Julian Barnes. Nichts, was man fürchten müsste"
Eine, oder besser unzählige Geschichten über den Tod und das Sterben. Viele Beispiele aus dem eigenen Erleben und aus der Geschichte. Manchmal verliert man die Übersicht.
Leicht, locker und ironisch geschrieben, mit einem deutlichen Hauch von Melancholie. Witzige Passagen, man lacht laut auf. Daneben traurig resignierend. Immer mit dem typisch britischem, spöttischen Unterton, alles anscheinend nicht Ernst nehmend.
Der Autor ist angeblich Agnostiker, ich glaube, jedoch eher Atheist, wenn auch nicht so kompromisslos wie sein Bruder.
Es gibt unglaublich gute Passagen, so die über die Verweigerung der Weitergabe der selbstsüchtigen Gene. Nach der 3. Generation ist man als Person sicher vergessen (Urenkelgeneration), existiert vielleicht noch als ferne Fabel. Das eigene Genmaterial in den Urenkeln beträgt noch 12,5 %, also 87,5 % der Gene sind fremd. Nach einer weiteren Generation ist fast nichts mehr vorhanden. Der Autor setzt den freien Willen gegen den biologischen Determinismus der Gene, die ihrer Bestimmung folgend allein ihre Weitergabe erzwingen wollen. Das Hauptargument der Menschen und Eltern ist, dass sie meinen, sie werden durch ihre Kinder nach dem Tod "fortgeführt". Doch führen wir unsere Eltern oder Großeltern wirklich in irgendeiner Weise fort? Wohl eher nicht. Siehe oben.
"Führe Dein Leben hier und jetzt voll aus -tue Dein Bestes, und wenn Sie mich fragen warum- ich weiß es nicht."
Lessing bezeichnet die Geschichte als das Ordnen von Zufällen, und für Barnes ist ein Menschenleben dasselbe im Kleinformat: "Eine Bewusstseinsspanne, in der sich gewisse Dinge ereignen, von denen manche vorhersehbar sind, andere nicht: In der sich gewisse Muster wiederholen, in der das Wirken des Zufalls und des ....freien Willens in eine Wechselbeziehung treten..."
Max Frisch sagte, der Mensch erfinde eine Geschichte und halte sie für sein Leben.
Barnes sagt:" Wir verwandeln seltsamen, unbegreiflichen, widersprüchlichen Input in irgendeine Art von glaubwürdiger Geschichte, aber glaubwürdig vor allem für uns selbst"
Und dann zum Schluss beschreibt Barnes einen Gedankengang des Astrophysikers und Astronomen Martin Rees,der darauf hinweist, daß noch eine unermessliche Zeitspanne vor unserem Planeten und dem Leben liegt ( die Sonne hat noch nicht einmal die Hälfte ihrer Lebenszeit hinter sich), und daß wir gar nicht ahnen können, wohin der darwinsche Selektionsprozess noch führen mag, was noch an Geschöpfen und Bewusstsein entstehen wird. Auch wenn sich die Menschheit noch einige Male atomar oder sonst wie vernichtet. "Was es dann noch an Geschöpfen gibt, wird so verschieden von uns sein, wie wir uns von Amöben und Bakterien unterscheiden."
Eine Fülle tiefer und banaler, zeitweise witziger und trauriger, aber immer lesenswerter Gedanken.
Ein Buch, welches man vor allem in der zweiten Hälfte, nicht mehr aus der Hand legen mag.
Sehr zu empfehlen.