In einer für ein Werk einer bisher weitgehend unbekannten Autorin außergewöhnlich intensiven Medienkampagne wurde dieses Buch in den letzten Wochen in zahlreichen TV-Magazinen (ttt, Kulturzeit usw.) und Zeitschriften "besprochen". Ein Roman, der sich der philosophischen Frage nach dem Sinn des Lebens stelle und nicht nur Jugendliche an diese Frage heranzuführen, sondern auch Erwachsene aus einer neuen Perspektive zum Überdenken ihrer liebgewonnen Ansichten anzuregen verspricht, klingt wirklich nach einem Buch, an dem man nicht achtlos vorbeigehen sollte. Dazu ein kleiner Skandal - Angriffe aus konservativen Kreisen, dann die Verleihung des Buchpreises, Verbannung und Wiedereinführung als Schulstoff in Dänemark - und man ist sogar ein wenig gewillt, zu glauben, es handle sich dabei tatsächlich um ein "mutiges, tabubrechendes Buch". Angesichts dessen, dass der Text eigentlich nicht sehr lang und die Geschichte nicht sehr komplex ist (man kann das Buch tatsächlich an einem Nachmittag lesen), wurde der Inhalt der Story im Grunde von den Kulturmagazinen bereits komplett "gespoilert" (Achtung beim Weiterlesen!). Da es bei philosophischen Büchern, als welches "Nichts" ja auch angepriesen wird, jedoch immer mehr um die Darlegung und Begründung von Gedankengängen geht, als um das eigentliche Ende der Geschichte, ist das vielleicht zu verschmerzen. Worum geht es also?
Das Leben einer Gruppe von Schülern in Tæring, einem nicht näher charakterisierten Vorort einer dänischen Kleinstadt, wird durcheinandergewirbelt, als Pierre Anthon, einer ihrer Mitschüler, eines Tages den Unterricht mit der Begründung verlässt, "nichts habe Bedeutung, und daher lohne auch nichts einer Anstrengung." Fortan sitzt er auf einem Pflaumenbaum, von wo aus er gelegentlich seine Einsichten zu seinen verärgerten Mitschülern hinabruft. Nachdem ein Versuch, den Spötter mit Steinwürfen gewaltsam zum Schweigen zu bringen, misslingt, verlagern die Schüler sich auf die Idee der Überzeugung. Statt jedoch eine Diskussion über die These zu führen, beginnen sie damit, einen "Berg aus Bedeutung" in einem stillgelegten Sägewerk anzuhäufen. Dafür wird jeder der Schüler von den anderen genötigt, etwas für ihn wertvolles preiszugeben, woraufhin er das nächste Opfer bestimmen darf. Der Wunsch, sich für die eigene Verletzung zu rächen, führt in Verbindung mit der Gruppendynamik zu immer sadistischeren Forderungen. Können sie ihren Mitschüler mit dieser Aktion auch nicht überzeugen, so verleiht ihnen die mediale Aufmerksamkeit, die sie für ihr Projekt erhalten, doch ein vorübergehendes Gefühl von Bedeutsamkeit. Doch stellen sich die alten Zweifel mit dem Ende des medialen Interesses erneut ein, derer man sich nur durch den kollektiven Mord an ihrem Verkünder zu entledigen können glaubt.
Ein Kritikpunkt ist die technische Umsetzung des Stoffes. Kann man über Stil auch grundsätzlich unterschiedlicher Meinung sein, so würde ich von einem Jugendbuch - als welches "Nichts" ja angepriesen wird - doch zuerst erwarten, dass es sich mit den Problemen dieser Altersgruppe befasst, statt nur im Stil einen Schüleraufsatz zu imitieren. Die in jeden zweiten Absatz eingeschobenen dreifachen "Steigerungen" - blau, blauer, am blausten; allein, einsamer, ganz allein; usw. - sollen den Leser wohl in seinem Eindruck bestärken, es hier mit dem Bericht eines Mädchens zu tun zu haben. Irgendwie verstärkt es jedoch eher den durch die "Handlung" bereits erzeugten Eindruck von Wahnsinn. Teller schreibt ohne Berücksichtigung der Sinne: Abgesehen von einer kurzen - ich zögere, es "Ortsbeschreibung" zu nennen - Stelle zu Beginn ist der Text ein fast ausschließlich an Handlung und Rede orientierter Bericht. Es gibt keinen Charakter, der in irgendeiner Weise durch Handlung oder Rede von der Masse der anderen Schüler unterscheidbar wäre. Die Möglichkeit zu Reflexion und Introspektion - durch die Erzählperspektive der ersten Person ja nahelegt - wird, abgesehen von der Schilderung der Exhumierung des jüngeren Bruders einer der Schülerinnen (eine Szene, die fast mehr Platz einnimmt als die gesamte Auseinandersetzung mit Pierre Anthon - und damit etwas über die Prioritäten der Autorin verrät), völlig vertan. Teller vermischt in ihrer Erzählung zudem kontinuierlich metaphorische und reale Ebene: Für eine realistische Handlung gibt es zu viele Ungereimtheiten - der Junge, der für Monate in einem Baum lebt, ohne Fragen seitens der Lehrer oder Eltern zu provozieren; der Umstand, dass keines der Kinder in irgendeiner Weise für die von ihnen begangenen Straftaten behelligt wird; der Umstand, dass sämtliche Kinder sowohl auf Pierre Anthons Provokation wie auch in Fragen des Opfers anderer Mitschüler gleich reagieren. Für ein philosophisches Essay ergeht sich die Autorin dann wiederum zu sehr in morbiden Details, und versäumt darüber hinaus die Begriffsklärungen.
