Sven Lechner säuft, kifft, schlägt und hat definitiv die falschen Freunde - dabei kommt er aus gutem Elternhaus und war ein begabter, aufgeweckter Teenager, der den Zukunftspreis der Stadt gewonnen hat. Was ist also mit ihm passiert? Wie ist er auf die schiefe Bahn geraten? Und was muss passieren, damit er sie wieder verlässt?
Mit all diesen Fragen beschäftigt sich Oliver Uschmanns zweites Jugendbuch: "Nicht weit vom Stamm".
Das erste Kapitel macht neugierig, die darauffolgenden ekeln einen zunächst an. Insbesondere als Frau ist man geneigt das Buch kurz zur Seite zu legen. Man will so was nicht lesen. Nicht in dieser brutalen Offenheit, nicht so detailliert. Man will das nicht so nah an sich heranlassen. Aber genau das macht Uschmann immer - und das ist eben auch das, was er am Besten kann - er beschreibt so detailgetreu, dass man den Protagonist quasi vor sich stehen sieht. Man kann ihn sogar riechen, wenn man nur einen Funken eigener Vorstellungskraft hat. Und man ist angewidert. Man will so jemanden nicht kennen und man will gar nicht wissen, wie er tickt. Trotzdem hat die Hauptfigur aber etwas - da war ja was am Anfang! Und natürlich spürt man als Leser auch, dass das irgendwo da drinnen noch ist - das Gute im Menschen. Das was uns antreibt. Also liest man weiter und fragt sich gespannt, wann die Situation sich wendet. Schließlich kommen sie - diese Situationen, im Grunde Alltagssituationen - die Uschmann sich wieder so ausgesucht hat, dass JEDER sie nachvollziehen kann. Diese Hilflosigkeit, wenn man das Gefühl hat, etwas muss doch jetzt passieren, aber die mächtigen Männer legen nur ihre Hände in den Schoß und warten ab. Diese Wut, die in einem hochkocht, wenn alle nur zusehen und niemand was sagt. Nur dass man selbst - im Normalfall - nicht ausrastet. Man ist ohnmächtig, man lässt geschehen. Wer hat Recht und wer hat Unrecht? Welche Mittel sind zulässig um ein Ziel zu erreichen? Spätestens in der Mitte des dicken Wälzers, hat das Buch einen komplett ergriffen. Man hat nun die Tiefen mit der Hauptfigur durchlitten und strebt auf den Wendepunkt zu. Sven hat etwas zu verlieren. Um seine geliebte Schwester zu retten, die am anderen Ende der Welt von einem Wahnsinnigen beschattet wird, muss er sein Leben in den Griff kriegen und kämpfen - nur dass er hier nicht mit seinen Schlägen weiterkommt, sondern sich auf seine eigentlichen Ressourcen besinnen muss.
Das Buch zeigt sehr schön auf, wie aus einem überdurchschnittlich intelligenten jungen Mann ein kleinkrimineller Schlägertyp werden kann. Welche Mechanismen einsetzen, was Eltern alles falsch machen können. Wie das Umfeld dazu beiträgt, dass alles noch viel schlimmer wird. Die Situationen, die Uschmann dafür inszeniert sind stimmig und realitätsnah. Und es bringt Jeden, der mit derartigem Klientel vielleicht auch beruflich zu tun hat, zum Nachdenken. Denn letztlich sagt das Buch - egal, welche Drogen du weswegen nimmst - egal, ob du gewaltbereit, kleinkriminell oder bösartig bist - irgendwo in dir drin, gibt es einen guten Kern und da gibt es auch Ressourcen - es muss nur das Richtige passieren, damit sie aktiviert werden! Es ist schön, so eine Sicht auf die Dinge zu haben und genauso wichtig, sich diese Sicht zu wahren. Auch wenn die Realität manchmal vielleicht doch ein wenig anders ist.
Protagonist Sven jedenfalls hat eine Menge Ressourcen. Uschmann zeigt, wie wichtig Freundschaften sind. Gute Beziehungen. Vitamin B. Nebenher klärt er die junge Generation auch noch über Chancen und Risiken sozialer Netzwerke im Internet auf. Mal wieder verknüpft Uschmann die Inhalte seiner Bücher miteinander und wenn man sein erstes Jugendbuch "Das Gegenteil von oben" kennt, trifft man einige alte Bekannte wieder. Dieses Mal lernt man sie aus anderer Perspektive kennen. Auch das ist super spannend! Eine Art Bonus" für die Fans. Natürlich funktioniert das Buch auch ohne dieses Fanwissen - aber erkennt man die Personen wieder, hat man noch mehr das Gefühl dabei gewesen zu sein. Irre!
Kritiker könnten sagen, dass Uschmann sich hier und da zu sehr in Klischees verliert. Oder dass ein Ende wie es im Buch letztlich passiert, realitätsfern ist. Ich halte dagegen - die Klischees erst machen das Buch so realistisch und wahr - das Ende ist dazu ein guter Gegenpol. Somit ist die Ausgewogenheit wiederhergestellt.
Alles in allem liefert das Buch eine spannende Psychostudie. Es hebt sich erneut meilenweit von anderen Jugendbüchern ab, kommt komplett ohne irgendwelchen Fantasy-Schnickschnack aus und spielt im Hier und Jetzt. Mein kleiner persönlicher "Test" mit einer Gruppe Schüler im Alter von 16 Jahren führte dazu, dass diese sich reihenweise Uschmann Bücher aus der Bibliothek holten. Sie sagten Sachen wie: "Nice!" und "Wow!" und "Man, ich dachte echt, ich kenne diesen Typen in dem Buch persönlich!"
Wer es schafft 16-Jährige Jungs mit Büchern zu faszinieren, in einer Zeit, in der jeder Zweite in dem Alter nur noch vorm PC hockt, ist verdammt nah dran am Puls der Zeit. Hut ab!