle der Juden, die ein Prozent der Bevölkerung ausmachen. Natürlich ist ihre Bedeutung insbesondere für die Wissenschaften gross; aber müsste daneben nicht auch Platz sein für die identitätsstiftende Hauptkonfession, den Calvinismus? Liesse sich nicht gerade am Beispiel Amsterdams Webers «innerweltliche Askese» diskutieren und damit eine angebliche Wurzel des bürgerlichen Arbeitsethos? Wie stark ist der Alltag durch die Kirche normiert, welchen sozialen Gruppen entstammen die calvinistischen Geistlichen, welche Rolle kommt ihnen jenseits ihrer Ansprüche wirklich auch zu? Überlegungen zu solchen Fragen fehlen nicht vollständig, bleiben aber Stückwerk und sind häufig wenig reflektiert: «. . . die Kirchen schrieben vor, was ihrer Lehrmeinung nach gestattet war und was nicht. Dies alles geschah im Rahmen allgemein anerkannter Normen.» Ganz abgesehen von der Frage, wer «die Kirchen» waren was gab nun den Ausschlag, kirchliche Dogmatik oder gesellschaftliche Normen?
Gerade in der frühen Neuzeit wird man diese beiden Bereiche vielleicht nicht allzu stark trennen wollen. Gleichwohl, die Sätze aus dem etwas konfus aufgebauten, aber inspirierten Aufsatz Margriet de Roevers über Alltag und Familienleben sind bezeichnend, insofern sie die später «typisch bürgerlich» genannte Moral wohl orten, aber nicht zu begründen vermögen. Oder vielmehr: in allem möglichen begründen. So wird ein Gefühl für Zeit und Geld in einer Handelsstadt wie Amsterdam natürlich «bereits mit der Muttermilch» eingesogen!
Noch viel grosszügiger hat sich Jean Jüngen im sozialgeschichtlichen Modellarsenal bedient, wenn er das Wirken der Amsterdamer Strafjustiz untersucht. Sie dient der Absonderung des Fremden und ist insofern eine Reaktion auf die Zuwanderung, stigmatisiert den Aussenstehenden und diszipliniert die Untertanen, ist aber gleichzeitig der Bereich, in dem die Obrigkeiten sich an veränderte Verhältnisse anpassen müssen, während sie die Justiz gleichzeitig mit «zynischem Erfindungsgeist» für ihre merkantilen Ziele instrumentalisieren. Wenn alle denkbaren Erklärungsmuster kombiniert werden, bleibt alles unklar.
Weg in die Moderne
Nach dem teilweise anregenden und jedenfalls facettenreichen Einblick in Amsterdams Blütezeit, der allerdings je nach Autor zwischen einem Zuwenig an kritischer Befragung und einem Zuviel an theoretischen Versatzstücken hin und her schwankt, findet man in einer bis in die jüngste Zeit führenden Monographie über «Die Niederlande» den soliden Boden einer einheitlichen Fragestellung. Horst Lademacher, der in Münster lehrt und auch den Herausgebern des «Amsterdam»-Buches beratend zur Seite gestanden hat, will sich auf Innenpolitik, Gesellschaft und Kultur konzentrieren, um den niederländischen Weg in die Moderne nachzuzeichnen. Vor allem anhand der Verfassungspostulate und -realitäten betont Lademacher den konstituierenden und andauernden Gegensatz von Regionalität und Zentralisierung, von dem ausgehend auch die Abwehr ausländischer Herrschaftsansprüche, die konfessionelle Differenzierung oder die Entwicklung des Toleranz- und Freiheitsideals gedeutet werden.
Über das nicht mehr so moderne Konzept der «Modernisierung», das letztlich allzuviel auf Verzögerungen, Einhalten und Vorantreiben des Stundenplans reduziert, liesse sich angeregt diskutieren. Leider ist es im vorliegenden Band sprachlich und konzeptionell recht unsorgfältig präsentiert, wie die tautologische Erklärung für das Scheitern der Steuerpläne des Herzogs von Alba zeigt: «Doch für ein solches Verfahren war das gesamtniederländische Bewusstsein noch nicht ausgereift genug, um die Praktikabilität eines solchen Verfahrens akzeptieren zu können.»
Dieser verunglückte Passus steht nicht allein: die Gliederung in Kapitel ist kaum hierarchisiert, Wiederholungen finden sich ebenso wie unvermittelte Konfrontation mit als bekannt vorausgesetzten Fakten oder Protagonisten. Es ist eine etwas eigentümliche Idee, eine «auf die Nation bezogene Darstellung» könne Aussenpolitik und Kriege weitgehend ausklammern; letztlich wird vom Leser dabei nur erwartet, dass er diese Kenntnisse bereits mitbringt oder anderswo erwirbt.
Dazu greift er besser gleich von Anfang an zu einem sorgfältiger lektorierten und thematisch umfassenderen, in den Grundthesen aber ähnlich konzipierten und über weite Teile bis in die Formulierungen identischen Werk desselben Verfassers: bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ist Lademachers 1983 erschienene «Geschichte der Niederlande» weiterhin erhältlich. Der neue Aufguss als erster Ergänzungsband der in den siebziger Jahren erschienenen Propyläen-Geschichte Europas bringt ausser einer reicheren Illustrierung und einer aktualisierten, recht umfangreichen Bibliographie keinen Gewinn für den Leser; im Gegenteil.
Thomas Maissen
Horst Lademacher: Geschichte der Niederlande. Politik, Verfassung, Wirtschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983. 580 S. (vergriffen).