Dieses Buch ist bestimmt nicht für jeden bestimmt, was sicherlich die sehr unterschiedlich ausfallenden Rezensionen meiner Vorgänger erklären mag. Insbesondere deshalb, weil sich nicht jeder mit dem Thema Liebe und Selbstverwirklichung in der Liebe auseinandersetzen mag und will.
Der Protagonist dieses Romans (ob autobiografisch oder nicht) löst mit seiner Ich-Perspektive und seinem fast enervierenden Plauderton sehr zwiespältige Gefühle aus.
Ein Chauvinist wird dieses Buch kopfschüttelnd in die Tonne schmeissen und sich für die "Weicheier" seiner Gattung und seines Geschlechts schämen.
Einige Leser und Leserinnen, werden das Buch wahrscheinlich in der Mitte leicht angewidert zur Seite legen. Das mag unterschiedliche Gründe haben. Vielleicht, weil sie vergangene oder aktuelle Partner nicht in diesem Licht betrachten möchten. Vielleicht, weil sie Verhaltensweisen im Umgang mit ihren Partnern bei sich selbst entdecken. Mit ziemlicher Sicherheit, weil niemand so sein will, wie der Erzähler dieser Geschichte.
Bei vielen Lesern jedoch wird ein Prozess der Selbstreflektion einsetzen, der erschreckend ist: Weil die Art, mit der sich der Roman mit dem Thema Partnerschaft beschäftigt Sehnsüchte auslöst, weil das mit ernüchternder Selbsterkenntnis zu tun hat, weil es sich manchmal beschämend und echt anfühlt.
Darin liegt die Faszination dieses Buchs, wenn man sich ihr ergeben mag. Es ist kein spannender Roman, es ist keine Geschichte in der der Protagonist strahlt. Keine herzzereissende Romanze. Keine Hollywood-Happy-End-Schmonzette. Der Leser kann nicht in der Perspektive des Beobachters bleiben. Jeder wird sich an der einen oder anderen Stelle des Romans fragen: Bin ich auch so?
Hier schreibt einer von uns. Einer, den der Spagat zwischen ehelicher und väterlicher Pflicht und der Demütigung innerhalb einer nicht mehr funktionierenden Partnerschaft zerreisst. Einer, der verwirrt ist von der starken Frau, die ihm gegenübersteht und der nicht richtig einschätzen kann, wie er sich ihr gegenüber verhalten soll. Einer, der einem täglichen Krieg bis zur Selbstaufgabe ausgesetzt ist und sich diesem nicht verweigern kann. Der nicht mal mehr einschätzen kann, ob es sowas wie Liebe überhaupt gibt und ob das innerhalb seiner Beziehung vielleicht an ihm liegen mag?
Der deshalb einen nicht vollzogenen Seitensprung kommuniziert. Was in der Beziehung einen Krieg auslöst. Einen Krieg der gegenseitigen Verletzungen und Demütigungen in der Ehe hinaufbeschwört. Beide, er und seine Frau, scheinen mit dem Individualismus und mit der Gleichberechtigung in der Partnerschaft ernsthafte Probleme zu haben, denn jeder von beiden wünscht sich vom anderen die klassische Rolle zurück, ohne ihm das direkt sagen zu können. Während der Protagonist immer tölpelhafter und unsicherer reagiert und damit den Konflikt verschlimmert, wird seine bessere Hälfte immer grausamer und aggressiver. Als Leser schwebt man in einem Zustand objektiven Ekels, da sich beide derart unsympathisch verhalten, dass Identifikation unmöglich ist und man ungerne Partei ergreift. Da Fargue dieses Buch im Plauderton eines Dialogs zweier miteinander bekannter und vielleicht befreundeter Personen erzählt, wechselt das Gefühl von Peinlichkeit, Parteiigkeit bis hin zu Mitleid.
Unser Anti-Held erzählt uns von einer Mitspielerin, die ihn letztendlich motiviert, aus diesem Muster auszubrechen. Gespielt von einer seelenverwandten Italienierin, die ihm auf einer Visitenkarte im Restaurant die Nummer hinterlässt. In ihr findet er die Erfahrung von Gleichklang zwischen zwei Menschen. Wie im wahren Leben kann und will er sich aber nicht entscheiden.
Und setzt selbst diese Chance aufs Spiel. Den Rest lesen Sie besser selbst.
Mich hat an diesem Buch vor allem meine emotionale Reaktion fasziniert. Dieses Gefühlschaos erklärt für mich auch die unterschiedlichen Rezensionen hier.
Man fragt sich sogleich: Wo stehe ich denn selbst? Jeder, der eine lange Beziehung gelebt hat oder lebt, lebt mit Kompromissen. Doch wie weit reichen meine eigenen? Die Ich-Perspektive des Erzählers, der vermeintliche Dialog macht fast erlebbar, wie man sich etwas schönreden kann. Dem Leser ist es offensichtlich, dass das, was Fargues da erzählt äusserst ungesund und demütigend ist. Aber würde man das einem Freund so sagen? Und selbst wenn - würde man es sich selbst eingestehen, wenn man in der Situation wäre?
Sollte dieser Roman autobiografisch sein, so muss man Fargues für diese ehrliche Aufarbeitung wirklich Respekt zollen. Denn er spricht eine Wahrheit aus, die viele von uns nicht hören wollen. Vor allem mit sich selbst geht er schonungslos um. Er beschreibt sich - und damit sicherlich viele Männer - die nicht in der Lage sind, sich festzulegen in ihrer Suche nach Glück. Die sich verletzen lassen, verletzen, indem sie keine klare Position beziehen. Ich bin davon überzeugt, dass sich viele von uns in einem der drei Hauptcharaktere des Romans finden.
Und letztendlich und ganz ehrlich: Ausser für die Besetzung der Rolle der Italienerin würde sich keiner bewerben.
Ich finde, man muss das gelesen haben. Nicht wenn man Unterhaltung sucht. Sondern das Leben.