Tatsächlich ist dies einer der gravierendsten Schwachpunkte: Die Frage, was Bedeutung eigentlich meine, wird an keinem Punkt auch nur angedacht, geschweige denn versucht, zu klären. Die Kinder reagieren unmittelbar mit Gewalt - erst durch die versuchte Steinigung Pierre Anthons, dann durch Gewalt gegeneinander in Form der erzwungenen Opfer. Als die Kinder sich entschließen, den Zweifler durch einen "Berg der Bedeutung" zum Schweigen zu bringen, hat sich das Buch bereits vollständig von seinem vielleicht anfänglichen Vorhaben entfernt. Tatsächlich entsteht der Eindruck, die Autorin habe sich für ihre Geschichte an Vorbildern wie Goldings "Herr der Fliegen" orientiert, um eine Situation zu schaffen, in der die Regeln des freundschaftlichen, zivilisierten Miteinander außer Kontrolle geraten. Doch was bei Golding einer gewissen Logik nach aus der Situation folgt - die Isoliertheit der Insel, der Wegfall der durch die Allgemeinheit getragenen Regeln und sozialen Normen der Zivilisation, die Durchsetzung des Prinzips der Herrschaft des Stärksten - folgt in Tellers Erzählung keiner inneren Notwendigkeit, sondern erscheint lediglich durch die allseitige Bereitschaft der Schüler zur Ausübung von Gewalt motiviert. Vermittelt Goldings Roman uns durch die Gegenüberstellung tiefere Einsichten in Sinn und Wesen der zivilisatorischen Regeln, so wird die Situation in Tellers Roman nur dadurch möglich, dass alle gesellschaftliche Situiertheit der Jugendlichen ignoriert wird. Doch hat der Exzess, zu dem sich die Schüler in dem alten Sägewerk gegenseitig treiben, nicht nur nichts mehr mit der Gesellschaft zu tun; er hat auch keinen Bezug mehr zu dem ursprünglichen Thema: Die Opfer, die sich die Mitschüler gegenseitig abverlangen, dienen in keiner Weise dazu, die Thesen von Sinn und Bedeutungslosigkeit zu diskutieren. Statt den Nihilisten im Pflaumenbaum zu widerlegen, übertreffen sie ihn sogar noch, indem sie Bedeutungen zerstören. Die Erzählerin indes reflektiert auch darüber nicht, zu wichtig scheint ihr die Schilderung der sadistischen Details, als dass sie sich Gedanken machen würde, aus welchem Grund diese geschehen.
Es ist interessant, zu sehen, mit welchen Argumenten die Schriftstellerin sich in Interviews gegen verschiedene Vorwürfe verteidigte. Laut eigener Aussage wolle sie mit ihrem Buch gegen die "sinnlosen Konventionen" der Erwachsenenwelt vorgehen. Bezeichnenderweise liefert sie jedoch keine Unterscheidungsmöglichkeit, wie man sinnlose von sinnvollen Konventionen unterscheiden könne. Sollte dies wirklich die Zielsetzung dieses Buches sein, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, sie selbst hätte ihren Stoff nicht ganz verstanden. Tatsächlich lassen sich die Aussagen Pierre Anthons in dieser Form nicht widerlegen. Sie werden nur - zum Glück? - von den meisten Menschen ignoriert. Zwar behauptet Teller, sie habe eine Diskussion anstoßen wollen, doch vermittelt das Buch eine ganz andere Botschaft. Dass "Nichts" nicht deprimiere, sondern die Menschen zu selbstbestimmtem Leben ermutige, wie es in einer der Verlagsanpreisungen heißt, ist eine der üblichen Floskeln, die mit dem Buch nichts zu tun haben. Tatsächlich ermutigt das Buch viel eher dazu, das Nachdenken sein zu lassen: Der Denker wird erschlagen, die Erzählerin wünscht sich, nie mit dem Nachdenken über die Bedeutung begonnen zu haben. Es dürfte ein Glück für das Buch sein, dass viele der jungen Leser - ähnlich wie die Erwachsenen - den Gedanken eben nicht konsequent weiterspinnen.
Ein letzter Punkt ist der verkaufswirksam inszenierte "Skandal", der vielen anscheinend schon als Argument für Qualität gilt, da alles, was Widerspruch provoziert, wohl als Verkündung unangenehmer Wahrheiten gesehen wird. Bei seinem Erscheinen in Dänemark war das Buch zuerst Gegenstand der Kritik, Vorwürfe waren die darin vorkommende Gewalt und die deprimierende Botschaft, und man verbannte das Werk aus dem Schulunterricht. Die Stimmung schlug um, als das Werk mit mehreren Buchpreisen ausgezeichnet wurde, was es in den Augen mancher Kritiker ironischerweise rehabilitierte, und ist nun auch als Stoff an Schulen zu finden.
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