Ich habe das Buch, wie einer der anderen Rezensenten auch, gelesen weil mich ein Beitrag im ARD Magazin ttt" darauf aufmerksam und schließlich ziemlich neugierig gemacht hat.
Ich habe es an einem einzigen Tag gelesen, was zwei Gründe hatte. Zum einen ist es ein kurzes Buch. Zum anderen ist es ein hypnotisches Buch. Ich konnte es schlicht nicht mehr aus der Hand legen.
Ist es ein makelloses Buch?
Nein, das ist es nicht. Das ist auch nicht wichtig. Meisterwerke sind nicht Meisterwerke weil sie makellos sind, sondern weil sie etwas Essenzielles unvergleichlich einfangen, das sie bedeutungsvoll macht, und sie, sozusagen, aus der Zeit fallen lässt.
Dieses Buch fällt aus der Zeit...
Wie Janne Teller hier mit unheimlicher Konsequenz und fast wagemutiger Kühnheit ihr Konzept völlig unbeeindruckt von den sonst für Jugendbücher geltenden Regeln in aller grausamen Konsequenz auf hohem Niveau durchzieht und gnadenlos zu Ende denkt - das ist eine tour de force vor der ich den Hut ziehe.
Nichts. Was im Leben wichtig ist" (man beachte wie bereits Titel und Untertitel in verschiedenen möglichen Deutungen doppelbödig miteinander zu spielen scheinen) erzählt, aus der Sicht der erstaunlich distanzierten Ich- Erzählerin Agnes, die als Fabel gebaute und ganz und gar nicht so realistische Geschichte einer siebten Klasse am Gymnasium der dänischen Kleinstadt Taering. Und sie erzählt, wie diese Klasse sich verändert, nachdem einer der Mitschüler, Pierre Anthon, plötzlich seine sieben Sachen in den Schulranzen packt und die laufende Unterrichtsstunde verlässt, weil das Leben sinnlos ist, da wir sowieso alle sterben müssen.
Nichts, so sagt er, sei im Leben von Bedeutung.
Von da an sitzt Pierre Anthon auf einem Pflaumenbaum und bewirft seine früheren Mitschüler mit Pflaumen und mit Wahrheiten, die einem Nietzsche Ehre gemacht hätten, und irgendwie gar nicht wirkten als stammten sie aus dem Mund eines Siebtkläßlers. Er bewirft sie - und beunruhigt sie. Verängstigt sie. Verstört sie. Sehr.
Er könnte nämlich Recht haben...
Irgendwann fühlt die Klasse sich gezwungen etwas zu unternehmen, damit der, der nicht Recht behalten darf, nicht Recht behalten kann.
Der Plan: Im alten Sägewerk werden allerlei die Dinge zusammen getragen, Gegenstände hauptsächlich, die Menschen etwas bedeuten, mit diesem "Berg aus Bedeutung" , den er begutachten soll, wenn er denn fertiggestellt ist, soll Pierre Anthon überzeugt werden, das es mindestens eine Sache im Leben eines Menschen gibt, geben muss, die von Bedeutung ist.
Irgendwann fällt den Kindern auf, dass sie bisher nur Dinge zusammengetragen haben von denen sie sich leicht trennen konnten, die im Sägewerk zurückzulassen ihnen keinen Schmerz bereitet hat. Damit wird man den Störgeist kaum überzeugen können; diese ehrliche Erkenntnis führt unheilvoll zum nächsten Schritt:
Jetzt muss reihum, jeweils bestimmt von den Mitschülern, jeder sein Liebstes, sein Allerliebstes, opfern.
Egal wie weh es tut, egal was die Folgen sind, oder wie ungeheuerlich es ist - und von diesem Augenblick an, da der Geheimplan sich mit Machtspiel, Gruppendynamik, unterschwelligen Konflikten, gährenden Freund- und Feindschaften vermischt, läuft das Kinderspiel in atemberaubender Geschwindigkeit, wie ein Strudel dem nichts und niemand entkommen kann , völlig aus dem Gleis, wird zu einer schrecklichen und grausamen Kaskade der Opferungen, die unaufhaltsam auf ein schreckliches Ende zurast...
Und dieses Ende hat es in sich. Zumal der Leser manches, aber mitnichten alles kommen sehen, und sich daher auf einen ziemlichen Schlag in die Magengrube einstellen kann...
Zwar kann man der Erzählung vorwerfen, dass der Auslöser für das alles, die Verunsicherung durch philosophische Fragen, wohl kaum eine glaubwürdige Motivation darstellt, die Kinder dazu bringen würde einen so komplexen und altruistischen Plan zu schmieden, und sich ihm bis zur Selbstentleibung hinzugeben, besonders da der Gefühlszustand der Verstörung nur sehr andeutungsweise herausgearbeitet ist. Man kann auch anmahnen, dass es diesem Roman an Realismus mangelt, aber wenn man an alle Literatur mit dieser Forderung herantritt, was, darf man fragen, bleibt dann noch übrig? Auch die mangelnde Ausarbeitung der Figuren, die einem, einschließlich der Protagonistin, niemals wirklich seelisch, gefühlsmäßig nahekommen, könnte man anprangern -
- ABER wenn man sich bewusst macht, dass man es hier mir der Gattung der Parabel zu tun hat, erklären sich diese Umstände fast alle von selbst, alles was unklar scheint fällt an seinen richtigen Platz. Und wenn man bedenkt wer einem die Geschichte da erzählt, und was diese Figur zuvor durchlebt hat, wie die Geschehnisse sie gezeichnet haben, dann versteht man plötzlich, dass diese Person die Geschichte nicht anders erzählen konnte, und dass die seltsame Distanz in der Erzählweise kein Mangel, sondern Teil der ungeheuren Konsequenz ist mit der die Autorin ihre Fabel gestaltet hat.
Was bleibt ist ein sehr starkes Jugendbuch mit ungemein vielschichtiger, präziser, scharfer Sprache, die auch die letzte Doppeldeutigkeit noch bis in den dunkelsten Winkel ausleuchtet, ein Jugendbuch von starkem substanziellem Gehalt, das den Leser regelrecht mit Gewalt zwingt sich zu positionieren, ein Jugendbuch von aufreizender philosophischer Tiefenschärfe, das an jene dunklen, düsteren Orte geht, die Bücher wie dieses im Normalfall meiden, ein Jugendbuch von solchem Rang dass auch erwachsene Leser von dieser Reise ins Herz der Dunkelheit keinesfalls unberührt zurückkehren werden...
Ist das Buch geeignet für Kinder geeignet? Definitiv nicht.
Für Jugendliche ab 13, 14 Jahren hingegen scheint es mir, wenn die Lektüre gemeinsam erfolgt und unter Begleitung von Erwachsenen oder Lehrern, durchaus zumutbar zu sein. Ich glaube auch, dass man es zumuten sollte. Es womöglich zumuten muss.
Die Frage, was im Leben von Bedeutung ist, kann und darf auch Jugendlichen nicht erspart werden. Sie muss gestellt werden. Und jeder Mensch, auch ein sehr junger, muss darauf eine Antwort finden. Irgendeine Antwort.
Und wenn dieses starke, provokante, dünne Buch dazu einen Beitrag leistet, diese Diskussion in aller Ehrlichkeit und, ja, auch Härte zu ermöglichen, dann kann man sagen
"Nichts" ist im Leben wichtig.