Olivia Lichtenstein ist in England als Dokumentarfilmemacherin, Produzentin und Autorin tätig. Nach ihrem Slawistikstudium begann sie als Auslandsredakteurin beim Fernsehen zu arbeiten. Ihr erstes Buch "Seitensprung rückwärts" machte sie in Deutschland bekannt, ich habe hier nun den Roman "Nie so wie Du" gelesen.
Der Klappentext des Buches lässt auf eine gescheiterte Frau mittleren Alters als Protagonistin schliessen, die an einem Wendepunkt ihres Lebens steht: Die erwachsen gewordenen Söhne verlassen das Nest, die Scheidung ist eingereicht, es bleibt der Streit um das Sorgerecht um den Familienhund, das Zurechtfinden in der Einsamkeit, die Ros(alinde) mit Yoga, Internet Dating und allerlei "Esokokolores" zu vertreiben sucht. Laut Klappentext findet Ros dabei Aufzeichnungen ihrer verstorbenen Mutter, die sie veranlasst, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen.
Mein Eindruck von diesem gewaltigen Buch ist nach dem Lesen doch ein völlig anderer: Beginnend mit einem Einblick in Ros Jugend, die gezeichnet ist von einer manisch- depressiven Mutter, die allein erziehend auf Ros und deren Freundinnen einwirkt mit einer Südafrikanischen Abstammung, macht der Roman einen Zeitsprung von fast 30 Jahren: Ros ist inzwischen Anfang 40, trennt sich von ihrem aggressiven Mann, versucht Halt zu finden beim homosexuellen Freund, gleichzeitig den Zwillingssöhnen gerecht zu werden, die ihre Trennung verurteilen, dem Hund gerecht zu werden, Zeit zu finden für Aktivitäten, die nicht so wirklich in ihr Leben passen, ihre Arbeit als Lehrerin verantwortungsvoll als Vorbild zu meistern, Nachbarschaftsstreitigkeiten zu schlichten und vor allem: Sie versucht Trauerarbeit zu leisten, denn der Tod der Mutter liegt ein Jahr zurück, ist aber täglich so präsent, dass er in jede Handlung Einfluss nimmt.
Was nach dem Besuch eines Mediums passiert, wie Ros von der Jugend der Mutter erfährt, ob sie nach unzähligen Blind Dates zu ihrem Mann zurückfindet, das ist ein Teil des Romans. Der zweite Teil erzählt den dramatischen Lebensweg von Lilian, der Mutter, der ich mich wesentlich näher fühlte. Ein Lebensweg in Südafrika, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Johannesburg.
Zu Beginn des Romans sehr holprig, hatte ich grosse Schwierigkeiten in den Erzählstrom einzusteigen. Oft kopfschüttelnd über eine Protagonistin, die offensichtlich so grosse Verantwortung trägt, aber versäumt hat, ihr eigenes Leben zu sortieren und für ihre Handlungen selbst Verantwortung zu übernehmen, war ich manchmal fast genervt. Aber das Leben ist eben häufig nicht wirklich glatt poliert, es sind auch die Ecken und Kanten, die den Umfang und Inhalt ausmachen. Und die dem Roman seinen eigenen Charme verleihen. Immer wieder kommt es zu unerwarteten Wendungen, langweilig wird es nie. Nur 370 Seiten kurz enthält er eine unfassbare Menge an Themen, die schon für sich Bände füllen könnten.
Viel Zeit mitbringen, eintauchen, mitreißen lassen und unglaubliches Erfahren