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Nidri
 
 

Nidri (Sondereinband)

von Christian Futscher (Autor)
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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Sommer mit Goldrand

Christian Futschers dichte Protokollprosa

Ein kleiner Ferienroman von stacheliger Intelligenz ist es allemal geworden, auch wenn die Hauptfigur dieses Textes zuerst ganz anderes vorhatte, nämlich «eine ätzende Urlaubsgeschichte» zu schreiben, so eine richtig «bissige Bösartigkeit über Griechen und Griechenlandurlauber». Herausgekommen ist ein witziges Ferienprotokoll, von einer Reise und vom Scheitern des geplanten, geradlinigen Erzählens. Christian Futscher (geb. 1960 in Vorarlberg) ist in diesem giftig gelben, kleinformatigen Bändchen «Nidri. Urlaub total» ein unterhaltsames, kluges Schreiben über das Schreiben gelungen – und die ausgefallene Beschreibung einer stinknormalen Episode aus dem Leben eines Paares, «er» und «sie», authentisch und experimentell künstlich zugleich.

Das Experiment hat zumindest zwei Aspekte: Da sind erstens zwei Menschen aus Wien, die im Ort Nidri auf der Insel Lefkas Ferien machen, wobei sie sich bei strenger Beobachtung nicht viel anders verhalten als die übrigen Versuchskaninchen aus Wien oder sonstwo. Da ist aber zweitens der Versuch des Mannes, über diesen Aufenthalt eine Geschichte zu schreiben oder zumindest «Material» dafür zu sammeln. Natürlich wird nichts aus diesem Werk mit den hochfliegenden Ansprüchen. Oder doch? Mit nach Hause nimmt der glücklose Schriftsteller ein Heft und ein Notizbuch voll löchriger Eintragungen, die sich bei genauem Lesen aber als überaus dichte Prosa erweisen, struppig und tückisch wie bei Arno Schmidt, wo jedes Komma, jede Klammer seine Bedeutung und seinen Haken hat. Er muss es dann nur noch «1:1 abtippen»: Voilà!, das kleine Kunststück, samt Schreibfehlern und holprigen Abkürzungen, Schnappschüsse einer schiefen Idylle mit Goldrand.

So grässlich waren nämlich die Pauschalferien gar nicht, nur ein bisschen öde. So sehr sich der Erzähler auch umsieht, es ist nirgends so anregend scheusslich, wie er es für seine «ätzende Geschichte» brauchte, überall nur mässig fiese Typen. Allseits tummeln sich ihresgleichen, «das Wiener Lokalkolorit nur 5 Meter entfernt». Zwar ist nichts so atemberaubend, wie es der Reiseführer verspricht («die Luftzufuhr funktioniert tadellos»), aber nur weniges ist so aufschreibenswert mies, wie es sich der «urbane Intellektuelle» heimlich wünscht. Also schreibt er auf, was da ist: zwei gelbe Kisten, ein dickes Kind, meist schlechtes Essen. Das bringt ihn aber in seinem bissigen Vorhaben nicht weiter. Er liest in den drei Büchern, die er mitgebracht hat (zwei von Jean-Philippe Toussaint und eins von Georges Perec), sitzt auf dem Balkon und schreibt seine Notizen, in denen er sich beharrlich «er» nennt, nur manchmal rutscht ihm ein signifikantes «ich» heraus. Er möchte ein Zyniker sein, ist aber nur ein Nörgler, jedoch mit reichlich Selbstironie, ein geistig aufgewecktes Ekel in den Ferien.

Die Hauptnahrung für dieses Ich ist der poetologische Groll: gegen die «heitere u. oberflächl. plätschernde Sommergeschichte», gegen die Mode der Mythologie in der neueren Literatur mit ihrem «Göttergewusel», vor allem aber gegen jene «dicken Schinken mit doofen Dialogen», wie sie seine Begleiterin ständig liest. Und hier berührt sich die Kunst mit dem Leben, denn diese «sie» hat nicht nur einen anderen literarischen Geschmack als «er», auch liegt sie nicht ständig mit der Welt im Hader. Offensichtlich ist, was die beiden trennt, verborgen, was sie zusammenhält («Und: da ist das Kind»). – So zerzaust sich dieser Text präsentiert, so effizient und spassig beschreibt Christian Futscher mit wenig Wortaufwand das Dilemma eines modernen Paares und der heutigen Literatur, das alltägliche Kreuz mit der Realität: die Profanierung der hochheiligen Kunst durch Unterhaltungskrimis, das ewige Fortwursteln im Liebeskompromiss.

Franz Haas



Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 24.04.2001
Franz Haas hat offensichtlich viel Spaß an diesem "zerzausten" Text gehabt, in dem sich seiner Ansicht nach nicht nur die Mühen eines Schriftstellers abzeichnen, sondern auch das "Fortwursteln im Liebeskompromiss" eingefangen wird. Haas erläutert, dass der Protagonist, ein Schriftsteller, im Griechenland-Urlaub auf Stoffsammlung aus ist, weil er eine besonders 'ätzende' Geschichte schreiben will. Doch nichts ist im Urlaub so scheußlich, wie er es sich erhofft hat. "Er möchte ein Zyniker sein, ist aber nur ein Nörgler", befindet Haas ganz angetan. Genörgelt wird auch, so Haas, an der angeblich so schlechten Literatur, die die Begleiterin des Protagonisten im Urlaub verschlingt während die Texte des Schriftstellers selbst letztlich "samt Schreibfehlern und holprigen Abkürzungen" zu Papier gebracht werden. Haas begeistert sich für den Witz und die Ironie in Futschers Roman, der vom "Scheitern des geplanten, geradlinigen Erzählens" berichtet. Ein "Ferienroman von stacheliger Intelligenz", lobt der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH

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