Dieses Buch erklärt zumindest ein Schicksal, jener westdeutschen Terroristen, die nach der Wiedervereinigung vom BKA aus spießigen Plattenwohnungen im Osten verhaftet wurden. Der Weg eines Mädchens von Schleswig Holstein über Hamburg St. Pauli und West-Berlin nach Ost-Berlin ist ein interessanter Spannungsbogen, den Inge Viett durchaus literarisch anspruchsvoll zu beschreiben weiß. Am Ende des Buches kommt eine große Desillusionisierung mit den Motiven für den bewaffneten Kampf auf. Letztlich waren es vor allem persönliche Motive, die Inge Viett in den Terrorismus führten. Sie hat eine schwere Kindheit hinter sich, in der es Mißbrauch und keine Liebe gab. Die schwächste Person in einem Dorf zu sein, war nicht leicht und so entwickelt Viett ein Kämpferherz.
Später genießt sie ihr Leben nur selten. Ab und an eine Flasche Prosecco in einer kahlen Wohnung in einem europäischen Land auf der Flucht oder kleine Affären mit Frauen oder Männern, mindern ihren Überlebensstress nicht wirklich.
Die Gefolgschaft und Sympathien - selbst in der linksradikalen Szene - schmelzen dahin und die Konflikte in ihrer Gruppe werden größer. Hinzu kommt, dass diese Form des politischen Kampfes ohne Massenwirkung blieb und sich die Freiheitskämpfer mehr und mehr isoliert und erfolglos fühlen.
Am Ende wagt Inge Viett den Einstieg in ein Bilderbuchleben im Osten. Mit Hilfe der Staatssicherheit beginnt sie in Ost-Berlin ein wahres Spießerleben. Auf den ersten Blick scheint diese Phase ihre Lebens nicht viel mit ihrem Vorleben gemein zu haben. Aber es ist eben eine bizare und sehr interessante Lebensgeschichte. Die Ostepisode zeigt den eher menschlichen Aspekt der Inge Viett: Sie hält den Kampf ohne Rückhalt und die Isolation dieser Lebensform eben nicht mehr durch. Anstatt mit der Staatsanwaltschaft einen Deal zu machen, zieht sie lieber in ein Land, dass von Anpassung, Enge und Kleinkarriertheit geprägt zu sein scheint.
Ihre Schilderungen aus der DDR sind in der Tat sehr unterhaltsam, weil hier ein Wessi in die Arbeitswelt des Ostens abtaucht und sich bemüht, Ossi zu sein. Vom Typ her Kämpferin, erreicht sie eine gewisse Anerkennung unter ihren Kolleginnen und Kollegen. Sie versucht sich in die Gesellschaft einzufügen, auch wenn ihr einige Dinge rätselhaft bleiben. Am Ende der DDR tritt sie - naturgemäß - noch mal für den Erhalt ihres neuen Heimatstaates ein, allerdings ohne Erfolg.
Nach der Wende wird sie vom BKA aufgespührt und zu einer längeren Haftstrafe verurteil.