Quereinschüsse
Zsuzsanna Gahses Roman «Nichts ist wie»
Wer Ungarn sagt, denkt 1956 jenes Jahr, das seit dem damaligen Volksaufstand untrennbar verbunden ist mit der ungarischen Geschichte und Identität. Einer Identität, die sich für alle diejenigen, die das Land halb freiwillig, halb gezwungen verlassen haben, in die Bodenlosigkeit des Exilanten wandelte und fortan vor allem im Spiegel der Literatur die beständige Vergewisserung erforderte, an welcher Sprach- oder Ländergrenze entlang Begriffe wie Zugehörigkeit und Heimat überhaupt zu bemessen sind.
Auch Zsuzsanna Gahse, 1946 in Budapest geboren und nach eigenen Worten nun als «Transmigrantin» im Deutschsprachigen lebend und schreibend, nimmt das Jahr 1956 zum Ausgangspunkt ihres neuen Romans «Nichts ist wie»: eine Flüchtlingsgeschichte, doch nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten eine Art Geschichtsrevision aus weiblicher Sicht und schliesslich die (wohl auch autobiographische) Befragung der Lebensläufe zweier Frauen, wie sie unterschiedlicher und zugleich ineinander verstrickter nicht sein könnten.
45 Jahre alt ist Rosa, Protagonistin des Romans, als sie 1956 mit ihren beiden Töchtern über die Grenze flieht, zuerst nach Österreich und von dort aus weiter nach Deutschland. Seit zwei Jahren geschieden von ihrem Mann, «um nicht auf der Stelle einzuschlafen», ist sie getrieben von einem grenzenlosen Willen zur Unabhängigkeit, in den sich die manierierten Attitüden einer Lebedame mischen. Der Übergang in ein anderes Land ist ihr nur mehr willkommener Anlass, endlich ihr eigenes Leben auszukosten. Schon im österreichischen Auffanglager grenzt sie sich ab, «fest entschlossen, die Einsamkeit zu suchen», in einer Unbehelligtheit, die an Ignoranz grenzt und auf ausdrücklichem Nicht-sehen-Wollen beruht. Zumal sie auf die Hilfe anderer nicht allzusehr angewiesen ist, muss sie doch im Gegensatz zu ihren beiden Töchtern die deutsche Sprache nicht erst mühsam erlernen.
Es ist genau jene Sprachgrenze, die die ersten Störungen verursacht zwischen den beiden Familienparteien, auch weil Rosa in ihrem Streben nach Eigenständigkeit jede Verantwortung von sich weist und die Verwirklichung ihrer Freiheit somit nur auf Kosten ihrer Töchter gehen kann. Ein subtiler, fast bis an Rosas Lebensende dauernder Machtkampf entbrennt zwischen ihr und der jüngeren Tochter, mit der Rosa nunmehr alleine lebt; ein trauriger Konkurrenzkampf auch zwischen der jüngeren und der älteren Frau.
Langsam erst erahnt der Leser, dass die nüchtern-distanzierte Erzählstimme dieser jüngeren Tochter angehört, die nicht nur die angestrengte Flucht ihrer Mutter in eine neue Normalität nachzeichnet, sondern sich auch auf Spurensuche ihrer selbst begibt im Spiegel der Biographie ihrer Mutter. Es ist gerade dieses kunstvolle Gegenspiel, mit dem Gahse dies biographische Material vor dem Gewicht des Ausdrücklichen und damit auch vor jedem vereinfachenden Vergleich denn «Nichts ist wie» schützt. Wie leichthin erzählt, scheinen die Abgründe und Beschwernisse beider Leben vielmehr nur an den Nahtstellen ihrer auffälligeren Koordinaten auf.
Gahse, vor allem bekannt für ihre ausgefeilten Wortchoreographien, setzt in diesem Werk weniger auf die ästhetisch verschleiernde Verfremdung des Stoffes. Statt dessen hat die mosaikhafte Suche derer, die ihre Identität neu verorten müssen, ihren poetischen Widerhall gefunden in der Sprunghaftigkeit eines puzzleartigen Textes: Die Chronologie, ohnehin nichts als eine Chimäre des Lebens, hat darin abgedankt. An ihre Stelle tritt das fragmentarische Hin und Her der Erinnerung selbst, durchsetzt von den für Gahse typischen «abzweigenden Gedankengängen» und «Quereinschüssen» in diesem Falle zum Beispiel Ausflüge in die Wortfamilie der Verwandtschaft, in denen Gahse der Verzahnung von Sprache und Identität nachhorcht.
Es ist ein nur scheinbar absichtsloses Hin und Her, das Gahse da webt; selten wohl sind die verzweifelten Manöver derer, die durch die Gefilde der Heimatlosigkeit navigieren, auf solch poetische Weise in ihr Recht gesetzt worden.
Claudia Kramatschek
Zsuzsanna Gahse: Nichts ist wie. Roman. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1999. 169 S., Fr 35..
Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2000
Begeisterung spricht nicht gerade aus Sabine Brandts Besprechung, auch wenn sie Gahses virtuosen Umgang mit der Sprache durchaus zu schätzen weiß. Allerdings fragt sie sich, wieso dieses Buch ein Roman sein soll, denn eine erzählte Geschichte vermag sie hier nicht zu entdecken. Zwar gibt es einen Mutter-Tochter-Konflikt, Lebensszenen aus mannigfachen Weltgegenden und auch philosophische Überlegungen. Dies allein ergibt ihres Erachtens aber noch keine tragende Geschichte. Nach Brandts Ansicht steht die Sprachkunst viel zu sehr im Vordergrund: Das Kunstmittel Sprache reflektiert weitgehend sich selbst, das Buch animiere zum sprachgymnastischen Mitturnen, aber nicht zum Miterleben.
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