Um sich in der populären Diskussion um das Thema Moderne/Postmoderne zu profilieren, unternimmt Kondylis den Versuch, die Entwicklung der Kultur vom 19. bis zum 20. Jahrhundert unter dem Aspekt der polemisch motivierten Änderung von "Denkstilen" nachzuvollziehen. Hierbei knüpft er methodisch an seine Dissertation "Die Entstehung der Dialektik" an, in der er auf der Grundlage zahlreicher sorgfältiger Textanalysen die Herausbildung des "absoluten Idealismus" durch Hölderlin/Schelling im Zuge einer Kritik am traditionellen philosophischen Dualismus, die durch eine auf Einheit und Synthese gerichtete "Grundhaltung" motiviert war, beschreibt.
Was nun in einem immanent geistesgeschichtlichen Kontext zu höchst fruchtbaren Einsichten führte (etwa dass Hegel für die Entstehung der Dialektik so gut wie keine Rolle spielte), erweist sich leider als für die Erkenntnis geschichtlich-gesellschaftlicher Vorgänge untauglich und führt insbesondere bei der Interpretation der Genesis der "Massendemokratie" und der ihr entsprechenden Massenkultur zu bizarren Schlussfolgerungen. Den Kern der Darstellung bildet die These, dass um die vorige Jahrhundertwende die für das Bürgertum kennzeichnende "synthetisch-harmonisierende" Weltsicht durch eine sich aus einer Polemik gegen die bürgerliche "Denk- und Lebensform" speisende "analytisch-kombinatorische" Denkfigur abgelöst worden sei, die sich allmählich in allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen durchgesetzt habe. Das Verhältnis zwischen Denk- und Lebensform (oder, in der klassischen marxschen Terminologie, von "Bewusstsein und (gesellschaftlichem) Sein") bleibt dabei unreflektiert, aber Kondylis' Ausführungen lassen keinen anderen Schluss zu, als dass er das Denken für primär hält. Dass die Polemik gegen die bürgerliche Weltsicht ihre Basis in gesellschaftlichen Veränderungen hatte, wird immer wieder vage angedeutet oder einfach vorausgesetzt (s. S. 180), aber nicht ausdrücklich thematisiert. Somit bleibt der Ursprung jener Ablösung einer "Denkfigur" durch eine andere, also das eigentlich Interessante, im Dunkeln. Die Veränderung des Denkens wird tautologisch aus der Veränderung des Denkens "abgeleitet".
Resultat ist eine ausschließlich deskriptive geistesgeschichtliche Darstellung des Übergangs vom bürgerlichen zum modernen "Denkstil" in den verschiedenen Bereichen der Kultur (Kunst, Wissenschaft und Philosophie), wobei der Anspruch, alles auf das Gegensatzpaar "synthetisch-harmonisierend" vs. "analytisch-kombinatorisch" zu reduzieren, notwendig zu drastischen Verallgemeinerungen und gravierenden Fehlurteilen führt. Signifikant ist, dass im gesamten Buch (ganz im Unterschied zu Kondylis' Dissertation und auch seiner Habilitationsschrift über "Die Aufklärung") nicht eine einzige Quelle zitiert, nicht ein Kunstwerk erwähnt, ja nicht einmal ein Name genannt wird. Argumentationslücken werden in großem Ausmaß durch sprachliche Tricks wie die Verwendung von unverbindlich-relativierenden Wörtern wie "oder", "bzw.", vor allem", "zum Teil", "oft", "usw." gestopft.
Inhaltlich zwingt Kondylis sein zweigliedriges "Prokrustesbett" nun zu einer völlig absurden Konsequenz, die seine gesamte Darstellung desavouiert, nämlich zu einer Identifikation der Form der modernen Kunst mit der Form der Massenkultur und der Motive der von ihm so apostrophierten "Kulturrevolution der 60er und 70er Jahre" mit der "Denk- und Lebensform" der "Massendemokratie". Den gemeinsamen Nenner, auf dem diese Identifikation beruht, bilden der ganz abstrakte, letztlich nur negativ fassbare Begriff der "Analyse" (Auflösung der Synthese) und der ebenso rein formale Begriff der "freien Kombinatorik" (der durch die Analyse erzeugten Elemente), worunter dann völlig heterogene Erscheinungen wie etwa serielle Musik und Schnitttechnik im (massenkulturellen) Film oder "sexuelle Freiheit" (von der "Kulturrevolution" propagiert) und "Wertpluralismus" sowie "Mobilität" (als Charakteristika der "Massendemokratie") subsumiert werden können.
An konkreten Beispielen für die Übereinstimmung von moderner Kunst und Massenkultur fallen ihm nur die frühe Werbung (das wäre im Einzelnen zu untersuchen) und die Pop Art ein, wobei an einer ganz bezeichnenden, den Aberwitz der Argumentation entlarvenden Stelle von "Pop Art bzw. (!) Popkultur" (S. 241) die Rede ist. Dass es sich bei der Pop Art gerade um eine kritische Reflexion der Popkultur handelt, gerät nicht in den Blick. Der "synthetische", autoritäre Gehalt der Massenkultur, der ihren Gegensatz zur modernen Kunst ausmacht, wird nicht erkannt; Kondylis hat von beidem nichts begriffen, was sich übrigens auch in der Rede von einigen angeblichen "qualitativ hohen und höchsten Leistungen" (S. 250) in der modernen Kunst artikuliert, die eindeutig auf Banausentum hinweist.
Auf ebenso groteske Weise wird komplett unterschlagen, dass gerade die intellektuellen Protagonisten der "Kulturrevolution" (die Vertreter der Frankfurter Schule) die schärfsten Kritiker von Massenkultur und "Massendemokratie" waren und sich die 68er-Bewegung eben gegen "hedonistischen Konsumfetischismus" richtete. Kondylis macht stattdessen die moderne Kunst und die 68er geradezu verantwortlich für den mit der Etablierung der "Massengesellschaft" verbundenen kulturellen Niedergang.
Eine Wertung des Übergangs zur Moderne vermeidet Kondylis, doch ist das ganze Buch von einer unterschwelligen Antipathie gegen die (vermeintliche) "fröhliche Beliebigkeit" durchzogen, die er gleichermaßen in moderner Kunst, postmoderner Philosophie und Massenkultur zu entdecken glaubt. Seine "Grundhaltung" als frustrierter Reaktionär, der sein Leben mit der Lektüre langweiliger Bücher vergeudet hat, statt postmodernem Hedonismus zu frönen, sein Hass aufs Unverstandene kommt wie für Intellektuelle üblich beim Thema Sex ans Licht: Auf S. 219 werden die Frauen der "massendemokratischen Epoche" unverblümt als "kleine Nutten" denunziert.
Um es "polemisch" zu formulieren: In dem Buch erfährt man nicht viel über die Wirklichkeit, aber einiges über die Probleme des Autors, sich allein auf der Basis des Lesens philosophischer Texte in der Realität zu orientieren. Dass sich der Akademie Verlag zu einer Neuauflage dieses überflüssigen Buches entschlossen hat, ist somit nur mit dem absatzverheißenden Titel und dem (einst verdientermaßen guten) Namen des Autors zu erklären.