Anne Emmanuel François Duc de Croÿ, Fürst des Heiligen Römischen Reiches, Prince de Solre-le Château, Fürst zu Moers, Graf von Büren etc., Baron de Condé, de Maldeghem, de Beaufort, etc., Maréchal de France, Grande de España de Primera Clase, Chevalier de l' Ordre de Saint-Esprit, Gouverneur de Condé, Comandant du roi en Picardie, Calais et Boulonnais, ist der Stammvater alle Mitglieder des weitverzweigten Hauses Croÿ sesshaft in Frankreich, Belgien, Deutschland und Österreich. Ohne sich natürlich dieser Rolle bewusst zu sein, war der Herzog ein in seiner hochadligen Familie verwurzelter, seiner Privilegien sehr wohl bewusster und um seines Standes angemessener Auszeichnungen stets bemühter Aristokrat. Darüber hinaus war er ein Mann von edlem Geist, wissenschaftlicher Distinktion und besorgtem Familiensinn.
Am Abend seines Lebens resümierte er einige für ihn wichtige Ereignisse seiner Zeit: ...[es] hatte sich die Physik Newtons durchgesetzt, hatte Franklin den Blitz bezwungen, waren die Längengrade entdeckt, die Gesetze von Ebbe und Flut erkannt worden, hatte Mr. Cook die bisher kaum bekannte andere Hälfte der Welt erkundet, waren künstliche Gase entdeckt und die Lust analysiert worden ... Und nun erhoben sich Menschen in die Lüfte. ... Und es bedeute erst den Anfang!" An allen diesen Entwicklungen nahm er lebhaften Anteil, besuchte Benjamin Franklin, ermunterte die Brüder Montgolfier, pflegte Umgang mit Sausure, Diderot und Voltaire, betrieb eigene Experimente und schrieb im Geist der Zeit an einer naturwissenschaftlichen Enzyklopädie.
Einen solch weiten Horizont erwartet man nicht von einem Mann, der als Militär groß wurde, an einer Reihe von Feldzügen, vor allem auf deutschem Gebiet, in kommandierender Stellung teilnahm, die Entwicklung der französischen Kriegsmarine durch den Ausbau besonders des Hafens von Calais förderte und sich als militärischer Gouverneur der nördlichen atlantischen Provinzen Frankreichs, insbesondere der Heimat seines Geschlechts, der Picardie, verdient machte.
Nicht zu unterschätzen ist auch seine Rolle als Diplomat, politischer Kopf und Höfling während der Regierungszeit Ludwigs XV und Ludwigs XVI. Er ging bei Madame de Pompadour, Madame de Maintenon und der Königin Marie Antoinette ein und aus und benutzte deren Einfluss sowohl zur Erreichung politisch-finanzieller Ziele zugunsten Frankreichs wie auch eigener Rangerhöhungen. Er nahm an den Krönungen des Wittelsbacher Kaisers Karl VII und Ludwigs XVI teil, war Gastgeber des Königs Christian VII von Dänemark und pflegte einen mehr als formellen Umgang mit Kaiser Josef II, als dieser seine Schwester in Frankreich besuchte.
Dass wir diese Kenntnisse über eine wahrhaft universale Persönlichkeit besitzen dürfen, verdanken wir der einfühlsam-eleganten Übersetzung etwa der Hälfte der Croÿschen Tagebücher von Hans Pleschinski, der schon durch die Herausgabe von Briefen der Madame Pompadour für die Epoche des ausgehenden Absolutismus in Frankreich bestens ausgewiesen ist. Wertvoll sind seine knappen, aber informativen Zwischenbemerkungen und der zurückhaltenden Sprache seiner Übersetzung. Dem Verlag C.H.Beck gebührt Dank für die nahezu bibliophile Ausstattung dieses Buches, wobei ich auf dem Schutzumschlag anstatt eines zeitgenössischen Schuhs eher ein farbiges Portrait des Protagonisten erwartet hätte.